Tunnel-Streit
Versiegen kroatische Quellen wegen des neuen Straßenprojekts?
In Kaštel Sućurac nahe der dalmatinischen Küstenmetropole Split herrscht heuer helle Aufregung. Seit dem Beginn der Tunnelbauarbeiten am Kozjak-Massiv klagen die Bewohner über drastisch sinkende Wasserstände in der gesamten Region. Betroffen sind historische Quellen, private Hausbrunnen sowie die beiden für das lokale Ökosystem und die Landwirtschaft unverzichtbaren Bäche Bucavica und Vrilo. Wo noch vor wenigen Monaten klares Wasser floss, herrscht heute oft nur noch staubige Trockenheit.
Auch interessant
Lokale Aktivisten und Umweltschützer schlagen deshalb lautstark Alarm. Sie betonen nachdrücklich, dass derartige Niedrigwasserstände in der Region selbst in den heißesten Sommermonaten noch nie zuvor gemessen wurden. Für die Betroffenen steht felsenfest, dass die herrschende Sommerdürre an der Adria keinesfalls die alleinige Schuld an dieser ökologischen Misere trägt. Sie vermuten vielmehr eine schwerwiegende Störung des sensiblen unterirdischen Hydrologiesystems durch die massiven Sprengungen und Grabungsarbeiten im Inneren des Berges.
Entdeckung einer Höhle befeuert den Verdacht
Laut Berichten des kroatischen Rundfunks HRT hat die Baustelle vor Kurzem ein brisantes Geheimnis offenbart. Die Mineure stießen bei den Tunnelvortriebsarbeiten offenbar auf eine riesige unterirdische Höhle, die als natürlicher Wasserspeicher diente. Anstatt die Arbeiten an dieser Stelle sofort zu stoppen, um den Vorfall durch Geologen und Umweltbehörden prüfen zu lassen, soll die kroatische Straßenbaugesellschaft "Croatian Roads" das dortige Wasser einfach abgepumpt und die Arbeiten fortgesetzt haben.
Dieser rücksichtslose Umgang mit der Natur macht die Bürger der Region fassungslos. Ein betroffener Anwohner äußerte gegenüber dem staatlichen Fernsehen HRT seine düstere Prognose für die Zukunft der Region: "Ich befürchte, es wird ein Dauerzustand bleiben, denn wenn es sich um ein schlimmeres Problem handelt, und so scheint es, dann ist es ihnen einfach egal." Die Bürger fordern nun eine sofortige, vollkommen unabhängige Inspektion der Baustelle, um das tatsächliche Ausmaß der ökologischen Schäden zu bewerten.
Straßenbaugesellschaft weist alle Vorwürfe zurück
Die staatliche kroatische Straßenbaugesellschaft wehrt sich indessen vehement gegen die schweren Anschuldigungen aus der Bevölkerung. Ivica Budimir, der Direktor von "Croatian Roads", wies die Vorwürfe in einem Statement gegenüber dem dalmatinischen Nachrichtenportal morski.hr entschieden zurück und bezeichnete die Sorgen der Anwohner als unbegründete Panikmache ohne wissenschaftliche Basis.
Budimir argumentiert vor allem mit der geografischen Distanz der betroffenen Gewässer zum eigentlichen Baugeschehen im Berg. Laut seinen Angaben liegen die ausgetrockneten Bäche bis zu fünf Kilometer vom Kozjak-Tunnel entfernt, weshalb eine Beeinträchtigung des Grundwasserspiegels physikalisch vollkommen ausgeschlossen sei. "Es besteht absolut kein Zusammenhang", betonte der Direktor unmissverständlich und erteilte den Forderungen nach einem vorübergehenden Baustopp eine klare Absage.
Der Kozjak-Tunnel und seine strategische Bedeutung
Das umstrittene Großprojekt ist kein unbedeutendes Vorhaben, sondern von herausragender strategischer Bedeutung für die gesamte Infrastruktur Dalmatiens. Der Kozjak-Tunnel ist das Herzstück der geplanten "Neuen Einfahrt nach Split" (Novi ulaz u Split), die den chronisch überlasteten Adria-Verkehr vor allem während der Hauptsaison revolutionieren soll.
- Die betroffenen Gewässer: Die Quellen, Brunnen sowie die Bäche Bucavica und Vrilo in Kaštel Sućurac sind nahezu ausgetrocknet, was die lokale Bevölkerung gefährdet.
- Der Höhlen-Vorwurf: Berichten zufolge stießen die Tunnelbauer auf eine wasserführende Höhle und pumpten diese einfach leer, anstatt ein geologisches Gutachten abzuwarten.
- Die Verteidigung des Bauherrn: Direktor Ivica Budimir spricht von einer Distanz von fünf Kilometern zwischen Baustelle und Bächen und schließt Einflüsse aus.
- Der chinesische Baukonzern: Das renommierte Konsortium China Road and Bridge Corporation (CRBC) führt die Arbeiten am Kozjak-Massiv aus.
Chinesische Expertise für Dalmatiens Zukunft
Realisiert wird der schwierige Tunnelbau von einem echten Schwergewicht der weltweiten Baubranche. Das chinesische Staatskonsortium China Road and Bridge Corporation (CRBC) hat den Zuschlag für das Millionenprojekt erhalten. Es ist dieselbe erfahrene Firma, die bereits die legendäre Pelješac-Brücke erfolgreich fertiggestellt und damit ihre logistische und bauliche Expertise bei kroatischen Großprojekten eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat.
Ob das chinesische Konsortium und die kroatischen Behörden dem Druck der besorgten Bevölkerung letztlich nachgeben werden, bleibt abzuwarten. Solange keine unabhängigen geologischen Gutachten vorliegen, wird der Streit um das kostbare Nass in Dalmatien wohl weiter eskalieren. Für die geplagten Urlauber bleibt zu hoffen, dass das wichtige Verkehrsprojekt nicht im Sumpf eines langwierigen ökologischen Streits versinkt.
OE24 TV Live-Stream
OE24 TV Live-Stream
Fehler im Artikel gefunden?Jetzt melden