AMS-Chef fordert:
"Eine Wiener Flüchtlingsfamilie für jeden Kärntner Ort"
Österreich steckt in einem Arbeitsmarkt-Dilemma: 364.000 Arbeitslosen stehen rund 160.000 offene Stellen gegenüber. Doch warum lassen sich die Jobs nicht einfach passgenau besetzen? AMS-Chef Johannes Kopf erklärt im Interview mit den "Salzburger Nachrichten", warum diese Rechnung zu simpel ist.
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Die zwei großen Hürden: Wohnort und Qualifikation
Ende Juli waren beim AMS 79.770 offene Stellen gemeldet; rechnerisch geht Kopf von insgesamt rund 160.000 freien Jobs in Österreich aus. Deren Besetzung scheitert vor allem an zwei Faktoren:
- Regionales Ungleichgewicht: Viele offene Stellen gibt es in Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Teilen der Steiermark, während zahlreiche Arbeitssuchende in Wien leben. Die Wiener Arbeitslosenquote ist dadurch dreimal so hoch wie in Salzburg. Um das demografisch stark getroffene Kärnten zu entlasten, brachte Kopf einst eine befristete Residenzpflicht ins Spiel ("Eine Wiener Flüchtlingsfamilie für jede Kärntner Gemeinde", so sein zugespitzter Vorschlag).
- Qualifikationsdefizit: Noch schwerer wiegt, dass jeder zweite AMS-Arbeitsuchende lediglich einen Pflichtschulabschluss hat und vorhandene Qualifikationen oft nicht zum Bedarf der Betriebe passen.
Ausblick und das Minus bis 2050
Nach drei schwachen Wirtschaftsjahren hat sich die Personalsuche für Unternehmen im Vergleich zu 2022 etwas entspannt. Langfristig droht bis 2050 jedoch ein Defizit am Arbeitsmarkt von 120.000 Erwerbspersonen – bedingt durch ein massives regionales Gefälle (Wien: +160.000, übrige Bundesländer: -280.000).
Die Rot-Weiß-Rot-Karte wird das Problem allein nicht lösen (ca. 3.000 Zuzüge/Jahr, Netto-Zuwachs 1.500, davon 40 % in Wien), da Österreich mit englischsprachigen Ländern wie den USA, Großbritannien und Japan konkurriert.
Potenziale im Inland nutzen
Kopf fordert daher, stärker auf Menschen zu setzen, die bereits in Österreich leben – insbesondere auf die rund 40.000 beim AMS registrierten Flüchtlinge (mehr als ein Viertel davon unter 25). Er kritisiert den doppelten Maßstab in der Debatte, bei der es bei ausländischen Fachkräften um Arbeit, bei Flüchtlingen hingegen fast nur um Integration gehe.
Bei jungen Flüchtlingen könnten mindestens die Hälfte einen Lehrabschluss schaffen. Bei Erwachsenen ohne formalen Abschluss (wie etwa jemandem, der 15 Jahre lang in Syrien Autos repariert hat) gilt: Eine rasche Vermittlung für einfache Tätigkeiten ist zwar möglich, sinnvoller sind jedoch der Ausbau von Deutschkenntnissen und ein nachträglicher Lehrabschluss.
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