Interimistische ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher als Favoritin und einzige Person beim Hearing. Lederer und Westenthaler wollen Klarheit in Causa Weißmann schaffen
Heute Früh startete die mit Hochspannung erwartete Sitzung des ORF-Stiftungsrates - bei der es angesichts der Chat-Affäre rund um Ex-Chef Roland Weißmann und auch dem Streit um den Compliance Bericht, der ihn von dem Vorwurf der sexuellen Belästigung "freispricht" schon von Beginn weg heiß herging. In der Sitzung, die nicht medienöffentlich stattfindet sollten "die Fetzen fliegen".
Streit um Compliance Bericht - Thurnher unter Druck
Eigentlich war es als Routine-Sitzung gedacht, denn es gilt die Interims-Generaldirektorin Ingrid Thurnher bis zur eigentlichen Wahl des neuen ORF-Chefs bis Ende 2026 zu bestätigen. Thurnher, die nach dem Rücktritt von Roland Weißmann als ORF-Generaldirektor im März bereits mit der interimistischen Führung der Geschäfte betraut worden ist, ist auch als einzige Person unter den elf Bewerbern zu einem Hearing geladen. Vor der Bestellung der neuen ORF-Spitze beschäftigen die 35 Stiftungsräte heute aber die gegenwärtigen Turbulenzen rund um veröffentlichte, sehr pikante Chats, die Weißmann an eine ORF-Mitarbeiterin gesendet haben soll, am Küniglberg.
Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer formulierte sein Ziel für die Sitzung so: "Wir werden Klarheit schaffen", kündigte er mit Blick auf das Ergebnis des Compliance-Berichts in der Causa Weißmann an. Bekanntermaßen kam der Bericht zum Schluss, dass der Ex-ORF-Chef Roland Weißmann jene Frau, die ihm Fehlverhalten ihr gegenüber vorwirft, nicht sexuell belästigt habe. Der an der Untersuchung beteiligte Anwalt Christopher Schrank erklärte, dass sich der Eindruck ergeben habe, dass der Austausch für keine der beiden Seiten unerwünscht gewesen sei. Die betroffene ORF-Mitarbeiterin sieht das entschieden anders und ging im ZiB-Interview diese Woche in die Offensive: "Das ist eine Lüge!"
Lederer sieht "Obszönitäten und Unfassbarkeiten"
Weißmann wurde dennoch gekündigt. Argumentiert wurde, dass leitende Mitarbeiter auch nicht den Anschein eines unrechtmäßigen Verhaltens setzen dürften. "Ich bin wirklich entsetzt, welche Obszönitäten und Unfassbarkeiten einer Mitarbeiterin des ORF angetan wurden", sagte Lederer. Es könne nicht sein, dass ein Mann, der ein solches Verhalten an den Tag lege, nun definieren wolle, was eine Frau als einvernehmlich empfinde und was nicht.
Der von der FPÖ entsandte Stiftungsrat Peter Westenthaler will in der Sitzung "aufräumen, Mist entfernen, aufklären". "Es geht heute schlicht und ergreifend darum, ob die zur Wahl stehende Frau Thurnher umsetzt, was sie versprochen hat: für Transparenz zu sorgen", sagte Westenthaler. Er will nicht nur den Compliance-Bericht zur Causa Weißmann vorgelegt bekommen, sondern auch Berichte zu früheren aufsehenerregenden Fällen bei denen allen es "mehr als den Anschein unangemessenen Verhaltens" gegeben habe. "Daher müssten am Ende der Sitzung eine Reihe von Kündigungen anstehen - außer die Berichte sind entlastend", meinte der Stiftungsrat.
Mögliche Unvereinbarkeiten unter der Lupe
Westenthaler will auch mutmaßliche Unvereinbarkeiten mehrerer Stiftungsräte thematisieren. Er sprach von "Geschäftemacherei des Stiftungsratsvorsitzenden". Lederer sagte vor Journalisten, dass er nach bestem Wissen und Gewissen agiert habe und keine Interessenskonflikte vorlägen. Das habe er auch immer wieder klargestellt. Mit den ORF-Redaktionsräten, die ihm als auch weiteren drei Stiftungsräten kürzlich das Misstrauen aussprachen, will er noch ein Gespräch führen.
Prantner mit Rücktrittsforderungen konfrontiert
Der ORF-Redaktionsrat sprach auch dem vom Land Steiermark ins oberste ORF-Gremium entsandten Stiftungsrat Thomas Prantner das Misstrauen aus. Der "Standard" zitierte am Mittwoch aus diversen Dokumenten wie E-Mails und Notizen Prantners, die Ränke- und Machtspiele im ORF sowie Politeinfluss belegen sollen. Prantner war einst u.a. ORF-Onlinechef und bewarb sich 2021 um die ORF-Führung, blieb aber ohne Stimmen. Er soll speziell zur FPÖ gute Kontakte gepflegt und sich auch Personalwünschen und Interventionen der Partei angenommen haben.
Für Sigrid Maurer, Mediensprecherin der Grünen, belegt der "Standard"-Artikel, wie es sich "gewisse Männer im ORF richten konnten". Sie forderte Prantner einmal mehr auf, als ORF-Stiftungsrat zurückzutreten. Der steirische SPÖ-Chef Max Lercher meinte, dass die Enthüllungen zeigen, wie Prantner "seine Machtposition im ORF systematisch für private Interessen und politische Gefälligkeiten missbrauchte". Er forderte Landeshauptmann Mario Kunasek (FPÖ) auf, Prantner als Stiftungsrat abzuberufen.
"Klares Statement" für Thurnher erwartet
Insgesamt haben sich elf Personen für den Chefposten beworben, für ein Hearing eingeladen wurde aber nur eine Person: Ingrid Thurnher. Für ihre Bestellung ist eine einfache Mehrheit im 35-köpfigen obersten ORF-Gremium nötig. Lederer erwartet ein "klares Statement" für Thurnher.
Die Wahl für die eigentliche nächste fünfjährige ORF-Generaldirektorenperiode ab 2027 ist für 11. August angesetzt. Allerdings könnte sich das noch ändern, wollen doch Stiftungsräte aus dem ÖVP-"Freundeskreis" und der von der FPÖ entsandte Stiftungsrat Peter Westenthaler Anträge auf eine Vorverlegung der Wahl auf 11. Juni in der Sitzung einbringen. Die Ausschreibung für den Posten erfolgt jedenfalls in rund einer Woche.