Am Anfang war "Das weiße Band". Jener Film, für den sie Star-Regisseur Michael Haneke entdeckte. Mit erst 16 Jahren feierte die Tochter einer Oberösterreicherin und eines in Spanien geborenen Franzosen ihren Durchbruch – und eroberte von Paris aus, wo sie die Cours Florent-Schauspielschule besuchte, die Welt. Nach unzähligen internationalen Film-, Serien- und Theater-Produktionen („Tagebuch der Anne Frank“, "Marie Antoinette", "Vienna Game" u.v.m.) sorgt Roxane Duran ab 18. Juli bei den Salzburger Festspielen für frischen Wind. An der Seite von "Jedermann" Philipp Hochmair gibt die zarte Beauty, die im Interview entzückend Oberösterreichisch mit französischem Akzent spricht, die neue Buhlschaft. Und auch die Nebenschauplätze des Kulturfestivals an der Salzach wirbelt die 33-Jährige mit Temperament („Für die Rolle habe ich extra Tango-Unterricht genommen“), Leidenschaft und tollen Looks auf.
Das Interview
Wir treffen uns hier in Salzburg, der Countdown zur Premiere läuft. Fühlt sich dieser anders an als bei anderen Produktionen?
Roxane Duran: Natürlich. Aber jedes Projekt hat etwas Besonderes. Hier ist es einfach zauberhaft, weil alles mit dieser Kulturstadt und den Salzburger Festspielen verbunden ist. Diese Vielfalt aus Oper, Theater und klassischer Musik ist ein Wunder. Das Besondere am "Jedermann" ist seine Form – immer wieder mit einem anderen Jedermann, einer anderen Buhlschaft, einer neuen Inszenierung und Crew, die wieder etwas völlig Neues an diesem Stück entdeckt. Das ist ein bisschen wie bei Shakespeare oder den ganz großen Klassikern: Man kennt sie schon so gut, entdeckt aber doch immer wieder etwas Neues.
Hat sich mit dieser Rolle ein Lebenstraum für Sie erfüllt?
Duran: Ich hätte nicht einmal gedacht, dass ich mir erlauben dürfte, davon zu träumen. Es war für mich eigentlich ein unerreichbarer Traum. Es ist eine riesige Herausforderung und gleichzeitig ein unglaubliches Geschenk. Und dieses Geschenk nehme ich einfach an. Auf Englisch sagt man: "Dream bigger!" Ich glaube, genau das mache ich jetzt. Wenn so etwas für mich möglich ist, dann können vielleicht auch noch andere verrückte Dinge passieren.
“Es war für mich eigentlich ein unerreichbarer Traum.”
Roxane Duran
Welche Rolle haben die Salzburger Festspiele und der "Jedermann" bisher in Ihrer Wahrnehmung gespielt?
Duran: Ich habe die Festspiele im Fernsehen verfolgt. Das war für mich jedes Jahr ein Highlight des Sommers: die neuen Inszenierungen, die Opern, als Anna Netrebko auf der Bühne stand. Ein unvergesslicher Moment. Obwohl ich ja in Frankreich lebe, gehören für mich die österreichische Kultur, die Salzburger Festspiele, das Neujahrskonzert und der Opernball einfach zusammen. Das sind Momente, die man aus meinem Leben nicht wegdenken kann. Aber tatsächlich hatte ich das Stück "Jedermann" noch nie gesehen – nicht einmal im Fernsehen. (lacht)
Das heißt, Sie haben "Jedermann" zum ersten Mal gesehen, als Sie selbst die Buhlschaftsrolle übernommen haben. Haben Sie sich nun auch alte Inszenierungen angesehen, um zu sehen, wie andere Schauspielerinnen diese Rolle interpretiert haben, oder wollten Sie unvoreingenommen herangehen?
Duran: Das war ursprünglich mein Plan. Natürlich habe ich mir dann Robert Carsens Inszenierung angesehen – und sie wirklich grandios gefunden. Ich habe mir auch ältere Inszenierungen – etwa mit der grandiosen Birgit Minichmayr oder Verena Altenberger – angeschaut, aber nur kurze Passagen. Ich sauge so etwas sehr schnell auf und wollte unbedingt meine eigene Interpretation entwickeln. Vielleicht ist es tatsächlich einfacher, möglichst unvoreingenommen an die Rolle heranzugehen.
