Oscar-reif

Mascha Schilinski über ihren neuen Film & die Oscars

Mit „In die Sonne schauen“ hat Mascha Schilinski in Cannes den Jurypreis geholt. Das Interview über ihren neuen Film, Dinge, die man nicht sieht, und den Gedanken an eine Oscar-Nominierung. 

Über die Arbeit an „In die Sonne schauen“ und mit Regisseurin Mascha Schilinski (41) sagte die österreichische  Schauspielerin Susanne Wuest (46) in MADONNA:  „Ich bin stolz, dass ich bei dem Start einer wahrscheinlich außergewöhnlichen Karriere dabei sein darf.“ Sie sollte Recht behalten. Kurz darauf wurde der Film bei den Filmfestspielen in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet. Jetzt ist das Werk als deutscher Oscar-Beitrag im Rennen um eine Nominierung. „Ja, es ist verrückt“, gibt Schilinski im Interview, dass das alles aufregend ist.

Jetzt im Kino: "In die Sonne schauen"

Gefühle auf der Leinwand

Mit „In die Sonne schauen“ (jetzt im Kino) haben Mascha Schilinski und Louise Peter, die das Drehbuch gemeinsam geschrieben haben, sich auf die Suche nach dem gemacht, was man nicht sehen kann und erzählen von vier Frauen, die zu verschiedenen Zeiten auf einem Vierkanthof in der Altmark leben und deren Leben auf unheimliche Weise miteinander verbunden ist.

Wie ist die Idee zu dem Film entstanden?
Mascha Schilinski:
Meine Co-Autorin Luise Peter und ich haben uns mit vielen feinstofflichen Fragen auseinandergesetzt und wollten einen Film über unsichtbare Dinge machen. Dinge, die aus dem Benennbaren dieser Welt herauskippen. Darüber, was sich über Generationen hinweg in unsere Körper schreibt und uns vielleicht bestimmt. Als wir während Corona für einen Sommer in die Altmark geflüchtet sind und auf diesem Hof gearbeitet haben, haben wir viel prokrastiniert und Wein getrunken. Dann haben wir uns gefragt, wo wir eigentlich sind. Teile dieses Hauses standen 50 Jahre lang leer. Man konnte alles noch so finden, wie es zurückgelassen wurde und kam nicht umhin, sich zu fragen, was hier passiert ist.

Was hat das mit Ihnen gemacht?
Schilinski:
Dieses Gefühl und dieses Wandeln durch die Zeiten, durch diese Räume war so intensiv, dass wir dachten, vielleicht haben wir ein Gefäß für diese feinstofflichen Fragen gefunden. Dann gab es noch einen konkreten Auslöser. In diesem Haus gab es eine Fotografie, auf der drei Mägde zu sehen sind, ungefähr aus 1920. Diese Frauen haben direkt in die Kamera geschaut und uns damit angeblickt.

Konnten Sie etwas über die Geschichte dieser Frauen herausfinden?
Schilinski:
Wir konnten nicht herausfinden, wer sie waren. Die Geschichten der Mägde sind verschollen, weil sie oft nicht schreiben konnten und ihre Geschichten auch oft schambehaftet sind. Sie würden sie selbst nicht teilen. Das hat uns dazu geführt, den Film aus dieser weiblichen Sicht zu schreiben. Wir hatten am Anfang auch viele männliche Figuren, weil wir uns vor allen Dingen mit dem Erinnern auseinandersetzen wollten und damit, wie Vorstellungskraft und Erinnerung ineinanderwirken. Durch die Recherche entstand das Gefühl, dass wir diese Frauengeschichten, die sonst nur eine Randnotiz sind, ins Zentrum der Geschichte stellen müssen.

Woher kam das Interesse an Dingen, die man nicht sehen kann?
Schilinski:
Wir haben mehrere Themen verfolgt. Zum einen interessieren wir uns dafür, wie Scham entsteht. Wir sind bei den Griechen auf einen tollen Satz gestoßen: Scham entsteht, wo Euphorie gebrochen wird. In dem Moment, in dem man euphorisch ist, also pur man selbst, und darin zensiert oder reglementiert wird, zerbricht etwas und es entsteht Scham. Wir wollten auch herausfinden, wie Erinnerungen und Verdrängung funktionieren. Die Bilder, die man in dem Film sieht, sind wichtig. Aber die Bilder, die man nicht sieht, sind noch wichtiger. Dann gab es dieses Bedürfnis, einen Film zu machen, in dem alle Menschen, die hier gelebt haben, sich gemeinsam an etwas erinnern. Wir können nie sicher sein, ob das, was wir sehen, wirklich passiert ist. Aber das Gefühl, das in jeder Szene steckt, ist real.

Der Film zeigt das Leben der Frauen in drei Epochen. Was hat sich über die Jahre nicht verändert?
Schilinski:
Was sich nicht verändert hat, ist eine bestimmte Innerlichkeit. Vielleicht auch von diesen schambehafteten Momenten. Wir haben versucht zu zeigen, dass die Figur der Lenka, die auf einem Fest nur einen Blick abbekommt, der aber in ihr so viel anrichtet oder so viel lostritt, dass das in einer Form durch alle Zeiten hinweg geblieben ist.

Was verbindet die Frauen in Ihrem Film?
Schilinski:
Sie verbindet, obwohl sie natürlich den Zeiten unterworfen sind, in denen sie leben und diesen sehr eigenen Gesetzmäßigkeiten, dass sie versuchen, diese Konzepte zu hinterfragen, in die sie hineingeboren wurden, und sich auch daraus zu befreien. Bei vielen geht das nur mit Hilfe der Imagination. Sie haben alle diese Sehnsucht, einmal auf dieser Welt zu sein, ohne dass ihnen was vorausgegangen ist. Sich einmal selbst zu spüren, ohne dass sie etwas geprägt hat.

Sie arbeiten mit dem Blick der Kinder auf diese Geschichte.
Schilinski:
Ich liebe es, mit Kindern zu arbeiten, weil ich finde, sie haben einen fast halluzinatorischen Zugang dazu, Dinge herauszufinden oder sichtbar werden zu lassen, die eigentlich im Verborgenen stattfinden sollen. Was ich auch toll finde, ist, dass sie die Welt, in die sie hineingeschmissen sind, diese gemachte Welt, noch gar nicht durchdrungen haben und sich wie Detektive aufmachen, um zu erforschen, was alles bedeutet oder in welchem Kontext es steht. Ich finde schön, wie unverblümt sie auf die Sachen zugehen und sie imitieren. Damit entlarven sie bestimmte Absurditäten, die wir nicht mehr in Frage stellen.

Sie haben in Cannes den Jurypreis gewonnen. Was geht da in Ihnen vor?
Schilinski:
Es ist natürlich ein riesiges Geschenk. Wir sind wahnsinnig dankbar, weil das ganz schnell ein Nischenfilm hätte sein können, der durch Cannes eine wahnsinnige Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit bekommen hat. Die wünscht man sich für einen Film immer.

Mascha Schilinski in Cannes
© Getty Images

Jetzt ist „In die Sonne schauen“ auch der Deutsche Oscar-Beitrag.

Schilinski: Ja, es ist verrückt. Ich hatte das alles gar nicht auf dem Zettel. Es ist jetzt so und mein Leben hat sich dadurch tatsächlich verändert, weil ich eigentlich dachte, nach Cannes: Wahnsinn! Aber jetzt haben wir es auch geschafft. Ich dachte, ich kann mich wieder hinsetzen und schreiben. Und dann rollte das nächste los und wir reisen und zwischen allen Ländern. Es ist aufregend.

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