Welt-Analyse

Selenskyj unter Druck: "Sind nicht am Verlieren"

Seit genau 4 Jahren tobt der Angriffskrieg in der Ukraine. Präsident Wolodymyr Selenskyj lehnt unfairen Frieden ab 

Kiew/Moskau. Wolodymyr Selenskyj und seine Militärs verteidigen ihr Land seit nunmehr vier Jahren verbissen gegen die russische Invasion in der Ukraine. Die Opferzahlen auf beiden Seiten sind enorm. Auf russischer Seite sollen 1,3 Millionen Soldaten umgekommen oder verletzt worden sein, auf ukrainischer 350.000.

Flucht. 12,7 Millionen sind in der Ukraine auf ständige humanitäre Hilfe angewiesen. Die permanente Mischung aus Angst, Kälte und völliger Unsicherheit über die Zukunft zermürbt die Menschen. Mehr als 12 Millionen haben deshalb die Ukraine bereits verlassen, 82.000 davon leben als Flüchtlinge in Österreich. Ursprünglich, dachte Putin, wird der Krieg in maximal einer Woche erledigt und Ukraine-Präsident Selenskyj getötet oder geflohen sein. Es ist anders gekommen. Derzeit erlebt die Ukraine den schwersten Winter seit Kriegsbeginn.

Stagnation. Trotz der dramatischen Zahlen will aber bis heute keiner aufgeben. Das zeigen die neuerlichen Ukraine-Gespräche zwischen Russland und der Ukraine im Genfer Hotel Intercontinental: Abermals waren sie nach nur wenigen Stunden zu Ende.

Intensiv und substanziell – so beschrieb der ukrainische Delegationsleiter Rustem Umjerow die Diskussionen mit Russland. Russlands Verhandlungsführer, der Putin-Berater Wladimir Medinski, sprach von schwierigen, aber sachlichen Gesprächen. Völlig anders sieht das Ukraine-Präsident Selenskyj. Er warf Russland vor, den Fortschritt der laufenden Verhandlungen bewusst verzögern zu wollen. Damit hintergeht Putin Trump, der die Ukraine auf eine baldige Lösung mit Russland drängt.

Gespräche gehen weiter, Streitpunkte bleiben

US-Präsident Donald Trump drängt auf eine rasche Lösung. Käme es etwa bis zum Sommer zu einer tragbaren Waffen -stillstands-Lösung, würde ihm dies bei dem US-Zwischenwahlen extrem nützen. Trump sieht sich als Friedensstifter, als Mann, der bereits acht Kriege beendet hat, wie er stets betont.

Trumps Vermächtnis. Darauf setzt Selenskyj: „Ich denke, es gibt keinen größeren Sieg für Trump, als den Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu beenden. Für sein Vermächtnis steht das an erster Stelle“, erklärte Selenskyj zuletzt in einem Interview mit „The Atlantic“. Gleichzeitig macht Selenskyj aber klar, dass er nicht um jeden Preis verhandeln wird. „Wir sind nicht am Verlieren“, betont er trotz der schwierigen Lage an der Front, wo russische Truppen langsam, aber stetig vorrücken.

Selenskyjs Team will eine Lösung. Kiew verzichtet auf die Verfolgung von Kriegsverbrechern und ist bereit, Putin für Verhandlungen fast überall zu treffen – nur nicht in Moskau.

Außerdem will Selenskyj für den Fall einer diplomatischen Lösung ein Referendum über einen Friedensplan, gekoppelt mit Präsidentschaftswahlen. So könnte er Territorialverluste in der Ostukraine legitimieren und sich gleichzeitig ein neues Mandat sichern.

Doch auch hier könnte Selenskyj verlieren.

Unbeliebt. In allen Umfragen gehen die Beliebtheitswerte des Präsidenten nach unten. Käme es tatsächlich zu Neuwahlen, wäre sein schärfster Konkurrent der ehemalige Oberbefehlshaber der ukrainischen Truppen, General Walerij Saluschnyj, inzwischen Botschafter der Ukraine im Vereinigten Königreich.

Ursprünglich hatten der General und Selenskyj eng zusammengearbeitet. Als der erfolgreiche und in der Bevölkerung extrem beliebte Soldat allerdings seine politischen Ambitionen geäußert hatte, ließ Selenskyj ihn fallen. Das war im Februar 2024. Saluschnyj wurde als Oberbefehlshaber abgesetzt.

Das Verhältnis zwischen den beiden Männern ist bis heute angespannt. Die Nachrichtenagentur AP zitierte zuletzt Umfragen, die Saluschnyj in einer hypothetischen künftigen Wahl knapp vor Selenskyj sehen.

Es bleibt somit abzuwarten, was die Verhandlungen ergeben werden.

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