Hatten Sie vor den ersten Proben schon eine konkrete Vorstellung davon, wie Sie die Buhlschaft spielen möchten?
Duran: Natürlich hatte ich Ideen. Vor allem wusste ich, dass ich mich ganz auf Philipp einlassen möchte. Denn entscheidend ist, dass unsere Energie stimmt. Wir müssen uns gegenseitig vertrauen, uns frei aufeinander einlassen und gemeinsam herausfinden, wohin uns diese Reise führt.
Was macht Philipp Hochmair zu "Ihrem" idealen Jedermann?
Duran: Dass er mich von Anfang an, bei unserer Erstbegegnung im Winter in Wien, so herzlich aufgenommen hat. Wirklich. Das war wunderschön, schließlich kannten wir uns ja gar nicht.
Ist es Ihnen wichtig, dass sich die Rolle der Buhlschaft emanzipiert, und wird dies auch in Ihrem Schauspiel zu sehen sein?
Duran: Genau das fasziniert mich am Schauspiel: Auf dem Papier steht ein Text. Aber was daraus entsteht, hängt immer von den Menschen ab, die ihn in diesem Moment gemeinsam erzählen. Natürlich hat Hugo von Hofmannsthal den "Jedermann" aus seiner Perspektive geschrieben. Oft höre ich: "Die Buhlschaft ist doch nur eine kleine Rolle." Aber gerade dann muss man auf der Bühne umso mehr von sich selbst einbringen. Je weniger äußere Mittel eine Figur hat, desto mehr muss man sie mit der eigenen Persönlichkeit füllen. Das finde ich unglaublich spannend.
Was bedeutet Weiblichkeit für Sie persönlich?
Duran: Weiblichkeit ist für mich dieses Gefühl, mit beiden Füßen fest auf dem Boden zu stehen. Geerdet zu sein. Das ist etwas, das einem niemand nehmen kann. Genau dieses Gefühl schenkt mir die Buhlschaft. Es ist etwas, das für immer bei mir bleiben wird.
Wer oder was hat Sie als Frau für das Leben stark gemacht, Ihnen Selbstvertrauen geschenkt?
Duran: Meine Mutter. Sie hat mir ihre Freiheit und ihr Selbstbewusstsein mitgegeben. Sie steht vollkommen zu sich selbst. Das fasziniert mich bis heute. Natürlich bin ich noch nicht dort, wo ich einmal sein möchte. Aber sie gibt mir unglaublich viel Kraft. Und ich habe auch sonst in meinem Umfeld viele starke Frauen, die mich verstehen und stärken. Das ist in diesem nicht immer einfachen Beruf sehr wichtig. Seit ich die Buhlschaft angenommen habe, ist mir noch bewusster geworden, welche Menschen in meinem Leben wirklich wichtig sind. Natürlich haben sich viele Bekannte für mich gefreut. Die Menschen, die mir wirklich nahestehen, sind dadurch noch wertvoller geworden.
Sie sagen, dieser Beruf sei manchmal schwer. Was genau macht ihn schwierig?
Duran: Ich finde es schwierig, dass so viel von einem verlangt wird und man gleichzeitig oft so wenig zurückbekommt. Dieses Gefühl wird für mich stärker, je älter ich werde. Ganz allgemein finde ich es auch immer schwieriger, Menschen zu finden – unabhängig von der Branche –, die sich wirklich aufeinander einlassen. Wenn ich Philipp (Hochmair, Anm.) beobachte, denke ich mir oft: So eine Freiheit wie er muss man erst einmal haben. Im Französischen gibt es das Wort "grisant". Es beschreibt etwas Schwebendes, fast wie einen Zustand leichter Trunkenheit. Bei ihm wirkt das unglaublich lebendig, und das macht große Freude. Man muss sich ganz fallen lassen und gleichzeitig ganz bei sich bleiben. Dieses Gleichgewicht zu finden, ist eine lohnende Herausforderung.
Es wird immer wieder darüber diskutiert, wie "outgoing" und sexy die Buhlschaft sein darf, sein sollte oder sogar sein muss. Auch darüber, wie viel Haut sie zeigt. Wie stehen Sie zu dieser Diskussion?
Duran: Wenn man diese Rolle zusagt, weiß man, welche öffentlichen Debatten damit einhergehen. Das Kleid der Buhlschaft wird in Zusammenarbeit von Regie und Kostümbildnerin entworfen. Für mich muss es spielbar sein und meine Aussage in der Rolle bestärken. Buhlschaft und Jedermann sind ein Liebespaar, sie haben eine hohe Anziehungskraft aufeinander, ich finde, das darf man als Zuseher erleben.
