Österreich-Strom für Deutschland

Für kommenden Winter

Österreich-Strom für Deutschland

Unsere Nachbarn können unbesorgt sein: Mit Austro-Strom werden sie versorgt.

Deutschland soll auch ohne das Wiederanfahren eines bereits stillgelegten Atomkraftwerks durch den kommenden Winter kommen - und dabei greifen österreichische Energieversorger dem Nachbarland mit thermischen Reservekapazitäten unter die Arme. Insgesamt 1.075 Megawatt (MW) Nettoleistung haben EVN, Verbund und Wien Energie zugesichert, weitere 832 MW könnten ab Jänner aus dem neuen Verbund-Kraftwerk Mellach kommen.

Energie aus der Steiermark
Durch die neuen Strom-Mengen aus dem Gas- und Dampfkraftwerk Mellach in der Steiermark könnte sich die Deutschland zur Verfügung stehende zusätzliche Erzeugung in der zweiten Winter-Hälfte auf 2.916 MW erhöhen. Für die erste Hälfte des kommenden Winters stehen Deutschland 2.084 MW bereit. Neben den 1.075 MW Netto-Leistung aus Österreich (ohne Mellach) stammen 1.009 MW aus Süddeutschland selbst, etwa von den drei Großkraftwerken Mainz-Wiesbaden, Mannheim und Ensdorf, die im Bedarfsfall angefahren werden könnten.

EVN
Von den 1.075 MW aus Österreich hat den Großteil die EVN angeboten und zwar 450 MW aus dem Block Theiß Kombi Erdgas sowie weitere 335 MW aus Theiß und Korneuburg (je ein Block Erdgas). Auch für den darauffolgenden Winter 2012/13 kann sich die EVN erneut Kapazitäten vorstellen, eine Angebotstellung könnte im Sommer 2012 erfolgen. Derzeit wird das Gaskraftwerk Theiß Kombi wegen der Marktlage gar nicht eingesetzt. 150 MW stellt der Verbund bereit (Neudorf-Werndorf 2, Öl oder Gas), 140 MW die Wien Energie (Donaustadt 1, Öl oder Gas). Darüber hinaus werde die Verbund AG nach erfolgreichem Abschluss des Probebetriebs im Jänner 2012 Mellach mit 832 MW Nettoleistung in Betrieb nehmen, heißt es im Bericht der Bundesnetzagentur.

Keine Reserve aus Atomstrom
Auf die Nutzung eines Atomkraftwerks als Reserve für mögliche Stromengpässe verzichtet die Netzagentur, wie die Behörde am Mittwoch in Berlin laut AFP mitteilte. Für die Stabilität des Netzbetriebs sollen zur Not Kohle- und Gaskraftwerke sorgen.

Im Fall außergewöhnlicher Störungen bleibe "das Übertragungsnetz ohne Einsatz eines Reserve-Kernkraftwerks beherrschbar", erklärte Netzagentur-Chef Matthias Kurth. Seine Behörde hatte aufgrund des deutschen Atomausstiegs mehrfach vor einem steigenden Risiko für die Stromnetze im Winter gewarnt. Eine kritische Situation könnte entstehen, wenn an einem kalten Wintertag viel Energie gebraucht und gleichzeitig wenig Strom aus Sonne oder Wind gewonnen wird.

Fehlt ein Gigawatt?
Die Behörde geht davon aus, dass in Extremsituationen rund ein Gigawatt (GW) - also 1.000 MW - Leistung in Süddeutschland fehlen könnte. "Es handelt sich nicht um rein theoretische Fälle, sondern um Konstellationen, die im realen Netzbetrieb eintreten können", sagte Kurth.

Die Netzagentur machte insgesamt fünf Kraftwerke aus, die bei Engpässen wieder angefahren werden können: Block 3 des Großkraftwerks Mannheim, das Kraftwerk 2 in Mainz-Wiesbaden, Block C des Kraftwerks in Ensdorf, das Kraftwerk Freimann in München sowie die Ölraffinerie Oberrhein sollen demnach insgesamt gut ein Gigawatt Leistung liefern können, wenn dies benötigt wird. Gut ein weiteres Gigawatt könnten die genannten Kraftwerke in Österreich liefern.

Ob die Reserve-Kraftwerke benötigt werden, ist unklar. "Wenn wir einen milden Winter bekommen, wird vielleicht nicht eines dieser Kraftwerke laufen müssen", sagte Kurth. Kommt die Reserve zum Einsatz, könnte dies auch den Strompreis steigen lassen. Die Reserve-Kraftwerke sind solche, die normalerweise zu teuer sind, um Strom zu produzieren. Im Notfall liefern sie dann zu vorher vereinbarten Konditionen Strom. Der ist teurer als normaler Strom, die genauen Kosten stehen aber noch nicht fest. "Das wird zwar etwas kosten, aber die Sicherheit muss uns das wert sein", sagte Kurth.

Der Behördenchef warb daher auch darum, einzelne konventionelle Kraftwerke später stillzulegen als bisher geplant, damit auch diese als Reserve dienen könnten. "Entspannung" könne erst eintreten, wenn neue Kraftwerke in Betrieb genommen würden. Das müssten auch in Zukunft häufig Kohle- oder Gaskraftwerke sein, sagte Kurth: "Für die kommenden Jahre halte ich konventionelle Kraftwerke für unverzichtbar."

Strommnetze ausbauen
Zudem müssten die Stromnetze so schnell wie möglich ausgebaut werden, denn diese seien "am Rande ihrer Belastbarkeit", sagte Kurth. Dies ist etwa nötig, um Windstrom aus dem Norden in die Industriezentren im Westen und Süden Deutschlands zu transportieren. Ansonsten kann es vorkommen, dass an sich ausreichend Strom in Deutschland produziert wird, er aber nicht bei seinen Empfängern ankommt.

Für das Kohlekraftwerk in Mannheim hatte Baden-Württemberg zugesagt, Umweltschutz-Vorschriften zu ändern, um Block 3 nutzen zu können. Die grün-rote Landesregierung wollte damit den Einsatz eines AKW verhindern. Das Land begrüßte nun die Entscheidung der Netzagentur: Damit sei das primäre Ziel erreicht, keines der wegen Sicherheitsmängeln abgeschalteten acht Atomkraftwerke wieder ans Netz nehmen zu müssen, erklärte Umweltminister Franz Untersteller (Grüne).