Kamm bis Keramik

Fundstücke aus Lager Liebenau im Graz Museum

Während der NS-Zeit wurden im Zwangsarbeiterlager Graz-Liebenau bis zu 5.000 Personen gefangen gehalten 

Graz. Ein Kamm, eine Zahnbürste, ein verbeultes Essgeschirr: Archäologische Fundstücke aus dem Areal des ehemaligen Zwangsarbeiterlager Liebenau stehen im Zentrum der neuen Ausstellung des Graz Museum. Sie sind Relikte einer bewegten Geschichte der Jahre 1940 bis 1945. Sie werfen Fragen auf und laden ein, sich mit der jüngeren Vergangenheit auseinanderzusetzen. Erinnerungskultur, Bewahrung von Kulturerbe sowie Stadt und Demokratie sind Schwerpunkte im Jahresprogramm des Museums.

Die von Susanne Lamm, der Leiterin der Stadtarchäologie Graz, und Annette Rainer vom Graz Museum kuratierte Ausstellung "Lager Liebenau" im Gotischen Saal des Graz Museum zeigt rund 30 Objekte, die durch die Ausgrabungsarbeiten dem Vergessen entrissen wurden. Weitere rund 350 werden der Öffentlichkeit durch die Online-Sammlung zugänglich gemacht.

Kamm mit Geschichte

Unter den ausgestellten Objekten findet sich ein fragmentarisch erhaltener Kamm. Er stammt von einer Zwangsarbeiterin. Das kann man sicher sagen, erzählte Kuratorin Lamm am Dienstag im Zuge der Presseführung. Denn im Kamm fand man einen Namen eingeritzt - jenen von Vlasta Siroka. Die Frau aus dem damaligen Protektorat Böhmen und Mähren wurde 1944 zur Arbeit als Hilfsarbeiterin in Graz gezwungen. In welchem Betrieb ist nicht bekannt, aus den Lagerakten gehe aber hervor, dass sie in der Baracke 168 einquartiert war: eine Baracke mit 183 Quadratmetern, darin waren noch 196 andere Menschen untergebracht, wie Lamm schilderte.

Ein anderes Objekt ist ein verbeultes Metallgefäß. Auch dieses wird als Alltagsgegenstand den Zwangsarbeitern in Liebenau zugeordnet. Es trägt deutliche Gebrauchsspuren und ein Monogramm, doch es führt zu keiner konkreten Person. Das Lager Liebenau war während der NS-Zeit ein Ort des Schreckens. Umsiedlerinnen und Zwangsarbeiterinnen wurden hier untergebracht, und es war Schauplatz von Verbrechen des Nationalsozialismus. Viele der ausgestellten Fundstücke stammen aus dieser dunklen Epoche, andere aus Zeiten davor oder danach, wie man in der Grazer Ausstellung sehen kann: die Figur eines liegenden Pferdes aus Porzellan aus dem tschechischen Odov, ein Porzellanfragment mit französischer Beschriftung und dem Aufdruck "PH.Suchard neuchatel" aus dem späten 19. Jahrhundert, ein Sparschwein aus Keramik.

Dialog mit der Vergangenheit

Die Ausstellung geht jedoch über das bloße Zeigen von Fundstücken hinaus. Sie lädt die Besucher in Form von Notizzetteln dazu ein, aktiv Teil des Dialogs zu werden, die Fundstücke zu entschlüsseln und auch ihrer Bedeutung für die Gegenwart nachzugehen. Das Rahmenprogramm umfasst Vorträge und auch geführte Touren durch das ehemalige Zwangsarbeiterlager.

Während der NS-Zeit wurden im Zwangsarbeiterlager Graz-Liebenau bis zu 5.000 Personen gefangen gehalten. Viele kamen ums Leben. Im April 1945 war es eine Station des Todesmarsches ungarischer Juden vom Südostwallbau in Richtung KZ Mauthausen. Viele überlebten den Aufenthalt nicht. Bei einer Exhumierung 1947 wiesen 34 der 53 gefundenen Leichen tödliche Schusswunden auf. Die genaue Zahl der Opfer bleibt bis heute ein Rätsel. Die Spuren dieser dunklen Vergangenheit sind tief im Boden des Areals verankert. 2022 fanden auf dem Areal gezielte archäologische Grabungen statt.

Vielfältiges Jahresprogramm

Für das Jahr 2026 hat sich das Graz Museum noch viel vorgenommen: Unter dem Motto "Stadt und Demokratie II" lädt Direktorin Sibylle Dienesch zum "Nachdenken über ein zukunftsgerichtetes Handeln" ein. "Wir richten uns so aus, dass wir in unserem sichtbaren und unsichtbaren Tun einen Beitrag zur Gestaltung der Zukunft leisten", wie Dienesch sagte. Die drei Metathemen "Demokratie und Bürger*innen-Beteiligung, Erinnerungskultur, Kulturerbe bewahren" kommen etwa in der noch bis Februar 2027 laufenden Ausstellung "Demokratie, hearst!" zum Tragen. Ab dem 9. Juni ist eine Schau über die 1970er-Jahre in Graz zu sehen. Weiters stehen eine partizipative Ausstellung zum Stadtteil Reininghaus in der dortigen Tennenmälzerei am Programm. Im April wird es im Museum ein Frühlingsfest (11. April) für Groß und Klein, sowie ein "Wundergartenfest" am Schlossberg (12. April) geben. Und in den Sommerferien lädt das Museum zur "Hofpause": Dann kann der begrünte Innenhof bei freiem Eintritt zum Ausspannen, Spielen und Entdecken genützt werden.

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