Über Geländegewinne

"Grenzt an Halluzinationen": Experten widerlegen Putin

Ein Mann im Anzug spricht an einem Rednerpult mit russischem Wappen zwischen zwei Flaggen.
© APA/AFP/POOL/KRISTINA SOLOVYOVA
Kremlchef Wladimir Putin behauptet, Russland habe im September riesige Gebiete in der Ukraine erobert. Militärexperten des US-Instituts ISW zeichnen jedoch ein völlig anderes Bild: Putins Truppen haben in Wahrheit massiv an Boden verloren.
OE24 auf Google bevorzugen

Die militärische Führung in Moskau sorgt mit offiziellen Siegesmeldungen für heftiges Kopfschütteln bei internationalen Beobachtern. Während Kremlchef Wladimir Putin öffentlich verkündete, seine Streitkräfte hätten allein im September 2026 stolze 1.301 Quadratkilometer ukrainisches Territorium eingenommen, deckt eine detaillierte Auswertung des angesehenen US-Instituts für Kriegsstudien („The Institute for the Study of War“, ISW) das genaue Gegenteil auf. Den Daten der Analysten zufolge erlitten die russischen Invasionstruppen im selben Monat einen realen Nettoverlust von 80,81 Quadratkilometern.

In ihrem täglichen Lagebericht zur militärischen Entwicklung finden die US-Experten ungewohnt deutliche Worte für die Darstellungen aus Moskau: "Putins Behauptungen über Russlands Gebietsgewinne im September 2026 sind so realitätsfern, dass sie schon an Halluzinationen grenzen." Putins genannte Zahlen würden dem Zweieinhalbfachen jener Gewinne entsprechen, die Russland in den Vormonaten überhaupt für sich verbuchen konnte.

Fiktives Bild der Frontlage und tief sitzende "Kultur des Lügens"

Nach Einschätzung des ISW verfolgt der Kreml mit diesen Zahlen ein gezieltes Propagandamuster. Kleine, lokale Vorstöße würden fälschlicherweise als großflächige, strategische Eroberungen präsentiert, um der heimischen Bevölkerung eine vermeintlich intakte militärische Dominanz vorzuspielen. Die reale Frontlage sei hingegen an den allermeisten Abschnitten seit vielen Monaten weitgehend festgefahren.

Ob der Kremlchef selbst über die Realität getäuscht wird oder bewusst falsche Angaben streut, lassen die Experten offen:

  • Das ISW betont, es könne nicht mit Sicherheit beurteilt werden, ob Putin wisse, dass seine vorgetragenen Zahlen frei erfunden sind.
  • Denkbar sei, dass Putin von seinen Generälen systematisch mit fiktiven Lageberichten gefüttert wird.
  • Die Experten konstatieren, dass eine tief verwurzelte "Kultur des Lügens" innerhalb der russischen Militärführung das Handeln bestimme.

Offene Revolte unter kremltreuen Militärbloggern

Die wachsende Kluft zwischen Moskauer Propaganda und der bitteren Realität an der Front führt nun selbst im eigenen Lager zu massivem Unmut. Ausgerechnet prorussische Kriegsberichterstatter und Militärblogger attackieren das Verteidigungsministerium und den Generalstab für deren Beschönigungspolitik. Besonders die heikle Situation rund um den strategischen Brennpunkt Lyman in der Region Donezk sorgt für erhebliche Spannungen.

Der bekannte prorussische Kriegspropagandist Oleg Zarjow griff die Staatsführung via Telegram scharf an, weil diese den ukrainischen Bericht über 250 gefangengenommene russische Soldaten totschwieg: "Unsere Leute sind doch nicht dumm. Militärische Rückschläge können die Menschen verkraften. Das Gefühl jedoch, für dumm verkauft zu werden, verzeihen sie nicht."

Weitere Insider-Kanäle zeichnen ein verheerendes Bild der Zustände:

  • Der Militärkanal "Älter als Edda" berichtet, dass russische Kommandeure in Donezk Gebietsverluste nach oben verschweigen, weshalb lebenswichtige Verstärkung für die bedrängten Einheiten ausblieb.
  • Der Militärblogger "artjockey" mutmaßt, dass die 250 Soldaten womöglich deshalb in Gefangenschaft gerieten, weil die Einheiten durch gefälschte Berichte gar nicht mehr wussten, wo die tatsächliche Frontlinie verläuft.

Putins Donbass-Plaene wanken trotz Terrorangriffen

Erst vor wenigen Tagen hatte Putin vollmundig erklärt, der gesamte Donbass werde in weniger als anderthalb Jahren unter russischer Kontrolle stehen – womöglich sogar deutlich schneller. Die militärische Realität straft diese Ankündigungen bisher Lügen. Statt echter Geländegewinne intensiviert Moskau die Angriffe auf zivile Ziele: Großstädte wie Kiew, Charkiw und Odessa werden vermehrt mit Kampfdrohnen und ballistischen Raketen attackiert, während die eigenen Truppen am Boden herbe Rückschläge einstecken müssen.

Fehler im Artikel gefunden?Jetzt melden