Welt-Börsen weiter im Bann von Japan

Atom-Katastrophe

Welt-Börsen weiter im Bann von Japan

Europas Anleger bleiben trotz Nikkei-Plus skeptisch.

Nach dem "Schwarzen Dienstag" an der Tokioter Börse haben sich die Aktienmärkte am Mittwoch in Europa nur wenig beruhigt. Weitere Hiobsbotschaften aus Japan verhinderten eine deutliche Erholung. "An der Nachrichtenlage in Japan hat sich so viel nicht verändert", erklärte Heino Ruland von Ruland-Research. Die Kursgewinne an der Tokioter Börse beruhigte die Gemüter der Anleger in Europa nur kurz. "Die Unsicherheit in Fukushima sorgt ganz klar für sehr hohe Nervosität", erklärte ein Händler.

Die Indizes in London und Paris drehten ins Minus und verloren fast ein Prozent. Der DAX gab seine einprozentigen Anfangsgewinne ab und lag mit 6.649 Punkten zu Mittag auf dem Niveau vom Dienstagabend. Nach 12 Uhr rutschte der DAX nach anfänglicher Stabilisierung doch wieder ins Minus mit 0,15 Prozent Abschlag auf 6.638 Zähler.

Verluste und Gewinne
In Wien stand der ATX zu Mittag bei 2.721 Zählern, ein Plus von 0,28 Prozent. Am stärksten im Minus standen dabei mit mehr als einem Prozent die Titel der Erste Group und der OMV, insgesamt notierten aber 15 der 20 ATX-Werte im Plus. Der Tokioter Nikkei-Index schloss 5,7 Prozent fester - am Dienstag war der japanische Leitindex um 10,6 Prozent eingebrochen, so dass sich das Minus seit Wochenbeginn auf gut 17 Prozent belaufen hatte.

Angst vor Verseuchung
Viele Experten fürchten weiterhin eine großflächige Verseuchung sowie eine radioaktive Wolke, die auch die Metropole Tokio mit rund 35 Millionen Einwohner gefährden könnte. Die Nachrichtenagentur Kyodo meldete unter Berufung auf das Verteidigungsministerium, wegen der hohen radioaktiven Strahlung könne kein Löschwasser auf den Reaktor in Fukushima abgeworfen werden, in dem eine Kernschmelze droht.

Widersprüchliche Meldungen
Die Meldungen aus Japan über die Fortschritte sind oft widersprüchlich, so dass das Ausmaß der Katastrophe auch fünf Tage danach noch nicht klar ist. Erstmals seit dem Erdbeben vom vergangenen Freitag meldete sich am Mittwoch Kaiser Akihito zu Wort. Er sei "zutiefst besorgt" angesichts der Ereignisse nach dem schweren Erdbeben, das von "noch nie gesehenem Ausmaß" gewesen sei. Dem Beben war ein Tsunami gefolgt, der Hunderttausende von Menschen im Nordosten Japans obdachlos machte.

So blieben Händlern zufolge viele Anleger sehr vorsichtig. Zunächst trauten sich zwar einige Schnäppchenjäger an den Markt, die das deutlich niedrigere Kursniveau zum Wiedereinstieg nutzen wollten. Doch waren die Umsätze deutlich niedriger als am Vortag.

An der Spitze der Indizes standen vor allem jene Aktien, die am Dienstag besonders stark verloren hatten. Im Dax waren dies vor allem Münchener Rück und Infineon, die je etwa zwei Prozent zulegten. Beide waren an den vergangenen fünf Handelstagen mehr als zehn Prozent gefallen.

Zudem holten E.ON und RWE wieder auf: E.ON legten knapp zwei Prozent, RWE 0,4 Prozent zu. "Auch wenn sich die Versorger heute erholen, wenn die alten schon abgeschriebenen Atomkraftwerke tatsächlich abgeschaltet bleiben, wird für sie eine Cash Cow wegfallen", erklärte Ruland. Das werde die Ergebnisse der deutschen Versorger belasten. Am Vortag hatte die Bundesregierung die Abschaltung aller sieben älteren Reaktoren in Deutschland angekündigt.

Europaweit gerieten vor allem die Bankenwerte unter Druck. So fielen die Aktien der stark auf Asien ausgerichteten HSBC um 2,8 Prozent.

Neben der Entwicklung in Japan gingen die Blicke der Anleger in Richtung Naher Osten. Dort spitzt sich die Lage immer weiter zu. Während in Libyen Machthaber Muammar Gaddafi immer weiter nach Osten vorrücken, kam es in Bahrain zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Opposition und Regierung. Die Opposition sprach von einem "Vernichtungskrieg". Das Fass Nordseeöl der Sorte Brent verteuerte sich um 1,6 Prozent auf 110,20 Dollar, US-Leichtöl wurde mit 98,52 Dollar 1,4 Prozent höher gehandelt. In Reaktion auf die Entwicklung in Japan - der weltweit drittgrößten Volkswirtschaft - war der Ölpreis zu Wochenbeginn eingebrochen.