Marathon-Training
Ich dachte, ich bin fit genug für einen Marathon - dann kam dieses Pilates-Training
Ich trainiere gerade auf einen Marathon hin, laufe gerade 60-70 Kilometer pro Woche und verbringe entsprechend viel Zeit damit, meinen Körper zu trainieren. Krafttraining gehört für mich schon lange dazu, normalerweise im Fitnessstudio. Ich dachte also, ich hätte meine Schwachstellen einigermaßen im Griff.
Spoiler: Hatte ich nicht.
Vor Kurzem bekam ich die Möglichkeit, ein Einzeltraining im Wiener Pilates Studio The1924 in der Kollergasse 4/1 im 6. Bezirk zu absolvieren. Und ich sage es gleich vorweg: Dieses Training hat mir in vielerlei Hinsicht mehr über meinen Körper beigebracht als so manche Stunde an den Geräten im Fitnessstudio. Denn es ging nicht darum, möglichst viel Gewicht zu bewegen oder möglichst viele Wiederholungen zu schaffen. Es ging darum, wie ich mich bewege. Welche Muskeln tatsächlich arbeiten. Wo mein Körper ausweicht. Und warum.
Plötzlich ergibt meine Hüfte Sinn
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Zu Beginn wurde mein Körper genau analysiert: Haltung, Hüfte, Rücken, Bewegungsmuster und mögliche Dysbalancen. Und plötzlich machte eine Sache Sinn, über die ich nach meinem ersten Marathon lange nachgedacht hatte: Warum hat irgendwann meine Hüfte geschmerzt? Natürlich lässt sich eine Verletzung oder ein Schmerz nie auf eine einzige Ursache reduzieren. Aber bei mir zeigte sich ziemlich deutlich, dass meine rechte und linke Körperhälfte nicht ganz gleich arbeiten. Eine Seite ist dominanter und stärker.
Laut Trainerin Sara Hrapovic könnte dabei auch mein jahrelanger Tanzhintergrund eine Rolle spielen. Durch die vielen Jahre Training und die immer wieder gleichen Bewegungsmuster kann sich eine solche Dominanz entwickeln. Das bedeutet nicht automatisch, dass daraus Beschwerden entstehen müssen. Aber bei einer Sportart wie Laufen, bei der wir tausende Male dieselbe Bewegung wiederholen, können solche Unterschiede langfristig relevant werden. Auch das Thema Skoliose kam kurz auf. Ich habe keine ausgeprägte Skoliose, allerdings gibt es eine sehr leichte Verschiebung, die optisch kaum auffällt, bei manchen Übungen aber bemerkbar wird. Und genau das fand ich so spannend: Dinge, die ich im Alltag überhaupt nicht wahrnehme, werden sichtbar, sobald jemand meinen Körper bei einer Bewegung wirklich beobachtet.
Dann kam der Reformer
Danach ging es auf den Reformer und später auf den Wunda Chair. Von außen sahen manche Übungen wahrscheinlich relativ unspektakulär aus. Kein schweres Gewicht, keine dramatischen Bewegungen, kein "Jetzt gib noch einmal alles". Mein Körper sah das anders. Ich habe gezittert. Und zwar so richtig. Ich dachte immer, mein Core sei ziemlich gut trainiert. Ist er auch. Aber offenbar nicht unbedingt so, wie er für meine Anforderungen als Läuferin optimal wäre.
Mein Core musste plötzlich wirklich arbeiten
Gerade beim Marathon ist eine stabile Körpermitte wichtig. Man läuft schließlich über Stunden und versucht dabei, eine möglichst effiziente Haltung und Bewegung aufrechtzuerhalten. Beim Pilates geht es deshalb nicht einfach darum, den Bauch anzuspannen. Die tief liegenden Muskeln müssen bewusst angesteuert werden. Das klingt vielleicht für manche ein bisschen esoterisch: Stichwort "Mind-Body-Connection". Ist es aber überhaupt nicht. Denn wenn Sara mich nicht ständig daran erinnert hätte, mein sogenanntes "Powerhouse" zu aktivieren, hätte ich bei einigen Übungen schlicht wieder mit anderen Muskeln kompensiert. Und genau darin liegt für mich der große Unterschied eines Einzeltrainings.
