400.000 Infektionen pro Tag

Indien und das große Sterben

Indien und das große Sterben
© Getty
Die Mutante B.1617 hält Indien im Würgegriff. Das Gesundheitssystem kollabiert, täglich sterben tausende Menschen. Ein Ende ist nicht in Sicht.
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Humanitäre Hilfe ist angelaufen, doch mittlerweile werden selbst die Tragen für die Toten knapp. Ein Land im absoluten Ausnahmezustand.

Mängel überall

Anjan Prasad Majumdar ist Sauerstoffhändler in Kalkutta. Er bietet auf der Straße einen Behälter um rund zehn Euro an. Der Sauerstoff darin reicht für 115 Atemzüge.
Sauerstoff ist rar in den indischen Spitälern. Oft hängen zwei Patienten an einer Flasche. Und Betten werden nur frei, wenn B.1617 wieder ein Todesopfer gefordert hat. Es mangelt an Ärzten und klinischem Personal. An Beatmungsgeräten, Schnelltests oder Schutzbekleidung schon länger. Die Sterbenden werden vor den Türen der Krankenhäuser abgewiesen. Ihre Angehörigen pilgern mit ihnen von Spital zu Spital. Mittlerweile bringt die Armee Infizierte in Hotels, Eisenbahnwaggons oder Aschrams, den klosterähnlichen Meditationszentren, unter. Wer keinen Platz mehr findet, geht zu Händlern wie Anjan.
In den Parks von Neu-Delhi werden die Bäume gefällt. Man braucht das Holz für Scheiterhaufen, um die immer größer werdende Zahl an Toten verbrennen zu können. Die Kapazitäten der Krematorien sind längst ausgelastet.

B.1617, eine ansteckendere und gefährlichere Super-Mutante

Mehr als 60 Prozent der Neuinfektionen sind auf die Doppel-Mutante B.1617 zurück­zuführen, die nun den Namen indische Mutation trägt. Es ist eine Variante, die gleich mehrere Mutationen aufweist, darunter E484Q und L452R.
Mit diesen Abkürzungen wird die genaue Position der ­jeweiligen Erbgutveränderung im Virus-Genom angegeben. Es sind Flucht-Mutationen, die dem menschlichen Immunsystem entkommen und bereits Geimpfte ebenso wieder infizieren können. Letztlich ist B.1617 eine Kombination der Virusmutanten aus Großbritannien und Südafrika. Weltärzte-Präsident Frank Ulrich Montgomery: „Die Mutante ist ansteckender und im Krankheitsverlauf weit schlimmer.“

Erschreckende Zahlen

Es ist ein Corona-Tsunami: In dem Land mit 1,3 Milliarden Menschen werden täglich an die 400.000 Neuinfektionen und zwischen 3.000 und 4.000 Tote gemeldet, was weltweit traurige Höchstwerte darstellt. Und die Schwelle von 200.000 Todesfällen ist längst überschritten. Narinder Mehra vom All India Institute of Medical Science in Neu-Delhi aber sagt: „Die Dunkelziffer wird zehn- bis 30-mal höher liegen als die offiziellen Zahlen.“

Sorglosigkeit

Dabei hatte sich Indien nach der ersten Welle im vergangenen Sommer mit knapp 100.000 Fällen pro Tag auf einem guten Weg in Richtung Herdenimmunität befunden. Das normale Leben kehrte wieder, was jedoch zu mehr und mehr Sorglosigkeit führte. Maskentragen war passé, Abstände wurden so gut wie gar nicht mehr eingehalten.
Dazu kamen Massenzusammenkünfte: So Veranstaltungen im Zuge der Kommunalwahlen in Westbengalen, das Frühlingsfest Holi, wo sich die Menschen in Mengen und ohne Masken mit Farbpulver bewarfen und es sich gegenseitig ins Gesicht schmierten, oder das Fest der Hindus, Kumbh Mela, wo sich Zehntausende am Ganges versammelten, um sich beim rituellen Bad von ihren Sünden reinzuwaschen. „Mutter Ganga wird uns beschützen“, sagte eine Frau. Es blieb beim irrigen Wunsch. Denn nun sind bereits die Tragen für die Toten knapp.

Hilfe

Internationale Hilfe ist angelaufen. Aus den USA, Deutschland, Großbritannien, Russland und auch Österreich. Sogar China, mit dem man im Grenzkonflikt lebt, hilft. Und Österreich hat, wie bereits nahezu alle Länder, Einreisebeschränkungen verhängt.
Und mittlerweile ist bereits in Salzburg ein Verdacht auf die indische Variante B.1617 aufgetreten.

Katastrophale Fehler

Unter der Regierung von Premier Narendra Modi reiht sich ein katastrophaler Fehler an den anderen. Mehr als 18 Millionen Infektionen seit Pandemiebeginn. Und auch hier, so wie bei der Zahl der Toten und Neuinfizierten pro Tag, dürfte das wahre Ausmaß verschleiert werden. Und das im Angesicht eines ohnehin verheerenden Gesundheitssystems.Dabei hatte sich Indien anfangs noch wacker gegen die Pandemie geschlagen. Doch die Ausbreitung der Virusvariante B.1617 und gravierende Fehler der Regierung unter der hindu-­nationalistischen BJP-Partei von Modi haben das längst zunichtegemacht.

Die Massenveranstaltungen als ein politisches Kalkül

So wurde viel zu früh das Ende der Krise ausgerufen, Öffnungsschritte erfolgten viel zu rasch und laut einem Bericht der Financial Times hatte man sich auch unzureichend auf eine zweite Welle vorbereitet. So sei beispielsweise von Anfang an klar gewesen, dass die Sauerstoffversorgung in den Spitälern für den Notfall niemals ausreichen würde. Doch hinter dem Ganzen steckte offenbar auch politisches Kalkül. Fanden doch in fünf indischen Bundesstaaten Wahlen statt, bei denen mehr als 175 Millionen Menschen zur Stimmabgabe aufgerufen waren.
Die Wahlen, wie etwa in Westbengalen, sind zudem für die BJP-Partei von besonderer Bedeutung. Versucht man hier auch mit allen Mitteln, erstmals an die Macht zu gelangen. Und Massenveranstaltungen sind ein probates Mittel dazu. Premier Modi zeigte sich jedenfalls „begeistert“, als er in Kalkutta vor 800.000 Menschen sprach.

Impfstoff-Politik

25 Millionen Pilger drängten sich zudem bei der Kumbh Mela, einem der größten religiösen Feste der Welt. Ohne Abstand, ohne Maske.
Auch die Impfstoff-Politik schlug fehl. So bestellte die Regierung aus „Patriotismus“ zu wenig bewährte Impfstoffe, wie etwa jene von Biontech
Pfizer, und setzte stattdessen auf einen eigenen experimentellen Impfstoff. Und aus „Nationalstolz“ wurden Vakzine trotz Knappheit exportiert, um sich in Konkurrenz gegenüber China den Ruf als „Apotheke der Welt“ zu sichern. Erst jetzt wurde hier die Notbremse gezogen. Doch es scheint zu spät.

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