"Schützt das Leben"
Nach 18 Jahren: Papst Leo sorgt in Frankreich für klare Ansagen
Der französische Staatschef begrüßte das katholische Kirchenoberhaupt am Pariser Flughafen Orly. Zu seiner Ankunft läuteten die Kirchenglocken im ganzen Land. In seiner ersten Rede vor Verantwortungsträgern als Politik und Gesellschaft im Elysée-Palast rief Leo XIV. Frankreich zu einem stärkeren Schutz des Lebens und atomarer Abrüstung auf.
Der Papst erinnerte in seiner Ansprache laut Kathpress an die "tiefen" christlichen Wurzeln des Landes. Dabei warb er für eine "rechte Laizität", die Religion weder aus dem öffentlichen Raum noch aus dem Bildungswesen ausschließe. Vielmehr gehe es um einen Dialog zwischen Staat und religiösen Institutionen, die ihre Kräfte für das Wahre, Gute und Schöne bündelten.
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"Mit Besorgnis stelle ich bisweilen fest, wie Gesellschaften derzeit in die falsche Richtung abdriften und Gefahr laufen, Wissenschaft und Technik in gewinnorientierte Unternehmungen zu verwandeln, die genetische Manipulationen, Leihmutterschaft, den Handel mit Organen oder das Angebot eines geplanten Todes fördern", sagte Leo XIV. im Élysée-Palast, dem Sitz von Staatspräsident Emmanuel Macron. Erst im Juli hatte Frankreich aktive Sterbehilfe und begleiteten Suizid für schwerkranke Menschen erlaubt.
Schutz des Rechts auf Leben
"Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind nicht bloß Worte, die auf den Giebeln Ihrer öffentlichen Gebäude zu lesen sind, sondern verweisen auf allgemeine ethische Ansprüche", nahm der Papst auf den nationalen Wahlspruch Frankreichs Bezug. Leo XIV. erinnerte zudem an die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die 1948 in Paris angenommen wurde und zum Ziel gehabt habe, "ein allgemeines Bewusstsein für die unveräußerliche Würde des Menschen zu schaffen".
Leo XIV. prangerte auch die "Geißel des Krieges" an und rief stattdessen mit Worten aus seiner Sozialenzyklika Magnifica humanitas zum Aufbau einer "Zivilisation der Liebe" auf. An die Politiker Frankreichs, der einzigen Atommacht innerhalb der Europäischen Union, appellierte er für Abrüstung und ein Verbot von nuklearen Waffen. "Angesichts des Kriegsgetöns und der vielfältigen Krisen, die unsere Welt erschüttern, hat Frankreich die Berufung, ein unermüdlicher Verfechter des Friedens und des Multilateralismus zu bleiben, insbesondere innerhalb unseres teuren Europas", sagte der Papst.
Mit Blick auf den Fortschritt Künstlicher Intelligenz warnte Leo XIV. vor einem Verlust des "Menschsein" und auferlegter Einheitlichkeit. Er äußerte sich besorgt, "wie Gesellschaften derzeit in die falsche Richtung abdriften und Gefahr laufen, Wissenschaft und Technik in gewinnorientierte Unternehmungen zu verwandeln, die Gen-Manipulationen, Leihmutterschaft, Organhandel oder das Angebot eines geplanten Todes fördern". Angesichts der Sorgen vor einer Übermacht von Künstlicher Intelligenz warnte er vor einem "Paradies der Maschinen".
Eine wirklich freie Gesellschaft schütze die Vielfalt der Gewissen, beuge autoritären Auswüchsen vor und fördere einen ethischen Dialog. "Dieser Dialog ist im heutigen Frankreich umso dringlicher, als Menschen unterschiedlicher kultureller und religiöser Herkunft gefordert sind, zusammenzuleben und ihren jeweiligen Beitrag zum Aufbau der Gesellschaft zu leisten", sagte der Papst.
Macron sieht große gemeinsame Aufgaben von Staat und Kirche
Macron, der unmittelbar vor den offiziellen Ansprachen mit Papst Leo zu einer privaten Unterredung zusammengetroffen war, sprach in seiner Rede eingangs von einer "großen Ehre und Freude", den Papst in Frankreich willkommen zu heißen. Frankreich sei ein säkularer Staat, erkenne aber seine christliche Geschichte an und sehe mit der Kirche große gemeinsame Aufgaben bei Frieden, Menschenwürde, sozialer Verantwortung, Umweltschutz und der ethischen Gestaltung von KI und technologischem Fortschritt, so der Staatspräsident, der auch Papst Leos Formel eines "entwaffneten und entwaffnenden" Friedens aufgriff.
Die französische Laizität sei "keineswegs eine Leugnung der Religion", sagte Macron weiters. Die französische Republik sehe es als ihre Pflicht an, "jedem Einzelnen zu ermöglichen, nach eigenem Gewissen zu glauben oder nicht zu glauben, sowohl im Privaten als auch in der Öffentlichkeit, unter der Voraussetzung, dass die Gesetze geachtet werden". Ausdrücklich beklagte Macron Gewalt gegen Religionen als "unerträgliche Demonstration von Intoleranz". Frankreich arbeite entschlossen daran, Kultstätten und Menschen zu schützen, zur Toleranz zu erziehen und den interreligiösen Dialog zu fördern.
Gottesdienst mit 80.000 Teilnehmenden
Nach dem Élysée-Palast besuchte der Papst die UN-Kulturorganisation UNESCO, die ihren Sitz in Paris hat. Dort mahnte er zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Medien. "Ohne Wahrheit unterliegt tatsächlich die Sprache der Logik der Gewalt und der Willkür der Mächtigen", sagte er. "Anstatt das Gesetz zu achten, berufen sich die Machthaber darauf, wenn es ihren Interessen dient, und missachten es, wenn es sie einschränkt."
Am Abend ist ein Vespergottesdienst in Frankreichs Nationalstadion im Vorort Saint-Denis mit etwa 80.000 Teilnehmenden geplant. Am Samstag werden zu einer Messe auf der Place de la Concorde unterhalb der Champs-Élysées mehrere Hunderttausend Menschen erwartet.
Für Papst Leo ist es die erste Frankreich-Reise seit seiner Wahl im vergangenen Jahr. Weitere Stationen sind der Wallfahrtsort Lourdes im Südwesten sowie die Stadt Metz unweit der deutsch-französischen Grenze. Dort will der Pontifex aus den USA eine Europa-Rede halten.
Treffen mit kleinem Kreis von Missbrauchsopfern geplant
Das Verhältnis zwischen dem Vatikan und Frankreich ist nicht frei von Spannungen. Kritik der katholischen Kirche gab es zuletzt unter anderem daran, dass die Freiheit zur Abtreibung in der französischen Verfassung verankert wurde und an einem Gesetz zur aktiven Sterbehilfe. Die Kirche wiederum steht - wie in zahlreichen anderen Ländern - wegen ihres Umgangs mit Missbrauchsopfern in der Kritik. Am Wochenende will sich der Papst in Lourdes mit einem kleinen Kreis von Opfern treffen.
In Frankreich gilt - bis auf einige Regionen im Osten des Landes - seit mehr als einem Jahrhundert eine strikte Trennung von Kirche und Staat. Beispielsweise muss dort keine Kirchensteuer gezahlt werden. Präsident Macron will den Messen des Papstes auch fernbleiben. Zwar sind die Katholiken weiterhin die größte religiöse Gruppe in Frankreich, inzwischen bekennen sich aber viele Menschen im Land nicht mehr zu einer Religion.
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