Fast 42 Jahre an der Macht

Karl Wendl: Gaddafis bizarres Leben

von
Karl Wendl: Gaddafis bizarres Leben
© oe24
ÖSTERREICH-Reporter Wendl analysiert den Tod des Diktators.
OE24 auf Google bevorzugen

Weder Mao noch Stalin waren länger im Amt als er. Nur Fidel Castro kann auf eine ähnlich um zwei Jahre längere Amtszeit zurückblicken, wobei der Begriff Amtszeit eigentlich falsch ist – Gaddafi hatte gar keine offizielle Position. Er war weder gewählter Präsident, noch Parteichef, noch Staatschef. Er war bloß Oberst, Revolutionsführer. Mächtigster Mann im Staat. Der Einzige, der entscheidet. Das reichte. Bis zum 20. Oktober.

Putsch
Am 1. September 1969 putschte er in Tripolis als blutjunger Hauptmann gegen den ungeliebten und unfähigen König Idriss. Machte kurzen Prozess mit dessen „Weißer Garde“, eine Machtergreifung, die leicht fiel. Gaddafi verkörperte damals jenen Geist islamischen Siegesbewußtseins, jenen revolutionär-religiösen Taumel, der Moslems mitreißt. Sein Habitus strahlte Geheimnisvolles aus, Verwirrendes. Er war ein schöner Mann. Groß, kräftig, ausdrucksvoller Beduinenkopf, sympathische Jugendhaftigkeit, katzenhafter Gang. Sein brennend starrer Blick hatte ständig etwas Gehetztes.

Zuletzt war Gaddafi nur noch ein alternder Exzentriker, ein Politik-Komödiant in schrillen Phantasieuniformen. Die Gesichtshaut lasch, die Lippen hängend, die Augen verquollen, ein Schatten seiner selbst.

Bloß sein schrilles Erscheinungsbild während seiner kreischenden Ansprachen aus seinem Bunker Bab al Asisija während der NATO-Luftangriffe auf seine Festung in Tripolis erinnerte noch an den Revolutionär von damals, als er versuchte, seine eigene Nation in eine egalitäre, islamische Gesellschaftsform einzuschmelzen. Bei seinen Auslandsreisen wohnte er im Beduinen-Zelt. Bis zuletzt musste ihm seine ausschließlich weibliche Leibgarde Kamelmilch servieren. Jetzt starb er vor einer Betonröhre im Wüstensand.

Gaddafi getötet: Sein Leben in Bildern


1 / 27

Gaddafi getötet: Sein Leben in Bildern

© oe24

Gaddafi getötet: Sein Leben in Bildern

© oe24

Gaddafi getötet: Sein Leben in Bildern

© oe24

Öl und Gas und dennoch kein reiches Land!
Gaddafi brachte seinem Volk keinen Reichtum. Er stattete sein Land lediglich mit nationaler Arroganz aus, doch das reichte nicht zur Führerschaft in der arabischen Welt und in Afrika. Zwar musste in Libyen niemand Hunger leiden, aber der Lebensstandard war niedrig, Infrastruktur und Löhne waren nicht mit Dubai zu vergleichen. Sein Projekt, aus Libyen (nur sechseinhalb Millionen Einwohner) eine geschlossene Vorhut der arabischen und islamischen Wiedergeburt zu machen, war gescheitert. Und das, obwohl eine Laune der Geologie im tripolitanischen Boden Gaddafi alle erdenklichen Möglichkeiten gegeben hat – Libyen verfügt über immensen Erdölreichtum, exportierte fast ebenso viel Öl pro Kopf wie Saudi Arabien.

Gaddafi wuchs in der Sahara auf. Als Kind armer Beduinen. Die Wüste war sein Zuchtmeister, sein Zelt sein Schloss. Als Schüler wurde er missachtet, vernachlässigt. Er hatte kaum Chancen gegen die Söhne wohlhabender und arroganter Feudalherren. Daraus wuchs sein brennendes Bedürfnis nach Macht und sozialer Gleichmacherei, eine Beschreibung, die in Biographien vieler Revolutionäre zu finden ist: „In der Einsamkeit zwischen Sand und Firmament entstand sein fanatisches Verlangen nach Abrechnung mit der korrupten und gottlosen Welt“, analysiert Gaddafi-Kenner Peter Scholl-Latour.

Mit Terror zum Weltfeind!
Dieses prophetische Sendungsbewusstsein machte Gaddafi zum Motor jeder Form revolutionären Umsturzes. Jahrzehntelang pumpte der Oberst als Spinne im weltweit verzweigten System des Terrors Geld in Tod und Vernichtung. Er finanzierte die moslemischen Terroristen in Mindanao und palästinensische Bomber. Seine Emissäre unterstützten die Mörder der „Irisch-Republikanischen-Armee“, die Bomber der ETA, die Killer der RAF in Deutschland, die OPEC-Geiselnehmer in Wien.

Wo immer Blutvergießen entstand,
waren Gaddafis Männer nicht weit. So auch am 21. Dezember 1988. Damals schmuggelten libysche Geheimagenten unter Führung von Gaddafi-Agent Abdel Bassit Ali Mohammed al Megrahi eine Höllenmaschine an Bord des PanAm-Jumbos „Maid of the Seas“. 38 Minuten nach dem Start der Maschine mit Ziel New York detonierte die Zeitbombe in 10.000 Meter Höhe über der schottischen Ortschaft Lockerbie. Alle 259 Menschen an Bord sowie elf Bewohner des Marktfleckens kamen bei dem Anschlag ums Leben. Al Megrahi, der Mann, der dieses Inferno ausgelöst hat, wurde erst vor einem Jahr in Tripolis frenetisch gefeiert, nachdem die Schotten ihn freigelassen haben. Gaddafi begrüßte den Massenmörder mit Bruderkuss. Die Schotten haben ihn nach Hause geschickt, weil er an Prostatakrebs leidet. Und das schottische Recht im Falle einer todbringenden Erkrankung die Begnadigung eines Verurteilten zulässt. Heute liegt der Lockerbie-Attentäter vom Krebs gezeichnet in einem Haus am Stadtrand von Tripolis.

