Kurz: ''Wollte früher Maßnahmen verschärfen''

Kanzler im "ÖSTERREICH"-Interview

Kurz: ''Wollte früher Maßnahmen verschärfen''

Kanzler Kurz über die zweite Welle und wie wir Situation in den Griff kriegen können. 

ÖSTERREICH: In Österreich gab es gestern über 900 Neuinfektionen. Das ist jetzt die zweite Welle, oder?

 Sebastian Kurz: Ich hatte bereits vergangene Woche gesagt, dass wir in Österreich den Beginn der zweiten Welle erleben. Und ich bleibe dabei. Wir haben ein exponentielles Wachstum, das zwar noch leicht ist, aber eben da. Daher meine dringende Bitte an die Bevölkerung sich an alle Maßnahmen – Abstand halten, Maske tragen, Hygiene und soziale Kontakte reduzieren – zu halten.

ÖSTERREICH: Viele Menschen kennen sich aber bezüglich der Maßnahmen offenbar nicht mehr aus. Andere nehmen sie überhaupt nicht mehr ernst. Ist das nicht ein Problem?

Kurz: Die Regeln sind ganz klar: Die Maske muss in ­einigen Bereichen – im gesamten Handel, in den ­öffentlichen Verkehrsmitteln, in Amtsgebäuden, in der Pflege, im Krankenbereich getragen werden. In der Gastronomie darf nur noch im Sitzen, nicht mehr im Stehen konsumiert werden, da wir zuletzt gerade im Barbereich gehäufte Ansteckungen verzeichnet haben. Privates Feiern außerhalb der eigenen vier Wände – egal, ob Geburtstagsfeiern oder gemeinsame Sportschauen, ist auf maximal zehn Personen beschränkt. Da wir gesehen haben, dass gerade dort, wo sich die Leute sicher fühlen – im Kreis von Freunden und Bekannten –, die Ansteckungsgefahr steigt.

ÖSTERREICH: Die Neuinfektionen stiegen ja schon seit einiger Zeit an. Es hieß, dass Sie bereits vor zwei/drei Wochen Verschärfungen wollten. Warum kamen die dann nicht früher?

Kurz: Es stimmt, dass ich schon seit Ende des Sommers die Maßnahmen verschärfen wollte. Es ist aber nicht meine alleinige Entscheidung. Jetzt haben wir uns in der Regierung gemeinsam auf Verschärfungen geeinigt, die auch sehr notwendig sind.

ÖSTERREICH: Mittlerweile gibt es auch einige Reisewarnungen gegen Österreich oder Wien. Ist das nicht auch ein Schaden?

Kurz: Reisewarnungen bedeuten immer auch einen wirtschaftlichen Schaden. Ich verstehe, dass die Gastronomie und Hotellerie gerade auch in Wien jetzt sehr angespannt sind. Wir müssen jetzt alle gemeinsam gegen diese hohen Infektionszahlen ankämpfen.

ÖSTERREICH: Sacher-Chef Matthias Winkler hat mir gesagt, dass „wir uns in dieser Situation keine schwarzen Schafe“ etwa in der Nachtgastronomie leisten können.

Kurz: Das ist richtig. Daher wird Innenminister Nehammer jetzt auch eine Aktion scharf starten und die Nachtgastronomie ganz genau kontrollieren.

ÖSTERREICH: In Italien gab es etwa in Sardinien auch Probleme in der Nachtgastronomie. Die Regierung dort hatte beim ersten Wiederanstieg die Nachtgastronomie geschlossen. Warum ist das hier nicht passiert?

Kurz: Es ist ja mit der früheren Sperrstunde passiert. Einige haben leider Umgehungen genutzt. Das darf nicht mehr zugelassen werden. Daher die Aktion scharf.

ÖSTERREICH: Viele Menschen fragen sich, warum die vergangenen Monate nicht zur besseren Vorbereitung genutzt wurden. Wien stockt jetzt das Contact Tracing massiv auf. Auch in anderen Bundesländern gibt es Probleme mit Testkapazitäten und Contact Tracing. Warum ist da nichts passiert?

Kurz: Ich habe den Eindruck, dass einige die Situation unterschätzt hatten und die Maßnahmen, die nötig gewesen wären, nicht rechtzeitig umgesetzt haben. Ich hoffe, dass die Situation in Wien nicht außer Kontrolle gerät.

ÖSTERREICH: Wir verzeichnen aber einen Anstieg in ganz Österreich, einige Bezirke sind tief orange, oder?

Kurz: Ja, wir haben in ganz Österreich einen klaren Anstieg, es gibt aber regional schon große Unterschiede. In Wien lebt ein Viertel der Gesamtbevölkerung, aber hier verzeichnen wir rund die Hälfte der Neuinfektionen.

ÖSTERREICH: Kann die Wintersaison noch gerettet werden?

Kurz: Am Tourismus hängen sehr viele Jobs in ganz Österreich. Wir müssen alles tun, damit er in sicherem Rahmen stattfinden kann. Aber dafür müssen wir uns jetzt alle zusammenreißen und gemeinsam wieder die Neuinfektionen eindämmen. Wenn wir zusammenhalten, ist das möglich.

ÖSTERREICH: Sie haben kürzlich gesagt, dass Sie Licht am Ende des Tunnels sehen. War das nicht zu optimistisch?

Kurz: Das habe ich aber mit der Einschätzung verbunden, dass davor der Herbst und Winter noch sehr hart werden. Dabei bleibe ich. Gestern habe ich die CEOs von den großen Pharmakonzernen Roche, Novartis und Lonza in der Schweiz getroffen, um mich über Corona-Medikamente und Impfstoffe zu informieren. Es werden große Fortschritte im Bereich Medikamente, Tests und auch Impfstoff gemacht. Ich bin daher überzeugt, dass sich die Situation im Sommer 2021 wieder normalisieren kann.

Interview: Isabelle Daniel

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