Es fühlt sich an, als würden wir mitten in eine Schicht auf der Schlaganfallstation eines dänischen Krankenhauses geworfen werden. Die Neurologin Alexandra (Özlem Saglanmak) tritt ihren Dienst an. Ein Arzt fällt krank aus, eine junge Kollegin ist mit der Situation überlastet. Es ist hektisch, Alexandra hastet von einem Notfall zum nächsten. Als sie den 18-jährigen Oliver untersucht, wirkt er auf sie unauffällig, die Zweifel ihrer Kollegin überhört sie und entlässt den Jugendlichen. Kurz darauf bricht er, noch in der Station, zusammen. Die Sorge um ihren Patienten und der Gedanke, einen folgenschweren Fehler begangen zu haben, belasten Alexandra. Gleichzeitig suchen seine Eltern nach Antworten.
Traurige Realität
Zwar erzählt Zinnini Elkington (37) in ihrem ersten Spielfilm "Nachbeben" eine fiktive Geschichte, sie versuchte dabei aber, so nah wie möglich an der Realität eines Krankenhauses zu bleiben. Elkington zeigt den enormen Druck, der auf dem Personal lastet, und macht uns bewusst, dass auch Ärzt:innen nur Menschen sind. Im MADONNA spricht sie über den Film und Empathie.
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Wie ist die Idee zu Ihrem Film "Nachbeben" entstanden?
Zinnini Elkington: Die Idee entstand, als meine jüngere Schwester ihr Medizinstudium abgeschlossen hat und anfing, in einem dänischen Krankenhaus zu arbeiten. Ich war sehr berührt, aber auch schockiert darüber, vor welch großen Dilemmata sie vom ersten Moment an täglich stand. Ich wusste, dass ich einen Film über eine Ärztin machen wollte, war mir über die genaue Geschichte aber noch nicht im Klaren und wollte tief in das Arbeitsumfeld eintauchen. Dann stieß ich auf den psychologischen Fachbegriff "Second Victims".
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Ich glaube, diesen Begriff kennen viele nicht. Können Sie ihn erklären?
Elkington: Er beschreibt die psychologischen Auswirkungen, die Tragödien auf das Personal haben. Wenn es zu einer medizinischen Fehlentscheidung oder einer Tragödie kommt, ist das erste Opfer der Patient. Die Menschen, die ihn behandelt haben, können ebenfalls betroffen sein. Dieses Phänomen beruht auf menschlicher Empathie. Ich fand diesen Begriff so interessant, weil er die Vorstellung infrage stellt, dass Ärzte, die versagen, schlechte Menschen oder zynisch sein müssen oder bestraft werden müssen. Ich habe erkannt, dass sie oft schon auf einer existenziellen Ebene bestraft werden, was viel schlimmer ist.
“Ich wollte jeden Charakter in meiner Geschichte verstehen und niemanden als Held:in, Bösewicht oder nur als Opfer darstellen.”
Zinnini Elkington
Wie haben Sie Ihre Figuren entwickelt?
Elkington: Dieser Film basiert auf jahrelanger Recherche gemeinsam mit meiner Schwester. Ich habe mit Ärzt:innen, Patient:innen und Angehörigen gesprochen und war als Beobachterin in einer Schlaganfallstation. Ich habe erlebt, dass alle ihr Bestes geben und sehr engagiert sind. Ich wollte jeden Charakter in meiner Geschichte verstehen und niemanden als Held:in, Bösewicht oder nur als Opfer darstellen. Jede:r hat diese komplexe Verbindung zwischen den Positionen: Sie sind gleichzeitig Held:in, Opfer und Bösewicht. Denn so ist es, ein Mensch zu sein.
Wir machen alle Fehler. Von Ärzt:innen erwarten wir, dass sie nie welche machen.
Elkington: Dieses Paradoxon ist ein großes Thema des Films. Mir wäre es auch lieber, das Gefühl zu haben, dass Ärzt:innen perfekte Menschen sind, die niemals Fehler machen. Özlem Saglanmak und ich haben viel darüber gesprochen, dass wir Ärzt:innen auf ein Podest stellen. Fast wie Übermenschen. Das beruhigt uns, wenn wir in ein Krankenhaus gehen. Wir wollen glauben, dass jemand mehr weiß als wir, alles reparieren und den Tod besiegen kann. Es ist eine schöne Illusion. Aber es ist eine Illusion. Sie wirkt in beide Richtungen. Damit Ärzt:innen ständig Entscheidungen über Leben und Tod treffen können, brauchen sie eine Rüstung. Eine Persona, hinter der sie sich verstecken können. Wäre man sich ständig bewusst, dass man nur ein Mensch ist und Fehler machen kann, wie könnte man je eine Entscheidung treffen?
Der Film fühlt sich fast an wie eine Dokumentation. Wie haben Sie das erreicht?
Elkington: Meistens gibt es eine "herrschende Perspektive". Man entscheidet oft danach, was in der Kamera am besten aussieht, oder folgt der Bewegung der Schauspieler:innen. Ich habe die Realität zum obersten Prinzip gemacht. Wir ließen jeden Handgriff von echten Ärzt:innen vormachen. Die Schauspieler:innen haben das nachgeahmt. Das gilt auch für die Ausstattung: Krankenhäuser sind häufig chaotisch. Sie sind nicht immer ein schöner Ort. Mir war Authentizität extrem wichtig. Die Menschen, von denen ich erzähle, sollen sich gesehen und respektiert fühlen.
"Nachbeben" erzählt auch vom Druck und den Problemen in einem Krankenhaus. Wie wichtig war Ihnen dieser Aspekt?
Elkington: Ich habe alle Risikofaktoren gesammelt, die diesen Arbeitsplatz für die Patient:innen und das Personal unsicherer machen, und die größten Risikofaktoren in eine Schicht gepackt: Unterbesetzung, eine Perfektionismuskultur, die Ungewissheit über das Patientenaufkommen und den Umgang mit jungen Patient:innen. Dadurch passieren vermeidbare Fehler. Mir war wichtig zu zeigen, dass wir alle eine Mitverantwortung tragen. Es ist nicht nur die Schuld des Systems. Es liegt in der Verantwortung der Ärzte, sich als Menschen anzuerkennen. Es liegt in unserer Verantwortung als Patient:innen und Angehörige, zu akzeptieren, dass wir Leben und Tod nicht kontrollieren können. Und es liegt in der Verantwortung der Politiker:innen, Arbeitsplätze so zu gestalten, dass sie keine Fabriken sind, sondern Orte für echte Menschen, an denen es Raum für Menschlichkeit gibt.
“Es liegt in unserer Verantwortung als Patient:innen und Angehörige, zu akzeptieren, dass wir Leben und Tod nicht kontrollieren können.”
Zinnini Elkington
Meistens ergreift man bei Filmen Partei für Figuren. Ihnen ist es gelungen, dass ich das nicht getan habe
Elkington: Partei zu ergreifen ist ein Zeichen von Stress in uns selbst. Für mich ist das nicht nur ein Film über das Gesundheitssystem, sondern über unsere Gesellschaft. Wir sind alle gestresst. Wenn wir gestresst sind, ist eines der ersten Dinge, die unser Gehirn abschaltet, die Empathie. Das hat große Konsequenzen. Wenn das alle gleichzeitig tun, enden wir in einer zynischen Gesellschaft, in der wir uns nicht sicher, uns nicht gesehen und nicht verstanden fühlen. In dieser Dynamik verlieren wir die Verbindung zueinander.
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