Gibt es für Sie Grenzen, sagen Sie auch mal Nein zu gewissen Anforderungen?
Duran: Auf jeden Fall! Ich glaube, wenn man wirklich zu sich selbst steht, dann muss man auch Nein sagen können. Und ein Nein ist nichts Negatives. Ich habe einen Freund mit einem hebräischen Tattoo, das übersetzt "Nein" heißt. Ich habe ihn gefragt, warum ausgerechnet dieses Wort. Er sagte: "Weil ein Ja oft viel einfacher ist." Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Nein zu sagen ist nicht automatisch etwas Negatives. Man sollte dieses Wort nicht immer nur als Ablehnung verstehen.
“Wenn man wirklich zu sich selbst steht, dann muss man auch Nein sagen können.”
Roxane Duran
Sie können mit 33 Jahren bereits auf eine außergewöhnliche Karriere blicken. Was würden Sie als Ihr Erfolgsgeheimnis bezeichnen?
Duran: Michael Haneke! (lacht) Im Ernst: Ohne ihn wäre ich nie Schauspielerin geworden. Er hat mir alles gegeben. Ohne ihn hätte ich diese Arbeitsweise und diesen Professionalismus nie kennengelernt. Natürlich muss das niemand genauso machen wie ich. Jeder arbeitet anders. Aber alles, was ich bei ihm gelernt habe, hat mir eine Struktur gegeben, die genau zu mir passt. Die Sorgfalt, mit der er seine Drehbücher schreibt, die Intelligenz, mit der er seine Filme entwickelt und immer wieder neu denkt – das ist einzigartig. Dazu kommt sein Humor. Er ist einfach ein außergewöhnlicher Regisseur und ein ganz besonderer Mensch für mich. Ich kann mich gar nicht oft genug bei ihm bedanken. Er hat mir "Das weiße Band" geschenkt.
Mit Ihrer Rolle der Anna war Ihr Durchbruch – eigentlich von null auf hundert...
Duran: Ja, gleichzeitig wurden wir damals sehr geschützt. Wir hatten kaum Kontakt zur Presse. Wir durften einfach die schönen Momente erleben – Premieren, Festivals und die Reisen. Dadurch hat sich alles ganz natürlich entwickelt. Ich hatte nie das Gefühl, überrollt zu werden. Alles kam zum richtigen Zeitpunkt. Auch die Buhlschaft kommt für mich genau zur richtigen Zeit. Mit 33 fühle ich mich bereit dafür. Ich habe das Gefühl, jetzt als Frau zeigen zu können, was diese Figur für mich bedeutet und wie ich sie sehe.
Haben Sie noch Kontakt zu Michael Haneke – und haben Sie ihn sofort angerufen, als Sie erfahren haben, dass Sie die Buhlschaft spielen werden?
Duran: Wir haben immer wieder Kontakt, aber ich wollte ihn damit gar nicht belästigen. Er war jedoch einer der Ersten, die mir geschrieben haben. Offenbar wusste er es schon. (grinst)
Gerade in der Schauspielerei entstehen bei der Arbeit sehr intensive Beziehungen. Wie schafft man es, dabei nicht zu sehr hineinzurutschen? Man entwickelt ja oft große Nähe zu einem Menschen, arbeitet sehr intensiv zusammen – und plötzlich ist das Projekt vorbei. Das fühlt sich wahrscheinlich manchmal fast wie Liebeskummer an.
Duran: Das habe ich früher tatsächlich oft erlebt. Heute sehe ich das etwas anders. Eigentlich beginnt das Kennenlernen erst nach der gemeinsamen Arbeit. Während eines Projekts bewegen wir uns ständig in einer Welt, die durch die Figuren entsteht – durch Hugo von Hofmannsthal, durch die Buhlschaft und den Jedermann. Das ist nicht die Realität. Ob wir uns danach wiedersehen, ob wir telefonieren oder uns besuchen, wenn wir im selben Land sind – das weiß ich nie. Aber es können wunderschöne Freundschaften entstehen. Gleichzeitig merke ich, dass ich manchmal eine gewisse Distanz brauche. Je intensiver eine Beziehung zwischen zwei Figuren ist, desto weniger suche ich oft den privaten Kontakt außerhalb der Bühne. Vielleicht ist das sogar gut so. Man muss einen Menschen nicht vollständig kennen, um gemeinsam etwas Besonderes entstehen zu lassen.
