Seit 27 Jahren

Tirolerin lebt in Bebenort

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Die gebürtige Innsbruckerin Ursula Aichholzer arbeitet als Übersetzerin in Aquila. Sie erlebte das Beben hautnah mit. In ÖSTERREICH schildert sie ihren Schock.

Jedes Mal, wenn die Erde bebt, stürzt Ursula Aichholzer aus ihrem kleinen Haus ins Freie. Die Angst sitzt überall tief in Aquila, auch bei der 48-jährigen Innsbruckerin, die mit ihrer Familie seit 27 Jahren in dem Stadtteil Cansatessa lebt.

Viele Häuser in dem Dorf sind beschädigt. Auch Ursula Aichholzers ist betroffen, aber sie hat noch Glück: Risse in der Fassade, aber keine eingestürzten Wände. Nur die Einrichtung hat das Erdbeben heftig durcheinandergewirbelt. Das Haus von Ursula Aichholzer dient seit Montag der halben Familie und einigen Nachbarn als Zufluchtsort. Alle haben ihre Wohnung verloren.

„Mein Sohn und meine Schwiegertochter aber hatten wirklich Glück“, erzählt sie. Tatsächlich sind die beiden nur knapp dem Tod entgangen. Sohn Giulio und seine Freundin Sara haben die Nacht auf Montag in Saras Wohnung verbracht. „Ich bin mitten im Erdbeben aufgewacht“, erzählt Giulio. „Und plötzlich ist die Decke eingestürzt.“ Das Mauerwerk krachte auf das Bett, verfehlte das Paar um wenige Zentimeter. Sara wurde leicht verletzt, wurde nach Rom ins Spital gebracht. Giulio hilft beim Zivilschutz. So wie der Ehemann von Ursula Aichholzer.

ÖSTERREICH: Wie haben Sie das Erdbeben erlebt?
Ursula Aichholzer: Die Erde hat schon vorher zweimal gebebt: Um elf und um eins. Das um elf haben wir noch gespürt, danach sind wir schlafen gegangen. Um halb vier hat es plötzlich laut gekracht, alles hat sich bewegt, die Mauern, die Kästen. Ich habe nur gehört, wie es geklirrt hat und wie Dinge auf den Boden gefallen sind. Mein Mann Franko und ich sind dann schnell aus dem Bett raus. Aber wir konnten fast nicht mehr aus dem Zimmer raus, weil sich ein großer Kasten vor die Türe geschoben hat. Es war stockdunkel, weil der Strom ausgefallen war. Meine Tochter ist mir dann am Gang schreiend entgegengekommen. Wir sind dann nur noch raus aus dem Haus. Ich hatte nur meinen Pyjama an. Eine Decke habe ich mir noch geschnappt und den Autoschlüssel. Weil ich mir gedacht habe: Wenn das Haus jetzt einstürzt, haben wir gar keinen Platz mehr zum Schlafen.
ÖSTERREICH: Was haben Sie dann gemacht?
Aichholzer: Wir sind dann auf der Straße gestanden, mit allen Nachbarn. Ich bin drauf­gekommen, dass ich die Hunde noch am Haus angebunden habe, und bin noch einmal zurück. Dann habe ich schon den Schaden gesehen: Überall lagen Scherben. Alles lag auf dem Boden herum. Viele Kästen waren umgefallen. Sogar die schwere Kredenz hat es um zehn Zentimeter verschoben. Ich habe dann Tee gemacht, weil wir noch kurz Gas hatten, und habe den Nachbarn Tee gebracht. Mittlerweile ist das Gas aber aus.
ÖSTERREICH: Ist das das erste Erdbeben dieser Art, das Sie erleben?
Aichholzer: 1982 mussten wir schon einmal eine Woche in Zelten schlafen. Damals gab es aber nur kleine Schäden und keine Toten.
ÖSTERREICH: Das Beben wurde vorhergesagt. Sind Sie ärgerlich, dass man die Menschen nicht rechtzeitig aus der Gefahrenzone gebracht hat?
Aichholzer: Danach ist man immer gescheiter. Es bebt jetzt schon seit Jänner. Wir leben auch in einer Erdbebenzone, das wissen auch die Menschen. Ich glaube, dass man nicht vorhersagen konnte, dass es so schlimm wird.

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