EU geschockt

Trump-Knall stürzt Europäer in Probleme

Rückabwicklung zum Großmachtdenken

Die Sympathien für den venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro waren in Europa gering. Und Entwicklungen im fernen Südamerika werden gerade in Deutschland traditionell ohnehin mit einer gewissen Distanz betrachtet. Aber die US-Militärintervention und die Gefangennahme Maduros am Samstag wirkten dennoch wie ein Schock in der EU.

Denn nach Angaben eines EU-Diplomaten werden Auswirkungen des US-Vorgehens auf weitere Konfliktherde wie etwa den Ukraine-Krieg oder Grönland befürchtet - auch wenn der außenpolitische Sprecher der Union, Jürgen Hardt, zunächst "keine unmittelbaren sicherheitspolitischen Auswirkungen" für Deutschland sah.

Aber zusammen mit den Aussagen der neuen US-Sicherheitsstrategie verstärkt sich in Berlin der Eindruck, dass US-Präsident Donald Trump mit aller Macht die Rückkehr zu einer traditionellen Großmacht-Politik betreibt, US-Interessen notfalls mit Gewalt durchsetzen und multilaterale Abstimmungsformate auf breiter Front abwickeln will. Dies erklärt Verstöße der US-Zollpolitik gegen WTO-Handelsregeln ebenso wie die Sanktionen gegen die Richter des Internationalen Strafgerichtshofs und nun die Militärintervention in Venezuela mit der Begründung des Anti-Drogen-Kampfes - nachdem er Anfang Dezember noch den wegen Drogeneinfuhr in die USA verurteilten früheren Präsidenten Honduras begnadigt hatte.

Von Trumps Wahlkampfversprechen, die USA aus internationalen Konflikten herauszuhalten, ist jedenfalls nicht viel geblieben. Das Pentagon wurde mittlerweile in Kriegsministerium umbenannt. Es gab US-Militärschläge in Iran und im Jemen. Seit Wochen bombardieren die USA mutmaßliche Drogenschiffe auch in internationalen Gewässern in der Karibik.

Rückabwicklung zum Großmachtdenken

Dies erwischt die Europäer gleich mehrfach auf dem falschen Fuß. Zum einen droht der Politik wechselnder Bundesregierungen ein herber Rückschlag, mit internationalen Absprachen auch Grenzen für das Verhalten von Supermächten einziehen zu wollen. "Wer internationales Recht missachtet und Macht über Regeln stellt, unterscheidet sich im Handeln nicht von autoritären Akteuren", kritisierte am Samstag deshalb der SPD-Außenpolitiker Adis Ahmetovic im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters. Die Politik der Stärke des Rechts werde unter Trump von einer Politik des Rechts des Stärkeren abgelöst.

"Was ist jetzt mit den Oden an die Unverletzlichkeit von Souveränität und territorialer Integrität, die seit dem Februar 2022 wieder stärker in Mode gekommen sind?", schrieb der Direktor des GPPI-Instituts, Thorsten Benner, auf der Plattform X. Dass die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas in ihrem Statement jede Kritik an den USA vermissen ließ, zeige, dass sich die EU am "absoluten Nullpunkt" befinde.

Transatlantik-Koordinator Metin Hakverdi ⁠sieht zudem eine klare Tendenz der USA zur alten "Hinterhof"-Politik zurückzukehren. Die neue US-Sicherheitsstrategie definiere die westliche Hemisphäre als strategische Priorität der USA, sagte der deutsche SPD-Außenpolitiker zu Reuters. "Dort wollen die USA gegen Drogenschmuggel, aber auch den Einfluss fremder Mächte entschieden vorgehen, gegebenenfalls mit Gewalt." Die Militäraktion in Venezuela erinnert zugleich an die Festnahme von Manuel Noriega, des Machthabers in Panama, 1989 bei einer US-Militärintervention. Noriega wurde dann in den USA vor Gericht gestellt - ebenfalls mit dem Vorwurf des Drogenhandels.

Die FDP-Europaabgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann sieht im Vorgehen Trumps zudem eine Art Komplizenschaft mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Beide steckten Einflussbereiche ab. "Dabei missachten sie das Völkerrecht offen und gewähren einander offenkundig den nötigen Handlungsspielraum", sagte sie der Funke-Mediengruppe. Trumps Vorgehen sei zugleich eine "unmissverständliche Drohbotschaft" an Dänemark und Grönland, das er für die USA beansprucht.

Was bedeutet dies für die Ukraine?

Die im Hintergrund schwelende Sorge, die die europäischen Regierungschefs auch am Dienstag bei ihrem geplanten Treffen in Paris beschäftigen dürfte: Wenn der US-Präsident für sich das Recht beansprucht, den venezolanischen Präsidenten verhaften und außer Landes fliegen zu dürfen, dann könnte sich Putin in seiner eigenen Forderung bestätigt fühlen, einen "Regime-Change" in der Ukraine durchzusetzen, warnten am Samstag auf der Plattform X zahlreiche Außenpolitikexperten und Politiker wie der britische Labour-Abgeordnete John McDonnell.

Ohnehin hatte Trump bereits öffentlich Zweifel an der Legitimität des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj geäußert, weil es in der Ukraine wegen der russischen Invasion seit 2019 keine Präsidentschaftswahlen mehr gegeben hat. Das Misstrauen der europäischen Regierungen über die wahren Motive hinter der widersprüchlichen US-Verhandlungsführung mit Russland wächst ⁠jedenfalls weiter.

Auffallend war, wie schnell der ukrainische Außenminister Andrij Subiha reagierte, um genau diesen Eindruck einer Parallele zwischen Venezuela und seinem Land zu zerstreuen: Das Maduro-Regime habe gegen das Recht der Nationen verstoßen, "ohne Diktatur, Unterdrückung und Menschenrechtsverletzungen zu leben", schrieb er auf X. Auch die Ukraine habe die Legitimität Maduros nach manipulierten Wahlen und Gewalt gegen Demonstranten deshalb nicht anerkannt. Dass die US-Militäraktion in einem souveränen Land stattfand, erwähnte Subiha mit keinem Wort.

Das Problem für die Bundesregierung: Andere wie etwa die Linkspartei in Deutschland ziehen diese Parallele. "Bei völkerrechtswidrigen ⁠Angriffskriegen darf nicht mit zweierlei Maß gemessen werden. Wer Putin sanktioniert, muss auch Trump sanktionieren", teilte Linken-Partei-Co-Chef Jan van Aken mit und forderte nun auch europäische Sanktionen gegen die USA.

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