Buch ist da

"Eine Hymne an das Leben" von Gisèle Pelicot: „Bin weder Opfer noch Ikone“

Stark, eindrücklich: EINE HYMNE AN DAS LEBEN von Gisèle Pelicot. 

Dieses Verfahren zu unfassbaren Gräueltaten ging 2024 um die Welt, jetzt ist mit Eine Hymne an das Leben das Buch von Gisèle Pelicot erschienen, und wir haben es für euch gelesen: Das Leben von Pelicot ist geprägt von Verlusten – sie war neun Jahre alt, als ihre Mutter starb, der Bruder lebt auch nicht mehr. Kein Wunder, dass sie vorm Älterwerden keine Angst hat und es als Privileg ansieht. Und auch kein Wunder, dass sie zuerst annimmt, ihr Mann Dominique sei schwer erkrankt, als er ihr etwas Dringliches sagen muss. Doch statt von einer Krankheit zu erzählen, gesteht er, dass ihn die Polizei aufgegriffen habe, nachdem er Frauen unter die Röcke gefilmt hat.

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Entscheidung für das weitere Leben

Enthüllungen. Das ist erst der Beginn schrecklicher Enthüllungen, die Gisèles Leib und ihre Seele betreffen, wie die Frau bald erfährt. Zahlreiche Männer haben sie, aktiv angeregt von ihrem eigenen Mann, vergewaltigt, als sie von Schlafmitteln bewusstlos war. Statt den Lebensmut zu verlieren, somit einen weiteren Verlust verkraften zu müssen, entscheidet sie sich für Offenheit. Den Prozess an ihrem Mann Dominique lässt Gisèle Pelicot öffentlich abhalten. „Die Scham muss die Seite wechseln“, ist in diesem Zusammenhang der Satz, der um die Welt ging und Gisèle wieder selbstermächtigte.

Monster

Trotz des Themas ist Pelicots Buch nicht (nur) bedrückend. Entsetzlich sind die Gewalttaten, die von den Tätern mit oft unfassbarer Uneinsichtigkeit gerechtfertigt wurden; viele stritten die Schuld – trotz erdrückender Beweislast – ab. Aber der Text, der Gisèle Pelicots Innenleben schildert, ihr Dasein vor den Taten und danach, ist kraftvoll und somit dem Titel verbunden. Hier geht es ums Leben, ums Weitergehen aus schrecklichen Zeiten, aber auch darum, achtsam zu sein und genau hinzusehen, Opfern zuzuhören und Täter zu entlarven. Täter, die übrigens nicht (immer) sichtbare Monster sind, sondern scheinbar durchschnittliche Männer, wie im Fall von Gisèles Mann.
Eine Hymne an das Leben versteht sich als Pflichtlektüre für alle und insbesondere für Männer. 

„Bin nicht gestorben und noch immer in der Lage, anderen zu vertrauen“ 

Diesen Dienstag erschien das Buch Eine Hymne an das Leben von Gisèle Pelicot, das sie zusammen mit der Journalistin Judith Perrignon in 22 Sprachen zeitgleich verfasst hat. In Österreich und Deutschland erschien es im Piper Verlag. In Frankreich wurde die erste Auflage des Buches mit rund 150.000 Exemplaren beziffert. Der Piper Verlag machte keine Angaben zur Auflage. „Es ist eine sehr besondere Geschichte, die in unserem Programm kaum vergleichbar ist“, sagte eine Verlagssprecherin laut der APA.Warum war es Gisèle Pelicot wichtig, dieses Buch zu schreiben? Um aufzuklären, vielleicht künftige Straftaten mit ihren offenen Ausführungen verhindern zu können oder den Blick zu schärfen. „Ich möchte nicht als Opfer gesehen werden und habe mich nie als Ikone empfunden oder betrachtet“, schreibt sie im Buch. Und: „Dennoch hat die Liebe mich nie verlassen. Sie ist nicht gestorben. Ich bin nicht gestorben. Ich bin immer noch in der Lage, anderen zu vertrauen. Das war einst meine große Schwäche, heute ist es meine Stärke. Letztendlich mein Sieg.“

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