Proteste in Schule

Proteste in Schule

Transsexuelle Lehrerin darf unterrichten

Wenn Andrea S. am ersten Schultag das Klassenzimmer in der HTL Spengergasse in Wien Margarethen betritt, werden viele Schüler ihren ehemaligen Lehrer für Informationstechnologie nicht wieder erkennen. Denn Walter S. trägt jetzt Frauenkleider. Und Schmuck. Sieht auch körperlich aus, wie eine Frau: hochgewachsen, schlank, große Brüste, halblanges, blondes Haar.Dem Direktor der Schule ist Andrea ein Dorn im Auge: Er legte ihr indirekt nahe, zu gehen. Für eine Stellungnahme war der Direktor nicht erreichbar.

Breiter Gegenprotest auf Internetforen entbrannt
Auch der Obmann des Elternvereins macht nun gegen die Rückkehr Andreas an der Spengergasse mobil. Sein Argument: "Die Schule darf nicht zur Spielwiese von Outings werden". Er fordert psychologische Betreuung für die Schüler. Die Geschichte der transsexuellen Lehrerin löste in Österreich heftige Debatten aus. Im Internet bildeten sich am Wochenende sogar Foren, die gegen den Obmann des Elternvereines schießen: "Die Aussagen des Obmannes dürften nicht mit allen anderen Mitgliedern des Elternvereins abgesprochen worden sein. Man fordert bereits dessen sofortige Absetzung. Auch die Schülervertretung versteht den Protest des Obmannes nicht", heißt es in Kommentaren.

Schule: Ort der Toleranz, nicht der Diskriminierung
Nun schaltete sich das Ministerium ein: Bildungsministerin Claudia Schmied gab grünes Licht für Andreas Verbleib an der Schule. In einer Stellungnahme heißt es dazu: "Es spricht nichts dagegen, dass der Lehrer als Frau unterrichtet. Die Schule ist ein Ort der Toleranz und bietet keinen Platz für Diskriminierung." Und weiter: "Bei Lehrern kommt es auf die Qualifikation und nicht auf das äußere Erscheinungsbild an." Im Regen stehenlassen will Schmied die Schüler trotzdem nicht.

SPÖ-Bildungsministerin Schmied kündigt Maßnahmen an, die dazu dienen sollen, bei Eltern und Schülern der HTL Sensibilisierung zu schaffen, um mit dem Thema "Transsexualität" besser umzugehen.

Andrea selbst ist zuversichtlich, dass ihre Schüler ihre neue Identität gut annehmen werden. Im ÖSTERREICH-Interview (siehe unten) betont sie, wie wichtig es sei, Kindern und Jugendlichen beizubringen, mit gesellschaftlicher Vielfalt umzugehen.

Leichtgefallen ist es der Lehrerin nicht, sich zu outen. Die Angst vor gesellschaftlicher Ächtung war groß: "Jahrzehntelang habe ich mich nicht getraut, darüber zu sprechen. Jetzt aber habe ich die Kraft, das durchzustehen für das Outing."

Andrea S. im Interview:

ÖSTERREICH: Frau S., die Unterrichtsministerin billigt Ihren Verbleib an der Schule. Freut Sie das?

Andrea: Das Ministerium reagiert professionell, im Gegensatz zum Direktor und dem Obmann des Elternvereins.

ÖSTERREICH: Ist der Direktor gegen Ihren Verbleib?

Andrea: Sagen wir so: Er hat mir indirekt nahegelegt, zu gehen.

ÖSTERREICH: Wissen die Kollegen schon von Ihrer Veränderung?

Andrea: Ich bekam keine Gelegenheit, mich offiziell zu outen. Also schrieb ich einen Brief, von dem ich nicht weiß, ob er den Kollegen tatsächlich übermittelt wurde.

ÖSTERREICH: Haben Sie Angst vor der Reaktion der Schüler und Kollegen, wenn Sie nun als Frau in die Schule zurückkehren?

Andrea: Nein, mit den Schülern kann man vernünftig reden. Es gibt auch viele Eltern und Kollegen, die mich verstehen, die Ja zu Integration an der Schule sagen.

ÖSTERREICH: Können Sie die Sorgen mancher Eltern nachvollziehen?

Andrea: Menschlich gesehen ja, inhaltlich nicht wirklich. Denn es ist wichtig – und dafür bin ich dankbar – dass es in Österreich nun diesen Prozess gibt, mit Vielfalt umzugehen. Das müssen wir unsere Kinder lehren. Schafft das eine Gesellschaft nicht, wird sie unweigerlich untergehen.

ÖSTERREICH: Wieso die Geschlechtsumwandlung?

Andrea: Ich habe mich von klein auf als Mädchen gefühlt, erst später als Frau. Das war ein konsequenter Schritt.

ÖSTERREICH: Fühlten Sie sich nie zu Männern hingezogen, wie andere Frauen auch? Warum haben Sie eine Frau, Martha, geheiratet, mit ihr Kinder gezeugt?

Andrea: Ich dachte immer, ich sei lesbisch.

ÖSTERREICH: Und wann outeten Sie sich Ihrer Partnerin gegenüber?

Andrea: Das war ein jahrelanger Prozess. Irgendwann kam sie drauf, dass ich ab und zu Frauenkleider trage. Vorigen Herbst dann, als der Druck, mich zu verstecken, zu groß wurde, sagte ich Martha, ich wolle mich von Walter, der ich damals war, für immer verabschieden.

ÖSTERREICH: Martha, Sie sind jetzt mit einer Frau verheiratet. Wie gehen Sie damit um?

Martha: Als ich merkte, dass Walter heimlich Frauenkleider anzog, war ich erst geschockt. Ich traute mich nicht, mit jemandem darüber zu sprechen, konnte nicht damit umgehen, fühlte mich allein. Dann, als klar war, dass Walter seine männliche Identität ablegen will, erwog ich sogar Scheidung.

ÖSTERREICH: Wie kam es dann, dass Sie ihn als Frau akzeptierten?

Martha: Ich begann, zu meditieren, fand Antworten im buddhistischen Glauben.

ÖSTERREICH: Wie ist Ihre Beziehung jetzt, lesbisch?

Martha: (lacht): Wir führen eine lesbische Beziehung. Ich habe Walter unter Schmerzen fallen lassen und dafür Andrea angenommen.

ÖSTERREICH: Was würden Sie anderen Partnern raten, die mit diesem Problem konfrontiert sind?

Martha: Ich weiß, wie schwer es ist, so eine Realität zu akzeptieren. Darum biete ich alle Menschen, die einen ähnlichen Leidensweg vor sich haben, meine Hilfe an.

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