Porträt
Elke Kahr: Ein Adoptivkind fährt wieder Wahl-Triumph in Graz ein
Die Grazer KPÖ-Parteichefin Elke Kahr hat erneut einen triumphalen Wahlsieg eingefahren, der auch diesmal wieder über Österreich hinaus Aufsehen erregte. Kahr regiert mit der Grazer KPÖ seit 20. November 2021 die zweitgrößte Stadt Österreichs in Koalition mit Grünen und SPÖ und schickt sich nun zu einer weiteren Amtsperiode an.
Mitfühlendes nach Amoklauf
In ihrer Amtsführung hat sie weiter an Profil und Statur gewonnen - auch wegen ihres mitfühlenden Auftretens nach den Schüssen an einer Schule im Juni 2025.
Wahl gleich nach ihrem Sechziger
Rund zwei Wochen nach ihrem 60. Geburtstag wurde sie Mitte November von den sie unterstützenden Grünen und SPÖ zur ersten kommunistischen Bürgermeisterin einer österreichischen Landeshauptstadt gewählt. Ihre Ansprache war ihrem Wesen gemäß nicht von Triumph geprägt, eher von einem immer noch Überraschtsein - mit einem Anflug von Unbehagen. Das ist mittlerweile gewichen, im Amt und auch privat - falls das bei Spitzenpolitikern zu trennen ist - tritt sie souverän und freundlich-hemdsärmelig auf. Fürsorge und Mitgefühl hängt sie nicht an die große Glocke und verbreitet es auch nicht medial mit einem im Schlepptau agierenden Social-Media-Team.
Kein öffentlicher Koalitionsstreit
Die Grüne Vizebürgermeisterin Judith Schwentner bezeichnete Kahr kürzlich in einem APA-Interview als "gesetzt", die Wahlauseinandersetzung für den zweiten Platz konzentriere sich auf Grüne, ÖVP und FPÖ. Umfragen scheinen diese Ansicht zu untermauern. Kahrs KPÖ kam zuletzt in Befragungen auf gut 30 Prozent. Öffentliche Auseinandersetzungen zwischen den drei Damen der Koalition - Kahr, Schwentner und SPÖ-Chefin Doris Kampus - sind nicht überliefert. Bisher schienen dies die Bürger zu goutieren. Nach den großen Visionen und Vorhaben der Ära Siegfried Nagl, ihres Vorgängers im Bürgermeisteramt, legte Kahr den Fokus auf das Machbare - in ihren Leibthemen Wohnen und Soziales und gemeinsam mit Schwentner beim Ausbau von Tram- und Buslinien.
Aus dem Schatten des Vorgängers
Kahr war es jedenfalls schon 2012 gelungen, aus dem Schatten des über Österreich hinaus bekannt gewordenen früheren Stadtparteichefs Ernest Kaltenegger herauszutreten und an das Sensationsergebnis von 2003 anzuschließen - mit den für die Grazer bzw. steirischen Kommunisten mittlerweile weitbekannten und typischen Eigenschaften: soziales Engagement, Fleiß, Bescheidenheit, Spenden eines Teils des eigenen Gehalts für gute Zwecke ("Tag der offenen Konten" immer am 28. Dezember jedes Jahres, Anm.) und einer jahrelangen Beharrlichkeit bei bestimmten Themen wie Sozialcard oder Kautionsfonds.
"Im Wesentlichen funktioniert die Stadt"
Die Grazer KPÖ-Chefin gilt als integer, gelassen, engagiert und in Sozial- und Wohnfragen kompetent. Das Wohnressort war jahrzehntelang eine KPÖ-Domäne und Teil der Kernkompetenz gewesen. 2017 war die neue ÖVP-FPÖ-Koalition auf die Idee gekommen, einen Tausch vorzunehmen: Mario Eustacchio (FPÖ) übernahm das Wohnressort, Kahr wurde dafür dessen bisher verantwortetes Verkehrsressort zugeteilt - wohl in der Hoffnung, die Kommunistin zu entzaubern. Das Kalkül ging aber nicht auf. Kahr ließ sich nicht beirren und führte weiterhin Mieterberatungen durch. 2021 waren dann Bürgermeister Nagl durch die Wahlniederlage und Vizebürgermeister Eustacchio durch die immer noch ermittlungsanhängige FPÖ-Finanzaffäre Geschichte.
Ex-Landeshauptmann Christopher Drexler (ÖVP) hatte die Situation in Graz im 20. Juli 2022 in einem Interview mit den "Salzburger Nachrichten" so beschrieben: "Die Müllabfuhr fährt, die Straßenbahnen auch, im Wesentlichen funktioniert diese Stadt." Drexler wie auch Politikforscher hatten stets betont, dass einige Jahre für gravierende Veränderungen zu wenig seien. So scheint es wohl in den vergangenen vier Jahren gewesen zu sein: Kahr und die KPÖ bzw. die Rathauskoalition arbeiteten mit ruhiger Hand ihre Anliegen ab - kommunaler Wohnbau, öffentlicher Verkehr, Grünraum, Soziales - mit immer stärker wehendem Gegenwind durch die nach rechts rückende große politische Lage und geringer werdende Mittel.
Verbindendes Stadtoberhaupt
Kritik lässt Kahr für gewöhnlich freundlich und ruhig argumentierend an sich abperlen, auch wenn die Antworten nicht die Neugier der Fragesteller befriedigen. Dies reicht von Fragen zu ihrer Überzeugung als Marxistin, ihrer Haltung zu Militär und Nachrüstung sowie Putins Politik gegenüber der Ukraine und Europa. Überregionale Medien hatten immer wieder die Frage gestellt, wie Kahr und ihre Grazer KPÖ denn zu Verbrechen kommunistischer Parteien weltweit seit 1917 stünden. Die von manchen politischen Gegnern erwarteten großen Ausrutscher Kahrs hatte es in ihrer Amtszeit jedenfalls nicht gegeben. Im Gegenteil, durch ihre nicht groß vor sich hergetragene Art des Verbindenden wurde und wird ihr Respekt entgegengebracht, etwa wegen ihres Auftretens nach den Schüssen an einer Grazer Schule mit 10 Todesopfern und 11 Verletzten. Politische Angriffe gegen ihre Person sind in den vergangenen vier Jahren zusehends weniger geworden, vor allem die ÖVP konzentrierte sich vermehrt auf die Grüne Vizebürgermeisterin Judith Schwentner wegen deren Verkehrspolitik.
Mit drei Jahren wurde sie adoptiert
Die im Alter von drei Jahren adoptierte Grazerin Kahr (geb. 2. November 1961) war als Sekretärin in der Kontrollbank beschäftigt, machte nebenbei die Abendhandelsakademie und ist seit fast 30 Jahren Parteimitglied. Die Grazerin lebt seit 1988 in einer Lebensgemeinschaft mit dem früheren KPÖ-Landesparteivorsitzenden Franz-Stephan Parteder und hat einen erwachsenen Sohn. In den Gemeinderat zog Kahr 1993 ein, 1998 übernahm sie die Führung im KPÖ-Klub. In den Jahren 2003 bis 2004 bekleidete sie den Posten einer stellvertretenden Bundesvorsitzenden der KPÖ.
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