Das Urteil gegen den 39-jährigen Italiener fiel am Mittwochabend. Der Fall geht auf einen Vorfall im Sommer 2024 zurück, der landesweit eine Debatte über die Ausbeutung von Erntehelfern in der italienischen Landwirtschaft auslöste. Die Staatsanwaltschaft hatte 22 Jahre Haft gefordert. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Tragischer Unfall auf Melonenfeld
Der 31-jährige indische Staatsbürger Satnam Singh war im Juni 2024 bei der Feldarbeit nahe der Gemeinde Borgo Santa Maria, rund 60 Kilometer entfernt von Rom, in eine landwirtschaftliche Maschine geraten. Die Apparatur, die für das großflächige Überziehen von Feldern mit Plastik genutzt wird, trennte dem Mann den rechten Arm ab und zerquetschte seine Beine. In dieser Region werden vorwiegend Melonen und Zucchini angebaut.
Auch interessant
Hilfeleistung nach Unfall verweigert
Anstatt sofort die Rettungskräfte zu rufen, transportierte der Arbeitgeber den schwer verletzten Mann in einem Lieferwagen zu dessen Unterkunft. Gewerkschaften berichteten zudem, dass Singh zusammen mit seiner Ehefrau am Straßenrand abgesetzt wurde. Der abgetrennte Arm des Opfers wurde in einer Obstkiste direkt neben ihm zurückgelassen. Erst als Nachbarn auf die Situation aufmerksam wurden und den Notruf wählten, wurde der Verletzte mit einem Hubschrauber in eine Klinik nach Rom geflogen. Dort verstarb Singh eineinhalb Tage später.
Keine Rettung trotz Flehen
Ein medizinisches Gutachten ergab, dass der Erntehelfer an schweren Blutungen starb. Die Staatsanwaltschaft betonte, dass der Mann bei schnellerer medizinischer Hilfe sehr wahrscheinlich überlebt hätte. Seine Ehefrau schilderte die dramatischen Momente laut italienischen Medien: "Ich habe den Besitzer angefleht, uns zu helfen, ich habe ihn auf Knien angefleht. Aber er hat uns vor dem Haus abgesetzt und ist weggelaufen." Der verurteilte Landwirt rechtfertigte sein Verhalten im Nachhinein mit einer Panikreaktion.
Systematische Ausbeutung von Migranten
Der Fall hat den Fokus auf die prekären Bedingungen von Saisonarbeitern gelenkt. Schätzungen zufolge arbeiten rund 230.000 Menschen illegal in der italienischen Agrarindustrie, viele davon stammen aus Indien oder Pakistan. Die Arbeiter erhalten oft Stundenlöhne von drei bis vier Euro oder weniger, während die Produkte teils im europäischen Lebensmittelhandel landen. Vermittelt werden die Arbeitskräfte häufig über illegale Mittelsmänner, die einen erheblichen Teil des Lohns einbehalten. Das Placido-Rizzotto-Observatorium geht in einem aktuellen Bericht davon aus, dass rund ein Viertel aller Saisonbeschäftigten von diesen Zuständen betroffen ist. Satnam Singh war im Jahr 2021 mit seiner Frau nach Italien gekommen und besaß keinen regulären Aufenthaltsstatus. Nach seinem Tod demonstrierten tausende indische Landarbeiter in der Region Latina gegen die Zustände.
OE24 TV Live-Stream
OE24 TV Live-Stream
Fehler im Artikel gefunden?Jetzt melden