Manchester United empfängt im Krisengipfel Liverpool

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Manchester United empfängt im Krisengipfel Liverpool

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Manchester United am Tabellenende, Liverpool noch ohne Sieg: Die Vorzeichen vor dem Klassiker bringen für die beiden englischen Großclubs gefährliche Drucksituationen mit sich.

Bei United hallt die Abfuhr von Brentford noch immer nach. Laut Jürgen Klopp macht der katastrophale Zustand des Erzrivalen das Duell am Montagabend (ab 21 Uhr im Sport24-Liveticker) im Old Trafford aber erst recht kompliziert.

Mit Blick auf den Gegner zeichnete Klopp im Vorfeld das Bild vom verwundeten Tier, das daher ganz besonders gefährlich wäre. "Natürlich würde ich lieber gegen sie spielen nachdem sie 5:0 gewonnen haben, aber wir leben nicht im Träumeland", meinte Klopp. "Wir haben zweimal Unentschieden gespielt. Macht es das also besser gegen uns zu spielen? Ich weiß es nicht."

Man müsse mit allen Situationen klarkommen, meinte der deutsche Startrainer, dessen Team in 180 Minuten Premier-League-Fußball vier Punkte Rückstand auf den Meisterschaftsfavoriten Manchester City aufgerissen hat. Ein dritter Punkteverlust, ausgerechnet im Prestige-Vergleich der Industrie- und Arbeiterstädte aus dem "dreckigen" Norden, wäre ein zusätzlicher Stimmungsdrücker an der Anfield Road. Klopp: "Die ganze Welt wird zuschauen, lasst uns gespannt sein, wie diese zwei Schwergewichte damit umgehen."

United tief in der Krise

Während Liverpool früh in der Saison die diskutable Kadertiefe aufgezeigt bekommt, ist United mit einer Krise auf mehreren Ebenen konfrontiert. Der vorläufige Tiefpunkt war die 0:4-Abfuhr beim bescheidenen Brentford FC. Experten und Ex-Spieler waren konsterniert. "United wurde zerfleischt, runtergeputzt und zum Gespött gemacht. Wir erleben gerade die Zerstörung von Manchester United", kommentierte der frühere Kapitän und nunmehrige TV-Experte Gary Neville.

Erstmals seit der allerersten Premier-League-Saison (1992/93) liegt der Rekordmeister nach zwei Runden mit null Punkten am Tabellenende. Dass Manchester United vor 30 Jahren in der Folge noch Meister wurde, ist eine für die Konkurrenz belustigende Statistik-Klauberei. Vielmehr könnte die Erinnerung an die letzte Begegnung mit Liverpool (0:5) den United-Anhängern den Angstschweiß auf die Stirn treiben.

Umstrittene Klubbesitzer

Der Abstieg ins Mittelmaß ist längst keine Neuigkeit mehr. Für viele Beobachter sind die Schuldigen klar: die Besitzerfamilie aus den USA. Im Gegensatz zu den arabischen Investoren beim Stadtrivalen Manchester City oder (bis zuletzt) Roman Abramowitsch bei Chelsea wollen die Glazers nicht ihr eigenes Geld in den Club stecken, sie wollen mit ihm verdienen. Als sie die Mehrheitsanteile 2005 kauften, taten sie dies nicht mit eigenen Mitteln, sondern mit einem Kredit, der auf den Verein überschrieben wurde.

© Getty
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Seither schiebt Manchester United, von den kommerziellen Einnahmen her jahrelang der reichste Club der Welt, einen riesigen Schuldenberg vor sich her. Seriösen Quellen zufolge flossen über 1,2 Milliarden Euro an Zinszahlungen ab, die nicht in die Mannschaft investiert werden konnten. "Noch vor zwei Monaten haben sie wieder 28 Millionen aus dem Verein herausgezogen", wetterte Neville über die Glazers. "Dabei haben sie ein zweitklassiges, zerfallendes Stadion, das noch vor zehn, fünfzehn Jahren zu den besten der Welt gehörte."

Nun ist es nicht so, dass United nichts in Spieler investiert, der bevorstehende Wechsel von Mittelfeld-Abräumer Casemiro von Real Madrid zeugt nicht zuletzt davon. Es fehlt aber die Kompetenz in der Führungsetage, seit der kompetente CEO David Gill weg ist. Die Spielausrichtung wechselt regelmäßig mit dem Trainer. Aktuell darf der frühere Ajax-Coach Erik ten Hag sein Glück mit einer insgesamt überschaubar spannenden Auswahl an Angestellten versuchen.

Erneut Proteste angekündigt

Im Mai letzten Jahres musste die Partie zwischen United und Liverpool verschoben werden, weil wütende Fans das Stadion gestürmt hatten. Auch nun haben diese wieder Proteste angekündigt. Entschärfen könnte die Situation ein Verkauf des Clubs. Mit dem Milliardär und Ineos-Besitzer Sir Jim Ratcliffe hat diese Woche ein potenter Investor aus Großbritannien sein Interesse angemeldet.

Die Boulevardzeitung "Sun" meinte daraufhin gewohnt wortgewitzt: "Rat can save sinking ship". Die Ratte, so die Anspielung auf Ratcliff, könnte das sinkende Schiff retten. Mehr als ein Hoffnungsschimmer ist das aktuell nicht. Denn bisher ist nicht bekannt, dass die Glazers Mehrheitsanteile am Club überhaupt veräußern wollen. Ratcliff sieht dem Vernehmen nach eben das als sein Ziel. Der prominente "Kapitän" hat den Absprung vom irrlichternden Dampfer bisher nicht geschafft: Cristiano Ronaldo steuert auf eine frustrierende Saison im Niemandsland der Premier League zu.
 

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