Österreichs Bürgermeister beurteilen die Entwicklung der EU überwiegend positiv - bei der Bevölkerung ergibt sich hingegen ein gegenteiliges Bild.
Das zeigt die erste Umfrage unter Bürgermeistern und Bezirksvorstehern, die am Montag von den EU-Abgeordneten Lukas Mandl (ÖVP) und Günther Sidl (SPÖ) im Haus der Europäischen Union in Wien präsentiert wurden. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse zentrale Kritikpunkte der Gemeinden: zu viel Bürokratie, zu wenig Gehör auf EU-Ebene.
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Eine deutliche Kluft zeigt sich zwischen der Wahrnehmung der Bürgermeister selbst und deren Einschätzung ihrer Bürger. Während rund 54 Prozent der befragten Bürgermeister die Entwicklungen der Europäischen Union positiv bewerten, sehen laut ihrer Einschätzung nur 30 Prozent ihrer Bürgerinnen und Bürger die EU-Entwicklung positiv. Für den Abgeordneten Mandl hängt das mit der Nähe zur Praxis zusammen: "Dieses Ergebnis zeigt, dass jene, die in ihrer täglichen Arbeit die Institution der EU hochhalten, deren Nutzen auch besser einschätzen können."
Stärkere Vertretung nationaler Interessen
Zusätzlich stellen die Befragten der Vertretung der Gemeindeanliegen im EU-Parlament ein negatives Zeugnis aus. Nur rund ein Drittel der Bürgermeister ist der Meinung, dass die Anliegen ihrer Gemeinde im Europäischen Parlament ausreichend berücksichtigt werden.
Von den österreichischen Abgeordneten im Europäischen Parlament erwarten sich die Befragten vor allem eine stärkere Vertretung nationaler Interessen. Ebenso werden eine bessere Kommunikation und mehr Transparenz sowie ein stärkerer Fokus auf Regionen und Gemeinden eingefordert. Die Bürgermeisterumfrage sieht Abgeordneter Sidl hier als wichtiges Instrument: "Unsere Arbeit im Europäischen Parlament lebt davon, dass wir wissen, welche Themen in Österreich präsent sind, damit wir diese in die Ausschüsse mitnehmen," so Sidl, der seit 19. Februar selbst Bürgermeister von Petzenkirchen in Niederösterreich ist.
Bürokratie als zentrale Hürde
Die Bürokratie wird in der Zusammenarbeit mit der EU auf Gemeinde- und Bezirksebene als zentrale Herausforderung wahrgenommen. Entsprechend häufig (79 Nennungen) wird hier von den Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern Unterstützung durch die EU eingefordert.
Auch im Bereich "Förderung und Finanzen" sehen viele Gemeinden Bedarf. Gleichzeitig zeigt sich eine deutliche Diskrepanz zwischen Nutzung und Wahrnehmung: Rund zwei Drittel der Gemeinden und Bezirke haben in den vergangenen fünf Jahren EU-Förderungen in Anspruch genommen, dennoch wird deren Abwicklung von knapp 90 Prozent der Befragten als "kompliziert" bewertet.
Vor allem kleinere Fördervolumina sind für Gemeinden von Interesse: Knapp die Hälfte der Befragten wünscht sich mehr Informationen zu Förderungen bis 50.000 Euro, während das Interesse an höheren Fördersummen deutlich geringer ausfällt. Die Verantwortung für die Information über EU-Fördermöglichkeiten sehen die Befragten in erster Linie bei den Bundesländern (60,9 Prozent), gefolgt von EU-Institutionen (19,25 Prozent) und dem Bund (14 Prozent).
Bürgermeister: Sicherheit und Wirtschaft Sache der EU
Als größte Herausforderungen, denen sich die EU widmen sollte, nennen die Befragten vor allem die Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik sowie die Stärkung der strategischen Autonomie. Dahinter folgen die Themenblöcke Wirtschaft, Standort und Finanzen sowie Migration, Asyl, Außengrenzen und innere Sicherheit. "Ich sehe uns hier in den Schwerpunkten unsere parlamentarischen Arbeit bestätigt", freut sich Mandl.
An der Befragung nahmen 217 von insgesamt 2.130 Bürgermeistern und Bezirksvorsteher teil. Der Anteil männlicher Teilnehmender lag bei 84 Prozent, jener der weiblichen bei 16 Prozent. Die Daten wurden auf Initiative der EU-Abgeordneten Mandl und Sidl in Zusammenarbeit mit dem Institut Braintrust zwischen dem 15. und 26. Jänner 2026 erhoben, die Schwankungsbreite beträgt fünf Prozent. Die Befragung soll zukünftig vierteljährlich durchgeführt werden.