Lehman Brothers

Ein Jahr nach der Lehman-Pleite

Die Ursachen für die Finanzkrise sind sehr komplex. Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz vergleicht die Krise mit einem Verbrechen, an dem mehrere Personen und Institutionen mitbeteiligt sind. Zu den Mitschuldigen zählen seiner Meinung nach etwa der frühere US-Finanzminister und Top-Bankenberater Robert Rubin genauso wie der ehemalige Fed-Chef Alan Greenspan oder Ex-US-Präsident George W. Bush mit seinem Irak-Krieg sowie unter den Institutionen die US-Notenbank Fed und die US-Börsenaufsicht SEC. Die Hauptschuldigen sind für Stiglitz aber die Banken und Kreditinstitute selbst.

Sowohl Rubin als auch Greenspan seien mitverantwortlich dafür, dass die Deregulierungs-Ideologie in den USA vorangetrieben worden sei. Greenspan habe zudem noch dabei versagt, seine regulative Autorität einzusetzen und die Eigenheimbesitzer zu hochriskanten Hypothekenaufnahmen ermutigt, meint Stiglitz. Greenspan habe auch die vom vormaligen US-Präsidenten George W. Bush veranlassten Steuererleichterungen für Reiche unterstützt.

Die Hauptschuldigen an der Krise sind für Stiglitz aber die Banken bzw. der Finanzsektor im allgemeinen und ihre Investoren. Von den Banken hätte man angenommen, sie seien Experten im Risikomanagement. Sie hätten aber nicht nur das Risiko falsch eingeschätzt, sondern es erst selbst erzeugt, schreibt der Nobelpreisträger in einem Beitrag mit dem Titel "The Anatomy of a Murder: Who killed America's Economy?"

Die Mittel, die die Banken dazu einsetzten waren exzessive Fremdkapitalaufnahmen, Anreizstrukturen, die kurzfristiges Risikodenken förderten, oder auch Aktienoptionsprogramme für Spitzenmanager, die zu beschönigten Bilanzen und zur Auslagerung von schlechten Assets in außerbilanzielle Zweckgesellschaften führten. Die Banker und ihre Investoren haben anscheinend die Risiken nicht verstanden, die durch Verbriefungen und asymmetrische Informationen entstanden sind.

Wenn die Banken die "Hauptverbrecher" waren, so hatten sie viele Komplizen: Ratingagenturen spielten eine zentrale Rolle. Sie glaubten an Finanz-"Alchemie" und verwandelten schlecht geratete zweitklassige Hypotheken in erstklassige A-geratete Papiere, die sicher genug waren, um auch von Pensionsfonds gehalten zu werden. Das war wichtig, denn dies erlaubte einen anhaltenden Geldfluss in den Häusermarkt.

Auch die Hypothekenvermittler spielten eine zentrale Rolle. Sie waren weniger am Aufbringen von guten als von vielen Hypotheken interessiert und erfanden immer neue, vermeintlich günstige Finanzprodukte, mit denen leichtgläubige Schuldner gewonnen werden konnten. Da sie die Risiken eines Ausfalls nicht tragen mussten, negierten sie ihre Sorgfaltspflichten.

Mitschuldig seien auch die US-Börsenaufsicht SEC, die US-Notenbank Fed, die Bush-Regierung, deren Irak-Krieg niedrige Zinsen notwendig machte. Die Fed versagte mehrfach, in ihrer Rolle als Regulator auch durch ihren fehlerhafte Umgang mit den Leitzinsen und der verfügbaren Kreditmenge, meint Stiglitz.

Die Regulierungs- und Aufsichtsbehörden hätten die den neuen strukturierten Produkten inhärenten Risiken erkennen müssen und sich weniger auf die Selbstregulierungskräfte der Märkte verlassen dürfen. Auch die Kartellbehörden hätten versagt und zugelassen, dass Banken so groß werden konnten, dass sie "too big too fail" wurden, also vom Staat nicht mehr fallengelassen werden konnten.

Auch die Wissenschaftler zählt Stiglitz zu den Komplizen. Sie hätten mit ihren auf unrealistischen Annahmen basierenden ökonomischen Modellen jene Argumentation geliefert, die eine Regulierung der Märkte unnotwendig machte - mit ihren Annahmen über perfekte Information, perfekten Wettbewerb und perfekten Märkten. Dies habe auch dazu geführt, dass die Notenbanken sich beispielsweise fast ausschließlich der Inflationsbekämpfung widmeten und der Finanzarchitektur zu wenig Beachtung schenkten.

Noch einen weiteren wichtigen Schuldigen gibt es für Stiglitz: das politische System in den USA und speziell seine Abhängigkeit von Wahlkampfspenden. Damit wurde der enorme Einfluss der Wall Street auf die Politik ermöglicht, auf Deregulierung und die Ernennung von Regulatoren, die nicht an Regulation glaubten. Noch heute spielt dies laut Stiglitz eine Rolle bei der Gestaltung von effektiven Maßnahmen zur Bewältigung der Krise.

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