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Exklusiv

Mr. PISA will eine neue Schule

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PISA-Chef Haider hat ein Zehn-Punkte-Programm verfasst. So sollen im Unterricht und Schulorganisation neue Standards erreicht werden.

Der Leiter des Projektzentrums für Vergleichende Bildungsforschung (ZVB) und österreichische PISA-Verantwortliche Günter Haider spricht sich für die Einführung einer "kleinen Matura" mit 14 Jahren aus. Als neue Form einer mittleren Reife soll sie nach acht Schuljahren für jeden Schüler vor der weiteren Ausbildungs- bzw. Berufswahl ein Zwischenergebnis sein bzw. einen ersten formellen Abschluss bilden.

Provokante Forderungen
PISA-Chef Haider hält der nächsten Regierung schon jetzt sein 10-Punkte-Programm unter die Nase: Fünf pädagogische und fünf schulorganisatorische Aufgaben müssten „unbedingt“ erledigt werden, fordert der Bildungsexperte, der selbst als möglicher Minister einer Regierung mit SPÖ-Beteiligung gehandelt wird, gegenüber ÖSTERREICH. Schließlich werde der Schulalltag noch immer vom Frontalunterricht – in Gymnasien im Fach Mathematik gar zu 90 Prozent - beherrscht. Und: Ein Viertel der Pflichtschulabgänger hat „ernste Probleme“ entweder beim Lesen oder in Mathematik. Das Schulsystem gehe im Wesentlichen auf die 60er und 70er Jahre zurück, eine große Schulreform sei hoch an der Zeit.

Kleine Matura
Wichtigster Punkt im Forderungskatalog von Haider ist die Einführung einer „kleinen Matura“ mit 14 Jahren. Als neue Form der „mittleren Reife“ soll diese „Matura mit 14“ für jeden Schüler ein Zwischenergebnis sein, bevor er sich frei für eine weitere Berufs- oder Bildungslaufbahn entscheiden kann.

Danach soll es in der Oberstufe ein Kurssystem mit 60 Prozent Pflichtkursen und mit 40 Prozent (!) Wahl- und Freifächern geben.

Kein Sitzenbleiben
Das Wiederholen einer Klasse soll damit abgeschafft werden. Bei negativen Noten wird nur noch der einzelne Kurs wiederholt.

Haider will die Schulpflicht auf 12 Jahre erhöhen, ferner Ganztagsbetreuung in allen (!) österreichischen Schulen anbieten und zusätzlich die Förderstunden für schwächere Schüler vervielfachen.

Haider fordert auch den Abbau von Bürokratie. Er will eine Verwaltungsreform für das Schulsystem.

Die Bildungssprecher der fünf Parteien reagierten in einem ersten Rundruf positiv auf diese „Totalreform“.

Eine „Matura mit 14“ können sich alle Parteien vorstellen. SPÖ und Grüne halten einen Großteil der Haider-Vorschläge - auch das Abschaffen des Sitzenbleibens - für richtig. ÖVP und FPÖ stehen Haiders Idee vom „Kurssystem“ noch skeptisch gegenüber. Die Diskussion ist eröffnet.

Experte als SPÖ-Ministeroption
Der PISA-Österreich-Chef ist als möglicher neuer Bildungsminister im Gespräch. Bei einer Pressekonferenz in Innsbruck antwortete er auf eine entsprechende Frage: „Wir werden sehen, welche Angebote nach der Wahl kommen“, sagte er. Es sei für jeden Wissenschaftler eine Ehre, in Zusammenhang mit einem so hohen Amt ins Gespräch gebracht zu werden.

Der gebürtige Oberösterreicher war 15 Jahre Volks-, Hauptschul- und Poly-Lehrer und in der Lehrerbildung tätig. Er promovierte in Psychologie und Erziehungswissenschaft und leitetet das Projektzentrum für Vergleichende Bildungsforschung an der Universität Salzburg, das unter anderem für die PISA-Studie verantwortlich ist. Er verbrachte lange Forschungsaufenthalte in den USA (Boston).

2003 wurde Günter Haider von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer zum Vorsitzenden der Zukunftskommission berufen. Er fiel bei der Ministerin in Ungnade, als er betonte, dass die meisten Vorschläge nicht umgesetzt seien.

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