Warum Einzeltraining für mich so einen Unterschied gemacht hat
In einer Gruppe kann niemand permanent auf genau eine Person schauen. Beim Einzeltraining hingegen wurde jede Bewegung beobachtet. Sobald ich angefangen habe auszuweichen, war Sara da. "Aktiviere dort." - "Nein, nicht aus der Hüfte kompensieren." - Und plötzlich wurde mir bewusst, wie viele kleine Ausweichbewegungen ich automatisch mache. Auch die Übungen am Reformer funktionieren nicht für jeden Körper automatisch auf exakt dieselbe Weise. Körperproportionen, Beweglichkeit und individuelle Dysbalancen spielen eine Rolle. Sara konnte die Positionen entsprechend anpassen und sofort erkennen, wann ich Unterstützung brauchte. Das fand ich besonders wertvoll.
Mein Hohlkreuz ist nicht einfach nur mein Hohlkreuz
Eine weitere Erkenntnis: Ich neige ziemlich stark zu einem Hohlkreuz. Das wusste ich zwar. Was mir aber nicht bewusst war, welche Auswirkungen dieses Bewegungsmuster auf andere Bereiche haben kann. Wenn bestimmte Muskeln nicht optimal arbeiten, übernehmen andere Strukturen mehr Arbeit. Bei mir betrifft das unter anderem die Hüftbeuger und eine Seite meiner Hüfte stärker als die andere. Und wieder ergibt plötzlich einiges Sinn. Denn Laufen ist eine unglaublich repetitive Sportart. Ich mache Woche für Woche zehntausende ähnliche Bewegungen. Wenn dabei bestimmte Strukturen immer wieder mehr Arbeit übernehmen als andere, möchte ich nicht erst darauf reagieren, wenn irgendwann Schmerzen entstehen. Genau deshalb sehe ich das Training inzwischen weniger als "noch eine Sporteinheit", sondern vielmehr als Körper-Check.
Und dann kam der Muskelkater meines Lebens
Natürlich musste ich nach dieser Erkenntnis erst einmal bezahlen. Am nächsten Tag hatte ich einen Muskelkater des Todes. Muskeln, von denen ich nicht einmal wusste, dass ich sie habe, haben sich bemerkbar gemacht. Besonders lustig fand ich allerdings: Als der Muskelkater langsam nachließ, fühlte sich mein Laufen plötzlich erstaunlich gut an. Irgendwie bounciger. Ich hatte das Gefühl, leichter zu laufen und meinen Körper besser unter Kontrolle zu haben und war bei meinem nächsten Lauf sogar schneller als erwartet. Natürlich ist das kein Beweis dafür, dass Pilates automatisch schneller macht. Dafür spielen beim Laufen viel zu viele Faktoren eine Rolle. Aber das veränderte Körpergefühl war definitiv da.
Ich glaube inzwischen: So ein Training sollte jede:r einmal machen
Und genau deshalb würde ich so ein Einzeltraining mittlerweile nicht nur Läufer:innen empfehlen. Eigentlich jeder Mensch könnte davon profitieren, einmal jemanden von außen auf die eigene Bewegung schauen zu lassen. Wir gewöhnen uns an unsere Haltung. An unser Hohlkreuz. Daran, dass eine Schulter etwas höher steht. Daran, dass wir beim Einbeinstand immer auf dieselbe Seite kippen. Für uns fühlt sich das normal an. Erst wenn jemand sagt: "Mach das noch einmal, aber jetzt achte auf genau diese Stelle", merken wir, wie viel unser Körper eigentlich kompensiert.
Gerade für Läufer:innen finde ich das besonders spannend. Wir verbringen so viele Stunden in derselben Bewegungsabfolge und trainieren häufig sehr zielgerichtet auf Pace, Distanz und Ausdauer. Dabei kann leicht untergehen, wie wir diese Kilometer eigentlich laufen. Mein Ziel ist deshalb nicht, jetzt plötzlich jedes Ungleichgewicht "wegzutrainieren". Ein gewisses Maß an Asymmetrie ist völlig normal. Ich möchte vielmehr besser verstehen, wo meine individuellen Schwachstellen liegen und wie ich sie gezielt ausgleichen kann. Denn wenn ich in Zukunft noch viele Marathons laufen möchte, will ich nicht erst dann anfangen, mich um meinen Körper zu kümmern, wenn er sich mit Schmerzen beschwert.
Ich werde deshalb definitiv wieder auf den Reformer steigen. Auch wenn ich inzwischen weiß: Die kleinen, unscheinbaren Übungen können verdammt weh tun.
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