Anstatt auf der Karriereleiter hochzuklettern, ganz einfach mal gegen den Strom schwimmen – und abtauchen! Den Traum vieler lebt die Österreicherin Christina Gindl (35) seit rund zehn Jahren. Was für die studierte Marketingmanagerin mit einem Auslandsjob auf Mauritius begann, führte sie über Indonesien bis nach Portugal – und schließlich in die Welt des Big-Wave-Surfens.
Heute zählt die Aussteigerin zu den wenigen Frauen, die sich den gigantischen Wellen von Nazaré stellen. Ihre zweite Leidenschaft: Freediving, wobei Gindl bis zu drei Minuten lang ohne Atemgerät unter Wasser ist. Was all das mit Female Empowerment zu tun hat und was man zwischen wilden Wellenritten und der Stille im tiefen Wasser über sich und das Leben lernen kann, erzählt die "Wasserfrau", wie sich Gindl selbst gerne bezeichnet, im MADONNA-Gespräch.
“Dieses Gefühl hat mich nicht mehr losgelassen.”
Christina Gindl
Sie haben einen Weg gewählt, von dem viele träumen. Wann kam der Moment, in dem Sie beschlossen haben, auszusteigen und Ihr heutiges Leben zu führen?
Christina Gindl: Ich habe Advertising und Branding studiert und liebe diesen Bereich eigentlich bis heute. Nach dem Studium wollte ich aber noch nicht sofort in die klassische Karriere starten. Mir war immer klar, dass ich international arbeiten möchte. Also habe ich beschlossen, noch einmal etwas völlig anderes zu machen. Damals bekam ich einen Job bei einer NGO auf Mauritius, die sich mit Waste-Management-Projekten und sozialen Initiativen beschäftigte. Dort war ich als Head of Communication tätig. Gleichzeitig begann ich intensiv mit dem Kitesurfen. Wasser hat mich immer angezogen – ich bin praktisch zwischen Wien und Velden am Wörthersee aufgewachsen und war schon als Kind ständig am Wasser. In Mauritius wurde der Wassersport zu einem immer größeren Teil meines Lebens.
Irgendwann meinte eine Freundin zu mir: "Du musst surfen lernen." Also tat ich es – und von diesem Moment an war alles anders. Als ich zum ersten Mal richtig Wellen ritt, wusste ich sofort: Das ist es. Dieses Gefühl hat mich nicht mehr losgelassen. Das Problem war nur: Surfen funktioniert in Österreich nicht wirklich. Ich unterrichtete zwar Kitesurfen und verbrachte viel Zeit in Podersdorf, aber das eigentliche Wellenreiten fehlte mir. Die Verbindung zu diesem Sport wurde so stark, dass ich begann, mein ganzes Leben danach auszurichten.
Ich fragte mich: In welches Land muss ich ziehen, um das dauerhaft machen zu können? Also arbeitete ich remote weiter als Texterin und zog schließlich nach Indonesien. Das war eigentlich der endgültige Abschied von meinem bisherigen Leben – von Österreich, vom Agenturalltag und von der Vorstellung einer klassischen Karriere. Irgendwann zog ich weiter nach Portugal, wo sich das Surfen Schritt für Schritt zu meiner Karriere entwickelte. Es gab keinen großen Masterplan und keine ausgeklügelte Strategie. Vieles entstand ganz natürlich.
“"Wenn man alleine reist, spürt man die unterschiedlichen Rollenbilder sehr deutlich."”
Christina Gindl
Sie sind als Frau allein um die Welt gezogen und haben einen sehr ungewöhnlichen Weg eingeschlagen. War das schwieriger als für Männer?
Gindl: Ja, definitiv. Das kann man nicht beschönigen. Natürlich gab es viele wunderschöne Erfahrungen, aber auch Situationen, die nicht einfach waren. Wer einen ungewöhnlichen Weg geht, stößt zwangsläufig auf Hindernisse. Das gilt für Männer genauso wie für Frauen, aber ich glaube schon, dass es für Frauen in manchen Bereichen etwas schwieriger ist. Wenn man alleine reist, in unterschiedlichen Kulturen lebt und ständig neue Situationen meistern muss, spürt man die unterschiedlichen Rollenbilder sehr deutlich.
Dazu kommt, dass ich oft in männerdominierten Bereichen unterwegs war – besonders im Surfsport. Trotzdem hat die Unterstützung stets überwogen. Es gab auch viele Männer, die mich unterstützt und gefördert haben. Ich beschäftige mich intensiv mit Female Empowerment, coache mittlerweile junge Frauen und arbeite viel mit Mädchen.
Kann man aus dem Sport, den Sie betreiben, auch etwas für ein "normales" Leben lernen?
Gindl: Absolut. Darüber könnte ich ein ganzes Buch schreiben. Eine der wichtigsten Lektionen ist Selbstvertrauen. Du musst lernen zu sagen: Ich gehöre hierher. Ich darf hier sein. Ich habe die Fähigkeiten, hier zu sein. Gerade in kritischen Situationen rast dein Herz vielleicht trotzdem, du bist nervös und voller Respekt. Aber du weißt, dass du es kannst. Diese Haltung begleitet mich längst nicht mehr nur im Wasser. Ich habe sie in berufliche Situationen, schwierige Gespräche und große Entscheidungen mitgenommen. Surfen hat mir geholfen, mit beiden Beinen fest im Leben zu stehen und meinen Platz einzunehmen.
