400.000 Besucherinnen und Besucher zählte die zuständige Festjahr-Organisation unter Roland Geyer.
Wien. 2025 kam man in Wien an Johann Strauss nur schwer vorbei. Das Jubiläumsjahr zum 200. Geburtstag des Komponisten bespielte in bunter Vielfalt die Bundeshauptstadt. 400.000 Besucherinnen und Besucher zählte die zuständige Festjahr-Organisation unter Roland Geyer bei 70 Projekten an 70 Locations, was einer Auslastung von 94,3 Prozent entsprach. Bei einem Budget von 22 Mio. Euro erwirtschaftete man dabei nach Eigenangaben 2,5 Mio. Euro Plus, die nun an die Stadt zurückfließen.
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40 Wiener Kulturinstitutionen waren beim Festjahr mit von der Partie, 1.000 Künstlerinnen und Künstler involviert. Und auch wenn man 90 von rund 500 Werken aus dem Œuvre des Komponisten erklingen ließ, lag der Fokus doch auf zeitgenössischer Reflexion des Walzerkönigs. So reichte hier das Spektrum von einem Donauinselfesteinsatz von Christian Kolonovits und Camo & Krooked über "Fürstin Ninetta" im Modus der interaktiven Theatertruppe Nesterval bis hin zu traditionelleren Klassikkonzerten der Wiener Philharmoniker. All das will man in einem Prachtband vereinen, der am 20. April präsentiert wird. Zuvor sprach die APA mit Roland Geyer über die Frage, weshalb Strauss ein Maulwurfshügel ist, man Geld an die Stadt zurückzahlt und ob er nun verstärkt Tennis spielt.
APA: Können Sie Strauss nach dem Festjahr noch hören?
Roland Geyer: Das kann ich - aber ich muss gestehen, dass ich in den vergangenen dreieinhalb Jahren nicht nur Strauss gehört habe. Meine Tätigkeit als Intendant des Strauss-Jahres war eine große Verbreiterung im Vergleich zu meinem vorherigen Posten im Theater an der Wien. Ich selbst komme ja amateurhaft aus dem Rock- und Popbereich und habe in einer Band Gitarre gespielt in meiner Studentenzeit. Zum Klassiker bin ich in meiner Tätigkeit für die Jeunesse mit 3.000 Konzerten in zehn Jahren geworden. Das war wirklich Training on the Job.
Ist Strauss ein Maulwurfshügel?
APA: Hat sich der breite Ansatz an Strauss im Festjahr bewährt?
Geyer: Es war der Versuch, in dem Jahr ein Bewusstsein zu schaffen, dass Strauss nicht nur der Tanzkomponist ist, der bei Bällen oder dem Pratervergnügen zu hören ist. Natürlich sind nicht alle seiner rund 500 Stücke genial - wie bei keinem Komponisten. Aber 50 bis 80 sind absolute Topwerke. Es ist mit Strauss wie mit Abba - er sticht aus der Masse seiner Zeit einfach heraus. Aber er schlägt immer in eine bestimmte Richtung durch. Das ist etwa bei Mozart anders. Der ist wie ein Acker, auf den du an verschiedensten Stellen irgendwas pflanzen kannst. Strauss ist wie ein Maulwurfshügel: Da gibt es ein Loch, und man muss aufpassen, dass man nicht zu tief reinkommt. Aber wenn man zu weit oben bleibt, ist es nicht mehr Strauss.
APA: Haben Sie ein Beispiel, wer den Maulwurfshügel vorbildlich beackert hat in Ihren Augen? Und wer im Loch versunken ist?
Geyer: Die Strauss-Edition von "Red Bull Symphonic" durch Camo & Krooked, Christian Kolonovits und den Wiener Symphonikern ist wirklich gelungen. Es war einerseits noch fast echter Strauss, ist dann aber ganz extrem weggegangen davon. Manch andere waren entweder zu weit entfernt oder haben sich zu stark in den Sog hineinziehen lassen. Man muss bei diesem Strudel wirklich aufpassen.
APA: Ist es in Ihren Augen gelungen, ein neues Strauss-Bild zu kreieren?
