Jener Jugendbande, die brutal gegen Wohnungslose, Suchtkranke und vermeintlich Pädophile vorging, wurde der Prozess gemacht. Nun wird dem Hauptangeklagten auch versuchter Mord vorgeworfen.
Wien. Am Wiener Landesgericht ist am Donnerstag der Prozess gegen drei Burschen fortgesetzt worden, die als Haupttäter einer gewalttätigen Jugendbande gelten. Laut Anklage ging die Gruppierung von Ende Juni bis Ende August 2025 in einer Vielzahl von Fällen mit äußerster Gewalt und getragen von evidentem Sadismus und Empathielosigkeit gegen Wohnungslose, Suchtkranke und vermeintliche Pädophile vor. Zu Beginn der heutigen Verhandlung wurde die Anklage ausgedehnt.
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Jugendliche standen am Donnerstag vor Gericht.
Die Staatsanwältin wirft nun dem Hauptangeklagten - einem 16-jährigen Rumänen - neben Fällen von schwerer und absichtlich schwerer Körperverletzung auch versuchten Mord vor. Er hatte am 20. August in verabredeter Verbindung mit mehreren Mittätern einen ehemaligen Freund im Vogelweidpark in Wien-Rudolfsheim-Fünfhaus aufs Schwerste misshandelt. Zunächst prügelte er den 18-Jährigen zu Boden und trat ihm dann mehrfach mit voller Wucht ins Gesicht bzw. gegen den Kopf. Auch mehrere Knie- und Ellbogenstöße verpasste er dem Opfer. Motiv: Der 18-Jährige hatte mit der Freundin des Rumänen gesprochen, worin dieser eine "Beleidigung" erblickte.
Ein weiterer Angeklagter - ein 16 Jahre alter Syrer - würgte das Opfer, das zuvor mit blutverschmiertem Gesicht auf Knien um Gnade gebettelt hatte, mittels eines Armstreckhebels derart heftig, dass der 18-Jährige das Bewusstsein verlor und reglos wegsackte. Auch dem Syrer wird zu diesem Faktum versuchter Mord angelastet.
"Ich hab" ihn fast umgebracht"
Die schockierende Gewalttat wurde aus mehreren Blickwinkeln mit Handys gefilmt, die der Hauptangeklagte postete bzw. über Snapchat verbreitete. Er verschickte auch mehrere Audio-Nachrichten, die nun im Gerichtssaal abgespielt wurden. Sie dokumentierten, dass sich der junge Rumäne nach dem Gewaltexzess mit der Tat brüstete. "Ich hab' ihn fast umgebracht. Er hat keine Luft mehr bekommen. Er hat Blut gespuckt", war auf einer Nachricht zu hören. In einer anderen stellte er mit hörbarem Stolz fest: "Nase, Kiefer gebrochen."
"Ich wollte ihn nie umbringen. Ich war wütend, ich war dumm. Ich hab mir gedacht, er wird ins Krankenhaus kommen", versicherte der Rumäne. Er sei "von Frakturen" ausgegangen. Vor der Tat hatte der 16-Jährige allerdings "Ich schwöre, ich werde ihn umbringen" angekündigt, wie eine weitere Audio-Nachricht belegte. Auch von "Demolieren" war darin die Rede.
"Ich hab' ihn nur gewürgt"
Der ebenfalls 16 Jahre alte Syrer erklärte auf Frage der Richterin, er habe "nicht so stark hingeschlagen. Ich hab' ihn nur gewürgt." Er habe nicht mit dem Tod des 18-Jährigen gerechnet: "Ich hab' gewusst, er ist verletzt."
Das Opfer wurde von einem Passanten am Boden liegend aufgefunden und in weiterer Folge ins Spital gebracht. Der 18-Jährige wies Mehrstückbrüche des linken Oberkieferknochens, Bruchspalten in der Augenhöhle samt einer Einblutung in die linke Kieferhöhle sowie eine Sprengung der Knochennaht zwischen Stirnbein und Jochbein auf. "Es ist fast ein Glück, dass nicht mehr passiert ist", hatte Gerichtsmediziner Christian Reiter zu Beginn der Verhandlung Mitte März erklärt. Die Fußtritte hatten laut Reiter "die Energie, wie wenn man einen Elfer schießt im Fußball." Jeder einzelne Tritt ins Gesicht bzw. gegen den Kopf war demnach mit Lebensgefahr verbunden.
Urteile am späten Nachmittag erwartet
Die angeklagte Bande umfasste insgesamt acht Burschen und ein 15-jähriges Mädchen, die Ex-Freundin des Hauptangeklagten. Vier Angeklagte wurden in erster Instanz bereits zu bedingten, zwei zu teilbedingten Haftstrafen verurteilt. Für die drei verbliebenen Angeklagten - neben dem 16-jährigen Rumänen und dem gleichaltrigen Syrer ein 17-jähriger Rumäne - geht es im Fall von anklagekonformen Schuldsprüchen um mehrjährige Haftstrafen. Mit den Urteilen dürfte am späten Nachmittag zu rechnen sein.
Auch Fälle von sogenanntem Pedohunting waren von der Anklage umfasst. Zwei Betroffenen wurde nicht nur Gewalt angetan, ihnen wurden auch ihre Wertsachen abgenommen. Es gebe "überhaupt keinen Anhaltspunkt", dass es sich bei diesen Opfern um Männer mit einer pädophilen Störung gehandelt habe, betonte die Staatsanwältin. Die Angeklagten hätten ihren Opfern einen "unmoralischen bzw. unredlichen Lebenswandel" unterstellt. Es sei ihnen darum gegangen, diese "in Form von Selbstjustiz" zu bestrafen.
Kennen gelernt hatten sich die Beschuldigten in Parks und über Freunde. Der Hauptangeklagte ging im inkriminierten Tatzeitraum beinahe täglich gegen meist wehrlose Opfer vor, die er am Westbahnhof oder anderen Orten, die von Wohnungslosen und Suchtkranken frequentiert werden, suchte. In unterschiedlicher Zusammensetzung begleiteten ihn die anderen Angeklagten, wobei zumindest einer stets filmte. Diese - meistens aus unterschiedlichen Blickwinkeln aufgenommenen - Clips landeten dann auf diversen Plattformen und fanden rasch Verbreitung. Etliche Opfer konnten gar nicht ausgeforscht werden, da Suchtkranke und Wohnungslose den Weg zur Polizei scheuen.
"Ich mach Liegestütze"
Vom Gericht wurden die verstörenden Videos umfassend erörtert. Zu sehen war etwa, wie der 16-jährige Rumäne am Westbahnhof ein Opfer regelrecht zusammentritt. "Machen Sie Kampfsport?", wollte die vorsitzende Richterin wissen. Der 16-Jährige verneinte: "Ich geh in Park. Ich mach Liegestütze." Der gleichaltrige Syrer gab an, er habe "mitgemacht, weil ich mich beweisen wollte". Ihm sei es darum gegangen, "dass die anderen nicht denken, dass ich ein Schwächling bin". Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.