Wiener Rotlichtszene

Packt der Mafia-Pate Steiner jetzt aus?

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ÖSTERREICH zeigt, wie die Polizisten eiskalt zuschlugen und warum jetzt hohe Strafen drohen.

Der Schlag einer Soko des Bundeskriminalamts (nach zweijährigen verdeckten Ermittlungen) hat Wiens Gürtelmafia offenbar am Lebensnerv getroffen: Noch 48 Stunden nach dem überraschenden Zugriff der Polizei herrschen auf der sündigen Meile zwischen Westbahnhof und Währinger Straße Ratlosigkeit und Verwirrung.

Selbst Top-Anwalt Christian Werner, der gleich ein halbes Dutzend der inhaftierten Verdächtigen vertritt. kann nur die Achseln zucken: „Die Causa wird von der Staatsanwaltschaft als Verschlussakt geführt. Ich habe bisher keine Einsicht bekommen.“

Sicher ist: Sonntag klickten für Rotlicht-Capo Richard Steiner (37) am Münchner Flughafen die Handschellen, als er von seinem Zweitwohnsitz in der Dominikanischen Republik heim zu seinen Gürtelschnallen wollte. Der gebürtige Serbe (er kam als Vladimir Barisic) zur Welt war von seiner Festnahme so verblüfft, dass er erst an eine Passkontrolle glaubte.

Eine Woche alte Schussverletzung
Gleichzeitig räumte die Kripo im Zuge der „Operation Friends“ auch in ganz Österreich auf. Nach Hausdurchsuchungen in Wien, Niederösterreich und dem Burgenland wanderte Steiners Bande (für alle gilt die Unschuldsvermutung) in Zellen – vorneweg sein „Vize“ Dusan R. (Spitzname „Rocky“).

Insgesamt wurde mittlerweile über neun Verdächtige die U-Haft verhängt. Ein Komplize wurde in Spanien verhaftet; weitere befinden sich derzeit in den Justizanstalten Eisenstadt und Korneuburg.

Gürtel-Capo drohen mehr als 10 Jahre Haft
Bei den Lauschangriffen soll die Soko Hinweise auf Verstöße gegen das halbe Strafgesetzbuch gefunden haben. Die wichtigsten: Schutzgelderpressung, Mädchenhandel, Bildung einer kriminellen Organisation und sogar Verabredungen zu Mordplänen. Halten die Ermittlungen vor Gericht stand, drohen der Chef-Partie mehr als zehn Jahre Gefängnis.

Freilich zittern nicht nur die Verdächtigen. Denn falls sich Gürtel-König Steiner tatsächlich so sicher fühlte, dass er am (abgehörten) Telefon Schwerverbrechen besprochen hat, könnte das mit einem düsteren Kapitel der Wiener Exekutive zu tun haben: Steiner werden so enge Kontakte zu Teilen der Polizei nachgesagt, dass er die Schutzgeld-Organisation „Nokia-Club“ aufziehen konnte und seine Lokale durch Sperrlisten vor Razzien sicher waren.

Denkbar, dass Steiner jetzt als Kronzeuge über korrupte Cops auspackt – seine früheren Drähte führten hoch hinauf.

