Wien

Zum Betteln gezwungen: Strenge Strafen

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34-jähriger behinderter Rumäne erlebte in Wien ein Martyrium.

Zu mehrjährigen Haftstrafen ist am Dienstag im Wiener Straflandesgericht ein aus Rumänien stammendes Paar verurteilt worden, das einen körperlich versehrten Landsmann in der Bundeshauptstadt über Jahre hinweg unter unmenschlichen Bedingungen zum Betteln gezwungen hatte. Richter Ulrich Nachtlberger sprach in der Urteilsbegründung von "unglaublichen Tathandlungen".

Strenge Strafen

Die 35-jährige Frau wurde wegen Menschenhandels und fortgesetzter Gewaltausübung zu vier Jahren unbedingter Freiheitsstrafe, ihr um zwei Jahre älterer Freund zu viereinhalb Jahren verurteilt. Zudem trug ihnen der Schöffensenat auf, dem 34 Jahre alten Opfer Schadenersatz und Schmerzengeld in Höhe von 10.000 Euro zu leisten. Die Urteile sind nicht rechtskräftig. Während das Paar auf Rechtsmittel verzichtete, gab Staatsanwältin Ursula Kropiunig vorerst keine Erklärung ab.

Der 34-Jährige, dem nach einem Unfall in seiner Heimat beide Beine und eine Hand amputiert worden waren, war seit Dezember 2009 von dem Paar misshandelt und ausgebeutet worden. Die Frau hatte ihn 2008 während einer Zugfahrt in Rumänien kennengelernt. Der 34-Jährige vertraute sich ihr an und ließ sie wissen, dass er nicht mehr bei seiner Familie leben wolle, weil er sich für sein Äußeres geniere. Die Frau gab vor, ihn aus Mitleid und Nächstenliebe bei sich aufnehmen zu wollen.

Anfangs "sehr nett"

Eine Zeit lang sei die Frau "sehr nett" gewesen, sagte der 34-Jährige in seiner kontradiktorischen Einvernahme, die im Ermittlungsverfahren angefertigt wurde. Die Befragung des Mannes wurde auf DVD abgespeichert, womit ihm ein Zeugenauftritt bei Gericht erspart blieb. Der Video-Mitschnitt wurde am heutigen zweiten Verhandlungstag - der Prozess war Ende August eröffnet worden - abgespielt.

Er sei "in eine Falle gelockt" worden, erzählte der 34-Jährige. Zunächst hätten ihn seine Peiniger in mehreren rumänischen Städten gegen seinen Willen zum Betteln eingesetzt. Er sei geschlagen und getreten worden. Weil man davon ausging, dass in Österreich weit mehr zu verdienen war, übersiedelte man schließlich zu dritt nach Wien, wo der Mann über Jahre hinweg von Montag bis Samstag von 8.30 bis 18.00 Uhr am Reumannplatz ausgesetzt wurde. An den Sonntagen musste der 34-Jährige stets bis 12.00 Uhr auf diversen Flohmärkten "arbeiten".

300 bis 1.000 Euro täglich
Er habe "80 Prozent des Jahres" Schmerzen gehabt, sagte der 34-Jährige: "Sie sind sadistisch, die beiden." Er berichtete von Schlägen mit einem Gummiknüppel und Elektrokabeln, seine Amputationsnarben sollen gezielt mit Schlüsseln traktiert worden sein. Von seinen Einkünften - seiner Darstellung zufolge 300 bis 1.000 Euro täglich - wurde ihm alles abgenommen. Wenn er nicht parierte, wurde ihm Essen und Trinken verweigert. An Nahrung bekam er nur Reste, nächtigen musste er am Fußboden.

Haus renoviert

Die Einkünfte ermöglichten es dem Paar, ihr baufälliges Haus in Rumänien zu renovieren. Im November 2013 wurde der Bettler allerdings von der Polizei am Reumannplatz aufgegriffen. Als er den Beamten von seinem Schicksal berichtete, wurden das Paar und eine ältere Schwester der 35-Jährigen festgenommen. Die 40-Jährige soll seit April 2013 den Versehrten für einen Lohn von 20 Euro pro Tag rund und die Uhr beaufsichtigt haben. Als mutmaßliche Beitragstäterin saß sie nun mit auf der Anklagebank. Sie kam mit 15 Monaten Haft, davon fünf Monate unbedingt. Dieses Urteil ist rechtskräftig.

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