Verbund-Chef Michael Strugl und APG-Vorstand Gerhard Christiner, der das Übertragungsnetz ausbaut, im Interview.
Wie steht es um Strompreise und die Versorgungssicherheit in Österreich? Was kommt auf uns zu? Im oe24.TV-Interview mit Chefredakteur Niki Fellner sprechen Verbund-Chef Michael Strugl und APG-Vorstand Gerhard Christiner Klartext.
Oe24: Den Energiekonzernen wird seit Jahren vorgeworfen, dass sie die Bösen sind, was die Inflation betrifft, und dass die Energiepreise Hauptschuld daran sind, dass die Inflation aus dem Ruder gelaufen ist. Ist das fair?
Strugl: Es entspricht vor allem nicht den Fakten. Unter Fairness versteht jeder etwas anderes, aber wenn man auf die Fakten schaut, dann sieht man, dass Energie schon lange nicht mehr Treiber der Inflation ist. Es sind mittlerweile insbesondere Dienstleistungen, und das getrieben von Personalkosten. Am Beginn dieser Krise – Ursache war ein Krieg, der begonnen hat und der zu einer Gasmangellage geführt hat – sind die Energiepreise durch die Decke geschossen, und das hat dazu geführt, dass Energiepreise Inflationstreiber waren. In der Zwischenzeit hat es wieder eine Normalisierung der Energiepreise gegeben. Was geblieben ist, sind hohe Lohnkosten.
Verbund-Chef Michael Strugl
Oe24: Jetzt startet der Verbund mit einem Österreich-Tarif. Da wird der Tarif auf 10 Cent abgesenkt. Wann kommt der und was ist neu daran?
Strugl: Wir werden ab März diesen Tarif unseren Bestandskunden und Neukunden anbieten. Das ist eine Senkung der bisherigen Tarife. Das ist möglich, weil sich auch die Großhandelspreise wieder normalisiert haben. Das heißt, das Niveau der Marktpreise ist gesunken, und das gibt Spielraum für Preissenkungen.
"Senkung der Umsatzsteuer auf Energie könnte sofort helfen"
Oe24: Die Industrie soll ab 2027 durch einen Industriestrompreis entlastet werden. Was müsste noch passieren?
Strugl: Wenn man Strompreise auf ein niedrigeres Niveau bringen will, muss man das Angebot erhöhen. Wir sind in einem Umbau und müssen auf die Systemkosten achten. Das sind Netzgebühren, aber auch Kosten für Redispatch, also immer dann, wenn man in den Markt eingreifen muss. Das alles kostet Geld. Eines ist auch klar: Wenn der Staat an der Stromrechnung mitverdient, und zwar mit 20 % Umsatzsteuer auf alles, dann darf man sich nicht wundern, dass Rechnungen hoch sind. Das könnte man senken und sofort allen helfen.
Oe24: Herr Christiner, ist Energie in Österreich zu teuer?
Christiner: Wir haben in Österreich ein Höchstmaß an Versorgungssicherheit. Wir stecken mitten in einer riesigen Transformation in Richtung 100 % Erneuerbare. Vieles wird umgebaut, ist umzubauen, vieles steht noch vor uns. Dass das alles nichts kostet, das ist natürlich eine Mär. Wir liegen aber sicher, was die Endkundenpreise betrifft – also im Vergleich zu Deutschland – besser.
APG-Vorstand Gerhard Christiner
Merit-Order-Prinzip nicht in Stein gemeiselt
oe24: Derzeit setzt das teuerste Kraftwerk den Preis an der Börse – muss das so bleiben?
Christiner: Wir haben eine Aneinanderreihung von Kraftwerkstechnologien. Ganz vorne die Erneuerbaren, Wind, Photovoltaik, Wasser, die haben kaum variable Kosten, nur Fixkosten. Am Schluss in dieser Merit-Order sind fossil betriebene Kraftwerke wie Gaskraftwerke, Kohlekraftwerke, die den Preis derzeit setzen, weil man für die Produktion von Strom Kohle oder Gas benötigt. Ob das letzte Kraftwerk den Preis setzt, ist nicht in Stein gemeißelt. Es muss nicht „Pay-as-Clear“ sein, also das letzte Kraftwerk – so wie derzeit. Es gibt auch „Pay-as-Bid“, jedes Kraftwerk wird für sich bewertet und es gibt einen Mischpreis.
Oe24: Was braucht die Wirtschaft am dringendsten?
Strugl: Weniger Regulierung und niedrigere Steuern.
Oe24: Wird genug investiert?
Strugl: Unser Unternehmen wird in den nächsten drei Jahren fast 6 Milliarden Euro investieren in Kraftwerke, Netze und Speicher.
Das ist auch ein Beitrag zur Konjunktur.