Sirte - Heimatstadt Gaddafi´s endgültig befreit

Gaddafi und das Geschäft mit der Geiselnahme!
Gaddafi hat nach den Anschlägen von 9/11 öffentlich dem Terror abgeschworen. Ein Mann wie er kann aber seine Gefühle, seine Vergangenheit, nicht auswechseln. Schließlich versteht das Geschäft der Geiselnahme keiner besser als er. Zuerst hielt er jahrelang bulgarische Krankenschwestern fest, weil diese libyschen Kindern absichtlich aidsverseuchte Blutkonserven verabreicht haben. Die Krankenschwestern wurden zum Tode verurteilt, in Straflager geschickt, Psychoterror pur. Zuletzt begnadigte Gaddafi die bedauerswerten Frauen. Er brauchte Handlungsspielraum bei Gesprächen mit der EU und Brüssel ging in die Knie. Dann führte Gaddafi die Schweiz vor, weil die Genfer Polizei im Juli 2008 seinen Sohn Hannibal (das fünfte von acht Kindern) festgenommen hatte. Hannibal Gaddafi flüchtete nach Algerien. In seinem Konvoi saßen sein bruder Mohammed, seine Mutter und seine Schwester Aisha. Aisha brachte noch am Grenzübergang zwischen Libyen und Algerien ein Kind zur Welt.

Bis zuletzt wollte Gaddafi nicht wahrhaben, dass er sein Land, sein Volk verloren hat. Nach dem Fall von Tripolis setzte er sich völlig überstürzt in die Wüstenfestung Bani Walid ab. Von dort ging es weiter in seinen Geburtsort Sirte an der Mittelmeerküste. In seiner Residenz in Tripolis ließ er alles zurück: Briefe, Tausende Fotos, alle persönlichen Gegenstände, sogar die meisten seiner Uniformen. Gaddafi hätte auch ins Ausland flüchten können. Er tat es nicht: „Allah ist mit den Standhaften“, hatte er noch vor wenigen Tagen aus seinem Versteck in Sirte verkünden lassen. Es war seine letzte Botschaft.

Ganz Libyen feiert Gaddafis Tod


1 / 42

Saif-al Islam angeblich festgenommen

So feiert Libyen den Tod von Gaddafi

© oe24

So feiert Libyen den Tod von Gaddafi

So feiert Libyen den Tod von Gaddafi

© EPA

So feiert Libyen den Tod von Gaddafi

So feiert Libyen den Tod von Gaddafi

© EPA

Staatsbesuche: So traf Gaddafi die Welt


1 / 17

So traf Gaddafi die Welt

Gaddafi und Haider in Tripolis18.April 2004: Gaddafi empfängt Jörg Haider, Hubert Gorbach und Ursula Plassnik in Tripolis.

© APA/EPA

So traf Gaddafi die Welt

Gaddafi und Ferrero-Waldner im Beduinenzelt4.Mai 1999: Gaddafi empfängt die damalige österreichische Staatssekretärin Benita Ferrero-Waldner (ÖVP) in seinem Beduinenzelt in Tripolis.

© APA/EPA

So traf Gaddafi die Welt

Gaddafi und Obama9. Juli 2009: Begegnung zwischen Gaddafi und US-Präsident Obama auf dem G8-Gipfel im italienischen L'Aquila

© Reuters

Das sind die Kinder von Gaddafi


1 / 16

Saif-al Islam angeblich festgenommen

MOHAMMED MUAMMAR AL-GADDAFI: Der älteste Sohn Gaddafis wurde 1970 geboren und ist das einzige Kind aus Gaddafis erster Ehe mit Fatiha al-Nouri, von der sich der Machthaber im gleichen Jahr scheiden ließ. Er war Vorsitzender der staatlichen Post- und Telekommunikationsgesellschaft. Er floh am 29. August nach Algerien.

© oe24

Saif-al Islam angeblich festgenommen

SEIF AL-ISLAM AL-GADDAFI: Er galt lange als möglicher Nachfolger seines Vaters an der Staatsspitze. Häufig zeigte sich Saif al-Islam, der in Wien und London studierte, bei Fernsehauftritten, in denen er in perfektem Englisch über nötige Reformen in seinem Land sprach. Zu Beginn der Proteste versprach er Veränderungen, schlug dann aber einen zunehmend unversöhnlicheren Ton an. Nach der Eroberung von Tripolis durch die Aufständischen Ende August war der 39-Jährige untergetaucht. Am Samstag wurde der mit internationalem Haftbefehl Gesuchte im Süden des Landes festgenommen.

© oe24

Saif-al Islam angeblich festgenommen

SAADI AL-GADDAFINach einer Sperre wegen Dopings verzichtete er auf eine Karriere als Profifußballer und widmete sich ab 2004 seiner Tätigkeit als Vorsitzender der libyschen Investmentgesellschaft Lafico. Außerdem machte der 1973 geborene Saadi Karriere in der Armee, wo er eine Eliteeinheit führte. Saadi galt als Anhänger von Reformen und einer Öffnung des Landes. Er setzte sich am 11. September in den Niger ab.

© oe24

Fehler im Artikel gefunden?Jetzt melden