Ein schöner Gedanke auch abseits der Bühne...
Duran: Ja. Man kann einen Menschen einmal treffen und sofort das Gefühl haben: "C‘est l‘homme de ma vie". Und das war‘s dann auch. Vielleicht wirkt es in unserem Beruf oft so, als würden Beziehungen besonders schnell entstehen, weil wir Emotionen so glaubhaft vermitteln. Das gehört einfach zu unserer Arbeit. Und in dem Moment, in dem wir auf der Bühne stehen, ist das alles auch vollkommen echt. Dieser Rausch existiert tatsächlich. Aber danach beginnt wieder die Realität.
Sie sagen, dass Sie Beruf und Privatleben stark trennen. Bedeutet das auch, dass man über Ihr Privatleben möglichst wenig erfahren wird?
Duran: Ja. Die Menschen, die mir am nächsten stehen, bedeuten mir unglaublich viel. Ihnen kann ich alles erzählen und ich vertraue ihnen vollkommen. Wenn dieses Vertrauen einmal gebrochen wird, gibt es für mich allerdings keinen Weg zurück.
Wie wichtig ist Ihnen Applaus?
Duran: Schwierige Frage...
Brauchen Sie Anerkennung?
Duran: Anerkennung ist für mich gar nicht das Entscheidende. Mich bewegt etwas anderes: wenn ein Regisseur glücklich ist. Wenn meine Spielpartner und ich gemeinsam diese Freude am Spielen erleben. Wenn zwischen uns etwas entsteht. Natürlich ist Applaus schön. Das möchte ich gar nicht leugnen. Aber ich brauche ihn nicht, um beurteilen zu können, ob ein Projekt für mich wertvoll war. Es gibt Arbeiten, die mich tief berührt haben und die beim Publikum vielleicht weniger Aufmerksamkeit bekommen haben. Das schmälert ihren Wert überhaupt nicht. Und es gibt Projekte, bei denen ich während der Dreharbeiten dachte: Das wird wahrscheinlich niemanden interessieren. Und später wurden sie ein großer Erfolg.
“Ich brauche (den Applaus) nicht, um beurteilen zu können, ob ein Projekt für mich wertvoll war.”
Roxane Duran
Sind Sie inzwischen wählerisch geworden, was Rollen betrifft?
Duran: Nein, überhaupt nicht. Ich habe das große Glück, dass immer wieder ganz unterschiedliche Regisseurinnen und Regisseure mit sehr ungewöhnlichen Projekten auf mich zukommen. Das finde ich spannend, weil jeder mich anders sieht. Eine so ausgesprochen feminine Figur wie die Buhlschaft habe ich zum Beispiel bisher noch nie gespielt. Gerade das macht mir große Freude. Dann denke ich: Ach, das kann also auch ein Teil von mir sein.
Kann man von gewissen Rollen auch etwas für sich selbst lernen? Duran: Ja, ständig. Gerade von der Buhlschaft habe ich zum Beispiel unglaublich viel gelernt: sich anzupassen und gleichzeitig zu rebellieren.
Wo sehen Sie sich in 20 Jahren?
Duran: (lacht) Ich weiß ja nicht einmal, wie mein Leben in sechs Monaten aussehen wird. Ich wünsche mir vor allem, dass ich immer bei mir selbst bleibe. Dass ich die einfachen Dinge im Leben weiterhin wahrnehme und wertschätze. Ich wünsche mir, außergewöhnliche Projekte und eines Tages eine eigene Produktion zu verwirklichen. Ein erfülltes Leben. Und ich wünsche mir, dass ich mir die Fähigkeit bewahre, mich überraschen zu lassen – und gleichzeitig auch andere immer wieder überraschen kann.
Im Sinne der Emanzipation könnte es ja vielleicht einmal eine "Jedefrau" geben.
Duran: Das wäre gerade heute ein sehr aktueller Stoff. Eine Frau, die zu sich selbst steht, vielleicht etwas älter ist und jüngere Männer liebt – wäre spannend.
Würden Sie dann gerne "Jedefrau" spielen?
Duran: Sehr gerne! Also: Ruft mich an – ich bin bereit. Aber zuerst machen wir mal die Buhlschaft. (lacht)
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