Ex-Gürtel-König Harald Hauke über das Ende der Mafia

ÖSTERREICH: Sie waren vor dem nunmehr verhafteten Richard Steiner der König des Nachtlebens am Wiener Gürtel…
HARALD HAUKE: … so ist es. Aber Steiner hat mich nicht verdrängt, sondern ich habe verkauft, weil mich das Geschäft nach 25 langen Jahren nicht mehr interessiert hat.
ÖSTERREICH: Im Jahr 2002 haben Sie sich zurückgezogen. Trotzdem gab es dann Spannungen mit Steiner, korrekt?
HAUKE: Ich bin drei Jahre unschuldig in Haft gesessen, weil sich Steiners Partie gemeinsam mit korrupten Polizisten gegen mich verschworen hat. Die haben Aussagen und angebliche Beweise manipuliert. Ich bin für Sachen eingesperrt worden, die ich nie begangen habe. Aber jetzt sitze ich am Fluss und die Leichen treiben vorbei. Die Polizisten standen mittlerweile teils selbst vor Gericht oder sind zumindest suspendiert. In Steiners Haut möchte ich jetzt auch nicht stecken. Und vielleicht wird ja mein Verfahren bald neu aufgerollt. Warten wir’s ab.
ÖSTERREICH: Warum hätte Sie Steiner damals hinter Gitter bringen sollen?
HAUKE: Vielleicht dachte er, man muss den alten König töten, wenn man selbst anerkannt werden will. Dass er ein Psycho-Problem hat, ist ja offensichtlich. Der hat sich aufgeführt wie der Mafioso John Gotti und gemeint, über ihm gäbe es nur noch den Bundespräsidenten. Jetzt bekommt er die Rechnung für seinen Größenwahn.
ÖSTERREICH: Sie halten Richard Steiner für keine große Nummer?
HAUKE: Ach was. Der Vladimir Barisic, wie er wirklich heißt, hat sich Schuhe der Größe 46 angezogen, obwohl er nur Nummer 40 hat. Stark war er eine Zeit lang nur durch seinen seltsamen Rückhalt bei Teilen der Polizei. Aber den gibt es ja unter der neuen Führung nicht mehr.
ÖSTERREICH: Sie wollen Ihr altes Reich nicht zurück?
HAUKE: Sicher nicht. Die Gürtel-Szene ist unter Steiner und seiner Gang verfallen wie ein altes Auto. Zehn Bars haben bereits gesperrt, fünf weitere stehen zum Verkauf. Gut für mich.
ÖSTERREICH: Wieso?
Hauke: Ich habe ein paar Monate gebraucht, um nach der ungerechten Haft wieder zu mir selbst zu finden. Aber ich habe es geschafft und die Zeichen der Zeit erkannt, indem ich in ein Laufhaus investiert habe. Es heißt „Rachel“, läuft blendend und rundum legal. Bei mir kann man jedes Mädchen überprüfen und jedes Telefonat abhören. Es gibt eben auch in unserem Milieu Könige und Froschkönige, nicht?

Das sind die Gürtel-Größen

  • Richard Steiner (39)
    Der tätowierte Veganer zog als Gürtel-Boss in den letzten Jahren alle Fäden auf Österreichs bekanntester Rotlicht-Meile. Der 39-Jährige Nichtraucher gilt als Muskelprotz, wiegt knapp hundert Kilo und schafft 600 Liegestütze in der Minute. Laut eigenen Angaben war er früher Fremdenlegionär, ein Soldat mit Hang zur Philosophie. Bis zu seiner Rückkehr auf den Gürtel im Jahr 2007 nahm er Auszeit in der Dominikanischen Republik, wo er ein Haus besitzt. Dort stählte er seinen Körper, las nebenbei Nietzsche, Heidegger, Schopenhauer, Voltaire und Konfuzius.
  • „Rocky“
    Der „Statthalter“ ist die „rechte Hand“ von Steiner und eine wahre Gürtel-Legende. In den achtziger Jahren war der kleinwüchsige Rocky Profi-Boxer in Belgrad – daher auch der Spitzname. In der Szene gilt er als „Fachmann für Sicherheitsfragen“. Im Herbst 2009 geriet er in die Schlagzeilen, als der Mord an seiner Freundin die Unterwelt erbeben ließ.
  • Repic, der Zopf
    Wurde bekannt, als Fotos von ihm und einem Spitzenbeamten der Polizei auftauchten, der später suspendiert wurde. Gilt als „Mann fürs Grobe“, erst kürzlich aus der Haft entlassen.
  • „Easy, der Tätowierte“
    Der Vorarlberger fällt durch zwei Dinge auf: Tätowierungen am ganzen Körper und mutmaßliche Skrupellosigkeit.
  • „Der lange Peter“
    Leibwächter von Steiner und dessen rechter Hand „Rocky“.

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