Geyer: Wir haben versucht und auch geschafft, Menschen anzusprechen, die mit einer Strauss-Operette bisher gar nichts am Hut hatten. Das "seriöse" Opernpublikum, das nach wie vor der Meinung ist, dass außer der "Fledermaus" keine Operette wirkliches Niveau hat, zu gewinnen, hingegen wohl nicht. Aber wir haben 95 Uraufführungen geschafft, das war schon faszinierend.
Für ein Sammelsurium der Falsche
APA: War für Sie von Beginn weg klar, dass Sie kein "klassisches" Jubiläumsjahr kuratieren wollen?
Geyer: Ich habe von Anfang an klargestellt, dass ich der Falsche bin, wenn es darum geht, ein Sammelsurium zusammenzustellen. Was ich machen kann, ist Strauss ins Heute zu holen und zu versuchen, mit möglichst vielen Institutionen in Wien Strauss aus heutiger Sicht zu beleuchten. Ich wollte, dass sich die Institutionen zu Johann Strauss Gedanken machen und ihn in erster Linie als Katalysator verwenden. So ist es gelungen, aus Strauss' 200. Geburtstag ein Kulturhauptstadt-Jahr zu machen. Auf diese Weise sind vor allem an die freie Szene direkt Millionen geflossen.
APA: Apropos Millionen. An der Höhe des Budgets von 22 Mio. Euro gab es durchaus Kritik ...
Geyer: Dazu möchte ich betonen, dass die 22 Mio. Euro nicht aus dem Kulturbudget, sondern dem Finanzressort gekommen sind. Das war ein Sonderbudget, das es sonst nicht gegeben hätte. Und es wurde im Jahr 2021 beschlossen, als das Geld einfach noch vorhanden war. Wir haben insgesamt 24,5 Millionen lukriert durch höhere Einnahmen und sparsames Wirtschaften. Das bedeutet, dass die Stadt von uns zweieinhalb Millionen wieder zurückgezahlt bekommt. Und wenn ich den Wunsch äußern darf, fände ich es schön, wenn dieses Geld der Kultur zugutekäme.
APA: Fühlen Sie genügend Wertschätzung aufseiten der Politik für Ihre Arbeit?
Geyer: Von den in meiner persönlichen Sicht wichtigsten Personen, Bürgermeister Michael Ludwig und Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (beide SPÖ, Anm.), sehr. Dass die Kulturstadträtin in Interviews gemeint hat, dass man die Millionen heute nicht mehr so leicht locker machen könnte, ist einfach eine Tatsache.
APA: Wenn Sie nun als Intendant des Strauss-Jahres abrüsten, werden Sie Pensionist und konzentrieren sich auf Ihr Tennisspiel?
Geyer: Ich will tatsächlich wieder fleißiger Tennisspielen. Und ich unterrichte nach wie vor Mathematik, habe ein paar Positionen wie im Aufsichtsrat der Symphoniker. Aber ich habe meiner Frau versprochen, dass ich an den jetzigen Job nicht unmittelbar den nächsten anhänge. Ich mache also zumindest eine Auszeit und kann nicht sagen, ob es nicht ein endgültiger Abschied wird.
Schließung der Kammeroper ein Fehler
APA: Apropos Abschied: Die Kammeroper als zweite Spielstätte des Theaters an der Wien war Ihr Baby und soll nun aus finanziellen Gründen zumindest "pausieren". Halten Sie das für einen Fehler?
Geyer: Ich hoffe, dass das Schlagwort "pausieren" nicht nur ein Schlagwort ist. Die Kammeroper nicht zur Verfügung zu haben, halte ich für eine sehr, sehr große Einschränkung. Einerseits aus künstlerischen Überlegungen, weil die Kammeroper eine Spielwiese ist für junge Künstler und eine Kaderschmiede. Andererseits, weil es die Möglichkeit schafft, mit den zusätzlichen Premieren das programmatische Profil des Hauses zu stärken. Die Entscheidung birgt die Gefahr, dass die alte Redewendung "Man fragt nicht, was das Theater an der Wien spielt, sondern ob es spielt", wieder aktuell wird. Man kann deshalb nur hoffen, dass es wirklich nur eine Durststrecke von ein, zwei Jahren ist und bei den Vereinigten Bühnen ein Umdenken einsetzt. Denn letztlich hat nicht die Politik gesagt, dass die Kammeroper geschlossen werden muss. Sie hat nur die Vorgabe gemacht, dass die VBW 5 Mio. Euro einsparen.
(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)