Nach Klopp-Sieg

Kimmich hat frei – und Deutschland eine Kapitänsdebatte

Ein deutscher Fußballspieler hält enttäuscht beide Hände auf dem Kopf nach einer Niederlage.
© IMAGO/Eibner
Deutschland glänzt gegen Serbien, Joshua Kimmich sitzt auf der Tribüne. Was der Sieg über Klopps Mittelfeld verrät – und was die Debatte daraus macht.
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Für Joshua Kimmich war am Donnerstag eigentlich alles geregelt: zwei Nations-League-Spiele, danach frei. Jürgen Klopp hatte den Kader aufgeteilt, der Kapitän gehörte zur ersten Gruppe. Gegen Serbien saß er deshalb auf der Tribüne der Münchner Allianz-Arena, nur einen Platz von Heino entfernt. Wer sonst gern den Takt vorgibt, durfte diesmal zuhören.

Auf dem Rasen gewann Deutschland 2:0. Dazu kamen 32:1 Torschüsse, 74 Prozent Ballbesitz und 12:1 Ecken. Es war der erste Sieg unter dem neuen Bundestrainer und der bislang überzeugendste Auftritt seiner Mannschaft. Ein Abend, an dem reichlich über die anwesenden Fußballer zu reden gewesen wäre.

Am Tag danach hat trotzdem einer einen Stammplatz in der Berichterstattung, der gar nicht mitgespielt hat: Kimmich.

Die Rechnung stimmt. Der Vergleich nicht ganz.

Den Anlass liefern ausgerechnet zwei seiner Bayern-Kollegen. Aleksandar Pavlovic und Tom Bischof bestimmten gemeinsam mit Florian Wirtz das Mittelfeld. Bischof erzielte das 1:0 (39.), Wirtz legte das 2:0 nach (61.). Die jüngere Konkurrenz hat ihre Gelegenheit genutzt.

Mit Kimmich und Felix Nmecha im Zentrum hatte Deutschland zuvor gegen die Niederlande 1:1 gespielt und gegen Griechenland 0:1 verloren. Daraus lässt sich eine handliche Bilanz bauen: mit Kimmich kein Sieg, ohne Kimmich ein überzeugender Erfolg. Als Schlagzeile funktioniert das. Als sportlicher Beweis reicht es nicht.

Dafür haben sich zu viele Bedingungen verändert. Deutschland spielte gegen andere Gegner, außerdem hatte Klopps zweite Gruppe mehr gemeinsame Trainingseinheiten zur Verfügung. Die Statistik beschreibt, wie deutlich die DFB-Elf Serbien beherrschte. Sie erklärt nicht, welchen Anteil Kimmichs Abwesenheit daran hatte.

"Wir haben das heute so gespielt, wie man spielen soll, aber die Jungs, die gegen Griechenland gespielt haben, könnten das genauso machen", betonte Klopp auf der Pressekonferenz.

Das ist eine notwendige Einschränkung, aber keine Entwertung des neuen Trios. Pavlovic und Bischof haben gezeigt, dass sie Verantwortung übernehmen können. Für einen Bundestrainer ist das eine gute Nachricht. Für etablierte Spieler wird der nächste Platz in der Startelf dadurch nicht selbstverständlicher.

Der Kapitän beantragt weniger Freizeit

Kimmich hatte allerdings schon vor diesem Abend versucht, seinen Platz auf der Tribüne zu vermeiden. Er war weder verletzt noch gesperrt. Er sollte schlicht pausieren – ein Zustand, mit dem sich der 31-Jährige offenbar erst nach Rücksprache anfreunden wollte.

"Er hat tatsächlich ein paar Mal nachgefragt", bestätigte Klopp bei BR24. Der Trainer blieb bei seinem Plan: "Die Familie Kimmich hat jetzt Familienurlaub. Ich hoffe, er macht den auch, um ehrlich zu sein."

