50 Jahre Roncalli

Bernhard Paul: "Das Circus-Erbe ist ein Drahtseilakt"

© Patric Fouad
Hereinspaziert! Von 16. September bis 11. Oktober gastiert der Circus Roncalli in Wien. Mastermind Bernhard Paul über ein halbes Jahrhundert Magie und Leidenschaft.
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Wenn sich am Wiener Rathausplatz die rot-weißen Zeltkuppeln erheben, historische Circuswagen anrollen und abends tausende Lichter zu leuchten beginnen, hält für ein paar Wochen eine ganz eigene Welt Einzug in die Stadt. Ab 16. September gastiert das Circus-Theater Roncalli wieder in Wien – und diesmal ist die Rückkehr eine besondere: Roncalli feiert seinen 50. Geburtstag.

Der Circus als Lebenswerk

Der Traum vom eigenen Circus begann für Gründer Bernhard Paul genau hier. Heute steht bereits die nächste Generation bereit: Seine Kinder Vivian (37), Adrian (35) und Lili Paul-Roncalli (28) führen das Familienunternehmen mit ihm in die Zukunft. Im MADONNA-Interview spricht der 79-Jährige über sein Lebenswerk, die Magie der Manege und die Kunst des Loslassens.

Wie alles vor 50 Jahren begann. © Circus Roncalli

Roncalli-Mastermind im Interview

Bernhard Paul in seiner berühmten Rolle als Clown Zippo. © Circus Roncalli
“Eigentlich wollte ich nur einen kleinen Wanderzirkus haben...”

Bernhard Paul über seine Anfänge

50 Jahre Roncalli – ist aus Ihrem Traum von damals genau das geworden, was Sie sich damals vorgestellt haben?

Bernhard Paul: Es ist ein wahrgewordener Traum. Nur, dass dieser in seiner Gesamtheit übererfüllt wurde. Soweit hatte ich gar nicht zu träumen gewagt. Die Realität hat meinen Traum vom Circus sozusagen überholt. Eigentlich wollte ich nur einen kleinen Wanderzirkus haben, mit einer italienischen Artistenfamilie, und mit diesem gemütlich durch die österreichischen Urlaubsorte reisen. Vom Attersee bis zum Wörthersee. Wenn ich jetzt zurückblicke auf unsere Erfolge von Hamburg bis München, von Wien bis Innsbruck, Amsterdam, Brüssel, Kopenhagen, Moskau, Sevilla und New York übertrifft das meine ursprünglichen Reisepläne eindeutig.

Was bedeutet es Ihnen, dieses große Jubiläum jetzt wieder in Wien zu feiern?

Paul: Ich liebe Wien. Hier habe ich die wichtigste Zeit meines Lebens vor dem Circus verbracht. Habe hier Grafik studiert, hatte hier meine besten Freunde, war als Art Director von "profil" erfolgreich… Mein zweites Leben, das Circusleben, basiert auf dieser Zeit.

Mit einem Feuerwerk an Ideen wird das Jubiläum vor dem Wiener Rathaus gefeiert. © Circus Roncalli
Kein "Best-of", sondern eine "Tür in die Zukunft" wird es zu sehen geben. © Circus Roncalli

Ist ein Circus noch zeitgemäß?

Sie sagen, das Jubiläumsprogramm soll kein nostalgisches "Best-of" sein, sondern eine "Tür in die Zukunft". Worauf darf man sich hinter dieser freuen?

Paul: Auf alles. Das ganze Programm ist neu und birgt jede Menge Überraschungen. Wie immer bei Roncalli werden das Kleinkind und der Intellektuelle zur selben Sekunde staunen und lachen können.

Nach 50 Jahren haben Sie wohl so ziemlich alles gesehen, was in einer Manege möglich ist. Was kann Sie selbst noch begeistern?

Paul: Wenn die eigenen Kinder sowohl innerhalb als auch außerhalb der Manege über sich selbst hinauswachsen, Erfolge verbuchen und mich zum Lachen und Staunen bringen.

Wir leben in einer Welt von Smartphones, Social Media, Streaming, KI... Warum ist der Circus trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – noch zeitgemäß?

Paul: Ein österreichisches Sprichwort und die Band Opus sagt: "Live Is Life!" Live-Unterhaltung ist in Zeiten von Streaming und KI durch nichts zu ersetzen.

Erinnerungen an Bernhard Pauls erste Schritte als Circus-Mastermind. © Circus Roncalli
“Den Kindern freie Hand zu lassen, ist ein Drahtseilakt...”

Bernhard Paul

Und wie schafft man es, am Puls der Zeit zu bleiben, ohne die eigene Seele zu verlieren?

Paul: Wahrhaftig zu sein, ehrlich zu bleiben und den Blick auch für Details nicht zu verlieren. Mir war es von Anfang an wichtig, Circus als Kunstform ernst zu nehmen. Wie bei den Kollegen in Oper und Schauspiel sind auch unsere Köpfe ständig kreativ und wir sind ständig in Austausch über neue Ideen. Gleichzeitig sind wir uns bewusst, was Circus kann und welches die Momente sind, die wir bewahren wollen. Das Schönste ist für uns nach wie vor, wenn die Menschen verändert aus der Vorstellung kommen und ein bisschen über dem Boden schweben.

Tochter und Artistin Lili ist inzwischen auch ins Management integriert. © Circus Roncalli

Ihre Kinder Vivian, Adrian und Lili sind selbst wichtige Teile von Roncalli. Wie verändert sich Ihre Rolle, wenn sie nun Verantwortung übernehmen und ihre eigenen Vorstellungen einbringen?

Paul: Sie sind die Zukunft. Es ist ein Drahtseilakt, ihnen freie Hand zu lassen, aber trotzdem darauf zu achten, dass keine Fehlentwicklungen passieren. Vergleichbar vielleicht mit dem wunderschönen Bild, das früher in – fast – jedem Schlafzimmer über dem Ehebett hing: ein umgestürzter Baum, der über einem Bach liegt, und Kinder, die wie Seiltänzer auf diesem balancieren. Darüber schwebt ein Schutzengel mit ausgebreiteten Armen und Flügeln, um sie im Fall eines Sturzes aufzufangen. So sehe ich meine zukünftige Rolle.

Bernhard Paul mit seiner Ehefrau Eliana, den Töchtern Lili und Vivian sowie Sohn Adrian, der kürzlich geheiratet hat. © Circus Roncalli
“Oft sind sie erstaunt, wie vorausschauend ich Entscheidungen für die Zukunft getroffen habe.”

Bernhard Paul

Hand aufs Herz: Können Ihre Kinder auch zu Ihnen sagen: "Papa, das ist von gestern, das müssen wir anders machen"?

Paul: Wir sprechen viel. Oft sind sie erstaunt, wie vorausschauend ich Entscheidungen für die Zukunft getroffen habe. So war ich der erste, der auf Tierdarbietungen verzichtet hat. Oder die Entscheidung, als letzter Circus den Transport weiterhin über die Schiene zu realisieren und nicht mit den Lkws und den Tieren auf der Autobahn im Stau die Straße zu verstopfen. Mittlerweile mit E-Lok und Ökostrom. Heute denken viele darüber nach, ob Roncalli hier nicht schon die ganze Zeit zukunftsweisend war.

Welchen persönlichen Traum haben Sie noch für die Zukunft – abseits des Erfolgs von Roncalli?

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