“Freediving war ein absoluter Gamechanger”
Christina Gindl
Inzwischen haben Sie das Big-Wave-Surfen, die Königsdisziplin, für sich entdeckt. Was fasziniert Sie daran?
Gindl: Big-Wave-Surfen ist noch einmal eine völlig andere Welt. Man braucht dafür die richtigen Stürme, die richtigen Bedingungen und vor allem Geduld. Große Swells kommen nicht ständig. Mich haben große, kraftvolle Wellen immer angezogen. Während viele vom technischen Surfen fasziniert sind, hatte ich schon früh den Wunsch, mich mit den raueren Bedingungen auseinanderzusetzen. Beim Big-Wave-Surfen sind die Wassermassen größer, stärker und deutlich gefährlicher. Deshalb muss man sich ganz anders vorbereiten – körperlich und mental.
Ein wichtiger Teil davon wurde für mich das Freediving. Ich begann, meinen Atem zu trainieren und mich bewusst Situationen auszusetzen, die unangenehm sind. Die Idee dahinter ist simpel: Trainiere das Schwierige tausendmal in einem sicheren Umfeld, damit du vorbereitet bist, wenn es ernst wird. Auch das hat mir nicht nur im Sport geholfen. Die Lektion gilt genauso für den Beruf, für Präsentationen oder schwierige Lebenssituationen. Man investiert die Arbeit vorher – und profitiert später davon.
Wie wichtig wurde Freediving für Sie?
Gindl: Sehr wichtig. Vor zwei Jahren hatte ich eine schwere Knieverletzung und konnte fast ein Jahr lang nicht surfen. In dieser Zeit war Freediving ein absoluter Gamechanger für meine mentale Gesundheit. Es hat mir geholfen, weiterhin im Wasser zu sein und einen sportlichen Fokus zu behalten. Heute liegt mein Schwerpunkt wieder klar auf dem Surfen, aber Freediving bleibt ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Es hilft mir beim Atmen, bei der Vorbereitung und beim Umgang mit Stress.
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“Es gibt verschiedene Wege, Geld zu verdienen.”
Christina Gindl
Sie surfen auch in Nazaré. Was bedeutet dieser Ort für Sie?
Gindl: Nazaré ist noch einmal eine eigene Welt. Dort geht es nicht nur um die Wellen, sondern auch um Teamarbeit. Man arbeitet mit Jetski-Fahrern, Spottern auf den Klippen und Safety-Teams. Diesen Winter habe ich dort meine erste richtige Saison absolviert. Dabei wurde mir klar, dass ich langfristig einen eigenen Jetski brauche, wenn ich mich in dem Bereich weiterentwickeln will. Eine große Investition, aber auch ein wichtiger Schritt.
Stichwort Investition. Viele fragen sich wahrscheinlich: Wie verdient man mit diesem Leben Geld?
Gindl: Da gibt es verschiedene Wege. Ich habe das große Glück, mit zwei starken Sponsoren zusammenzuarbeiten, die mich seit Jahren begleiten. Dazu kommen Kooperationen mit Marken, Content-Projekte sowie Foto- und Videoproduktionen. Mir ist wichtig, dass diese Partnerschaften authentisch sind. Ich habe auch schon Angebote abgelehnt, wenn sie nicht zu meinem Lebensstil oder meinen Werten gepasst haben. Natürlich wäre es ein Traum, irgendwann ausschließlich Athletin sein zu können. Gleichzeitig macht mir die kreative Arbeit Spaß. Ich komme schließlich aus dem Branding- und Kommunikationsbereich.
Sie haben auch gerade ein großes Filmprojekt abgeschlossen. Worum geht es darin?
Gindl: Der Film heißt "She in Storms". Er erzählt von meiner Verletzung, von mentaler Gesundheit, von Frauen im Extremsport und davon, wie die Realität hinter den spektakulären Bildern tatsächlich aussieht. Der Film zeigt deshalb bewusst nicht nur die starken Momente, sondern auch die schwierigen. Denn wir sind nicht immer stark. Wir haben nicht immer alles im Griff. Genau darüber wird viel zu wenig gesprochen.
Kinder & Extremsport - geht das?
Wie sieht es mit dem Thema Familie aus? Sind Kinder mit einer Extremsportkarriere vereinbar?
Gindl: Für mich ist Familie definitiv ein Thema. Ich glaube nicht, dass man sich grundsätzlich zwischen Sport und Familie entscheiden muss. Natürlich stellt man sich Fragen. Gerade wenn man mitten in einer spannenden Karrierephase steckt und sich ständig neue Türen öffnen. Aber ich sehe viele Athletinnen, die beides schaffen. Das inspiriert mich. Am Ende geht es darum, auf die eigene Intuition zu hören und den eigenen Weg zu finden.
Sie haben vorhin gesagt, dass Sie manche Sponsoren ablehnen, weil sie nicht dazu passen, wer Sie sind. Wer sind Sie?
Gindl: Früher habe ich zu vielem Ja gesagt. Heute weiß ich genauer, wofür ich stehen möchte. Natürlich ist es manchmal schwierig, Nein zu sagen. Aber ich habe gelernt, dass sich dadurch oft andere Türen öffnen. Manchmal muss man eben eine Welle vorbeiziehen lassen, um die richtige zu erwischen.
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