Ex-ORF-Mitarbeiterinnen, Vertreter von Presseclub Concordia, Reporter ohne Grenzen und der Verein aufstehn haben am Donnerstag am Ballhausplatz in Wien vor dem Bundeskanzleramt eine ORF-Wahl frei von parteipolitischen Interessen gefordert.
Vor den anwesenden rund 100 bis 200 Kundgebungsteilnehmern forderten sie u.a. eine ORF-Gremienreform, um mehr Unabhängigkeit zu ermöglichen, und erinnerten an die wichtige Funktion des ORF für die Demokratie.
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"Der ORF gehört uns", "Raus mit der Politik aus dem ORF", "Lebenslauf statt Parteibuch" und "Mei ORF is ned deppert" war auf Schildern zu lesen. In einen "Kummerkasten" konnte man Wünsche einwerfen, die der Verein aufstehn den ORF-Stiftungsräten noch vor der Wahl am 11. Juni überreichen will.
Schmidtkunz gegen "Verwüstung des ORF"
Die Ex-ORF-Journalistin Renata Schmidtkunz war eine der Rednerinnen. Sie sprach sich entschieden gegen eine "Verwüstung des ORF" durch diverse Personen, die Interessen von Politik oder Wirtschaft verfolgen würden, aus. "Wir werden es nicht zulassen, dass der ORF weiter beschädigt wird, indem man ihn nicht in die besten, sondern die interventionswilligsten Hände legt", sagte sie. Der ORF sei "sicherlich keine Goldschatulle, aus der man sich nach Lust und Laune bedienen" dürfe. "Und der ORF ist sicherlich kein Spielzeug der Politik", so Schmidtkunz. Um das zu wissen, müsse man lediglich das ORF-Gesetz lesen, empfahl sie manchen Politikern, die Lesebrille aufzusetzen.
Die ehemalige ORF-Journalistin Brigitte Handlos meinte, dass schon viele ORF-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter einen "mächtigen Zorn" auf Teile der Geschäftsführung und das oberste ORF-Gremium hätten. Denn 99,9 Prozent der Kollegen würden tagtäglich für eine umfassende, objektive Berichterstattung kämpfen. "Der ORF gehört nicht dem Stiftungsrat und nicht der Politik", stellte auch sie klar.
Kraus: Missstände anpacken
Daniela Kraus, Generalsekretärin des Presseclub Concordia, sagte, dass alle Missstände auf dem Tisch liegen würden. Jetzt müsse man diese anpacken und einen der vielen guten Vorschläge für eine ORF-Gremienreform umsetzen. Die Zusammensetzung des Stiftungsrats dürfe nicht widerspiegeln, welche Freunde man habe, welchen Bünden man angehöre oder welche Eigeninteressen man hege. Im Vordergrund müsse das Interesse an einem starken, stabilen ORF stehen.
Reporter ohne Grenzen-Vorstandsmitglied Michael Kerbler befürchtete, dass man einen langen Atem brauchen werde, um für einen unabhängigen ORF einzustehen. Es sei aber unerlässlich, weil das öffentlich-rechtliche Medienhaus für die Demokratie so wichtig sei.
17.000 unterzeichneten Petition
Der Verein aufstehn, der die Kundgebung organisierte, hat auch eine Petition namens "Der ORF gehört uns: Für eine unabhängige ORF-Spitze!" mit bis dato rund 17.000 Unterzeichnern initiiert. Darin werden u.a. "qualifizierte und unabhängige Kandidatinnen und Kandidaten, statt Partei-Freunde" sowie öffentliche Hearings mit Platz für Fragen, statt einer Wahl hinter verschlossenen Türen gefordert.
Mittlerweile sind zwei öffentliche Hearings im Vorfeld der ORF-Wahl geplant. Das NEOSLab organisiert ein solches am 2. Juni im Funkhaus. Zudem ist für 8. Juni ein Hearing angesetzt, das auch vom ORF übertragen werden dürfte.