Phänomen im Check

Warum niesen Männer lauter als Frauen? Es gibt tatsächlich mehrere Gründe!

© Getty Images/Science Photo Library RF
Fast jeder kennt das Phänomen des donnernden Vaters, der mit einem einzigen Nieser das ganze Haus erzittern lässt. Obwohl wissenschaftliche Studien zum direkten Lautstärken-Vergleich der Geschlechter fehlen, gibt es faszinierende anatomische und psychologische Erklärungen für dieses alltägliche Spektakel.
OE24 auf Google bevorzugen

Das Klischee vom ohrenbetäubenden "Dad Sneeze" ist längst zu einem Hit in den sozialen Netzwerken geworden. Auf Plattformen wie TikTok teilen Tausende User humorvolle Videos, in denen die gesamte Familie vor Schreck zusammenzuckt oder fluchtartig das Zimmer verlässt, sobald der Vater Luft holt. Eine Nutzerin scherzte unter einem dieser Clips, dass die extremen Nieser ihres Vaters sie durch die ständigen Schrecksekunden bereits "Jahre ihres Lebens" gekostet hätten. Eine andere Userin ist sich sicher, dass der klassische "Papa-Nieser" mit zunehmendem Alter sogar noch an Intensität und Lautstärke gewinnt.

Auch wenn vergleichende Messungen der Dezibel-Werte von Männern und Frauen in der Wissenschaft noch ausstehen, liefern medizinische Untersuchungen wichtige Puzzleteile. Eine umfassende Übersichtsarbeit zu den menschlichen Atemwegen zeigt deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede auf. Die zentralen Atemwege von Frauen sind im Durchschnitt merklich kleiner als jene von Männern. Zudem belegt eine weitere wissenschaftliche Untersuchung, dass Männer bei maximaler Ein- und Ausatmung im Schnitt einen deutlich höheren Druck aufbauen können als Frauen. Ob und in welchem Ausmaß dieser Druckunterschied die Lautstärke beim Niesen direkt beeinflusst, wurde in dieser Arbeit zwar nicht explizit erforscht, ein anatomischer Zusammenhang liegt jedoch sehr nahe.

© Getty Images

Geschwindigkeit des Luftstroms gemessen

Interessante Erkenntnisse liefert auch eine Studie aus dem Jahr 2021, welche die physikalischen Eigenschaften des Niesens genauer unter die Lupe nahm. Die Forscher maßen dabei die Geschwindigkeit des austretenden Luftstroms beim Niesvorgang. Die maximale Geschwindigkeit lag im Mittel bei beachtlichen 15,9 Metern pro Sekunde. Während die Unterschiede zwischen den Geschlechtern insgesamt eher gering ausfielen, konnten bei den männlichen Probanden dennoch etwas höhere Werte gemessen werden. Auch wenn eine höhere Luftgeschwindigkeit nicht automatisch eine extreme Lautstärke bedeutet, verdeutlicht sie die enormen Kräfte, die im männlichen Brustkorb freigesetzt werden können.

Um zu verstehen, wie die enorme Lautstärke entsteht, muss man sich die Biologie hinter dem Niesreiz ansehen. Niesen ist im Grunde ein hochpräziser und lebenswichtiger Schutzreflex des Körpers. Sobald Pollen, Staub, Rauch oder andere störende Fremdkörper die empfindliche Nasenschleimhaut reizen, senden die dortigen Nerven sofort ein Alarmsignal an das Gehirn. Daraufhin wird blitzschnell eine hochgradig koordinierte Kettenreaktion in Gang gesetzt:

  • Der Körper holt tief und reflexartig Luft.
  • Die Stimmritze schließt sich für einen kurzen Moment.
  • Im Brustkorb und in den Atemwegen wird massiver Druck aufgebaut.
  • Die angestaute Luft wird schlagartig durch Nase und Mund ausgestoßen.

Auf diese Weise versucht das System, die reizenden Partikel so schnell wie möglich aus den Atemwegen zu fegen.

Resonanzräume und das erlernte Verhalten

Neben der reinen Anatomie spielt auch die individuelle Akustik unseres Körpers eine entscheidende Rolle. Dr. Mas Takashima, Leiter der HNO-Abteilung am Houston Methodist Hospital, erklärte dazu in einem Interview, dass die spezifische Größe sowie die individuelle Form von Nase, Mund und Rachen den Klang und die Resonanz des Niesers maßgeblich verändern. Größere Atemwege und Hohlräume erzeugen naturgemäß mehr Resonanz und damit einen lauteren Ton. Zudem beeinflusst das persönliche Verhalten die Lautstärke: Wie weit öffnet man den Mund? Wie stark wird das Geräusch vokalisiert oder bewusst abgedämpft?

Laut Dr. Jay F. Piccirillo, Professor für HNO-Heilkunde an der Washington University School of Medicine, ist lautes Niesen zu einem großen Teil auch ein erlerntes Verhalten. Viele Menschen sind durchaus in der Lage, die Lautstärke bewusst zu regulieren. In manchen Kulturkreisen gilt das laute Herausposaunen sogar als gesellschaftlich akzeptiert, während andere es unterdrücken. Takashima bezeichnet besonders donnerndes Niesen ebenfalls als erlerntes Verhalten und verweist auf kulturelle Normen, die vorschreiben, wie wir uns in der Öffentlichkeit verhalten.

Fazit zum donnernden Alltagsgeräusch

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der "Papa-Nieser" zwar keine wissenschaftlich bewiesene biologische Notwendigkeit ist, aber durch ein Zusammenspiel aus größerem Lungenvolumen, breiteren Atemwegen und sozialer Prägung begünstigt wird. Wer also das nächste Mal im Wohnzimmer erschrickt, darf dem Niesenden zumindest zugutehalten, dass sein biologischer Schutzreflex einwandfrei funktioniert. Am Ende zeigt sich: Ob Mann oder Frau, das wichtigste ist, den Reizstoff effektiv loszuwerden – auch wenn es den Mitmenschen ab und zu einen gehörigen Schrecken einjagt.

Fehler im Artikel gefunden?Jetzt melden