Ein Arbeitnehmer, der um weniger Freizeit bittet, wäre anderswo ein Fall für den Betriebsrat. Im Fußball wird daraus eine Frage des Führungsanspruchs. "Sport Bild" beschäftigt sich mit Kimmichs Wunsch, unbedingt bei der Mannschaft zu bleiben. Der "kicker" sieht den Wettbewerb zwischen "Platzhirschen" und Herausforderern eröffnet. "Eurosport" fragt, ob der Kapitän unter Klopp irgendwann außen vor sein könnte.

Dabei hatte der Bundestrainer ausdrücklich erklärt, dass er mit der Pause kein Zeichen gegen Kimmich setzen wollte. "Es war von vornherein klar, dass er nicht dabeibleiben wird. Und dass er so unbedingt dabeibleiben wollte, zeichnet ihn aus. Ich wollte ihm keine Message senden", sagte Klopp im ZDF.

Nach dem Sieg gratulierte Kimmich seinen Kollegen in der Kabine. Das passt zumindest schlecht zur bereits angedeuteten Abschiedsvorstellung.

Vom Führungswillen zum "Brummkreisel"

Interessanter als die Frage nach einer angeblichen Botschaft ist deshalb die nach Kimmichs Rolle auf dem Platz. Marcel Reif erinnert an eine frühere Schwäche des Bayern-Profis: den Versuch, überall zugleich zuständig zu sein.

"Es gab mal Zeiten, da ist der herumgerannt wie ein Brummkreisel – überall, weil er alles lösen wollte", sagte er in "Reif ist Live". Das sei damals "weder bei den Bayern noch in der Nationalmannschaft wirklich hilfreich" gewesen.

Darin steckt eine sportliche Frage, die über diesen einen Abend hinausgeht: Wie viel Verantwortung muss Kimmich selbst übernehmen, wenn andere sie ebenfalls tragen können? Pavlovic und Bischof sind schließlich nicht nur Konkurrenten. Sie können auch Mitspieler sein, auf die sich ein Kapitän verlassen darf.

Reif stellte Kimmichs grundsätzliche Stellung jedenfalls nicht infrage: "Er ist jetzt Kapitän, und alle wissen, warum."

Im Netz ist die Entscheidung schon gefallen

Die feineren Unterschiede zwischen Entlastung, Konkurrenz und Ablösung sind für den schnellen Spott weniger ergiebig. "Selbst Cristiano Ronaldo hat einen würdevolleren Abgang hingelegt als Kimmich", überschrieb "11Freunde" seine Sammlung der Netzreaktionen zum deutschen Sieg.

Für einen Mann, der planmäßig zwei Länderspiele pausiert, ist "Abgang" eine bemerkenswert große Reisebeschreibung. Familienurlaub mit Anschlussflug ins Karriereende.

Hinter dem Spott liegt dennoch eine ernsthafte Entwicklung: Klopp hat im Mittelfeld mehr Auswahl. Dass zwei der Herausforderer auch bei Bayern mit Kimmich um Einsatzzeit konkurrieren, verleiht der Debatte zusätzliche Schärfe. Eine Entscheidung gegen den Kapitän ist daraus bislang nicht geworden.

Klopp hatte mit der Kaderteilung auch herausfinden wollen, wie seine Mannschaft ohne einige ihrer erfahrensten Spieler funktioniert. Gegen Serbien bekam er eine überzeugende Antwort. Die nächste Aufgabe besteht darin, diese Leistung wiederholbar zu machen.

"Ich bin sehr happy über die Performance, aber habe nicht das Gefühl, dass es nur in dieser Konstellation geht", sagte er über Pavlovic, Bischof und Wirtz. Sein Maßstab ist konkreter als jede Kapitänsdebatte: "Der Fußball muss konstant bleiben. Die Aufstellung kann es nicht, weil Spieler sich verletzen."

Griechenland prüft die Urlaubsvertretung

Der Spielplan hat Sinn für Dramaturgie: Am Sonntag gastiert Deutschland in Thessaloniki bei Griechenland. Die Griechen hatten Klopps erste Gruppe mit Kimmich 1:0 besiegt - historisch. Bevor Deutschland weiter über seinen Kapitän diskutiert, darf also zwischendurch wieder Fußball gespielt werden.

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