Von seinem Domizil in Monaco aus verfolgt Alexander Wurz das Qualifying in Melbourne. Den GP am Sonntag wird der ehemalige F1-Pilot mit Ernst Hausleitner aus der ORF-Zentrale in Wien analysieren, um eine Woche später in Shanghai wieder live vor Ort zu sein.
oe24: Herr Wurz, was erwarten Sie von der neuen Formel-1-Saison?
ALEXANDER WURZ: Gibt‘s was Spannenderes als mit einem neuen Reglement loszustarten? Wir werden die schnellsten Topspeed-Werte aller Zeiten sehen, die 1000-PS-Autos machen echt Spaß.
"Ein Vollpfosten wird sicher nicht Weltmeister werden."
oe24: Das sehen aber nicht alle so ...
WURZ: Die Jammerer wird es immer geben – vor allem am Anfang, weil alles ein bissl kompliziert erscheint. Dabei lässt sich im Rennverlauf alles einfach runterbrechen: Du hast im Prinzip nicht genug Energie für eine ganze Runde, deswegen musst du klug damit haushalten. Das ist wie früher das Reifenmanagement. Wer weiß: Vielleicht werden wir verrückt spannende Rennen sehen, weil sie sich gleich mehrmals in einer Runde überholen. Aber egal, was passiert: Am Schluss wird der schnellste Fahrer wieder vorn sein – mit einer leichten Verschiebung Richtung Taktik-Skills. Ein Vollpfosten wird die WM sicher nicht gewinnen.
oe24: Vor einem Jahr lagen Sie mit Ihrem WM-Tipp Lando Norris goldrichtig. Und heuer ...?
WURZ: ... tippe ich auf Weltmeister George Russell, er wird sich knapp gegen Max Verstappen durchsetzen. George hat jetzt die nötige Reife als Rennfahrer. Er ist extrem schnell, macht wenige Fehler und sitzt im richtigen Auto. Das ist eine Mega-Kombination.
oe24: Der frühere Red-Bull-Berater Helmut Marko hofft, dass sich Verstappen aufgrund seines fahrerischen Könnens gegen die vermutlich besseren Mercedes durchsetzt, Was halten Sie von dieser Theorie?
WURZ: Als Fahrer kann, soll und muss Max um die WM mitfahren. Sein Auto wird allerdings erst ab Saisonmitte siegfähig sein. Dann werden wir einen packenden Zweikampf mit Russell erleben. Mein Bauchgefühl sagt mir aber, dass George bis dahin genug Punkte gesammelt hat, um die WM nach Hause zu fahren.
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oe24: Marko hat auch vor Motor-Aussetzern am Start gewarnt und vor der Gefahr einer möglichen Kollision, wenn Autos stehen bleiben. Sehen Sie das ähnlich?
WURZ: Bei den ersten Tests gab es diese Probleme, und natürlich weiß jeder, dass es kritisch ist, wenn Autos am Start liegenbleiben. Aber beim zweiten Test ist es schon viel besser gelaufen, und die Teams scheinen das inzwischen im Griff zu haben Sollte in Australien trotzdem berechtigte Bedenken auftreten, dann kann man im Sinne der Sicherheit immer noch vor Ort entscheiden: Okay, wir fahren mit einem fliegenden Start los!
"... dann kannst du plötzlich deine Hände nicht mehr bewegen"
oe24: Wie erklären Sie sich die Probleme von Aston Martin, dass die Autos derart vibrieren, dass die Piloten den Grand Prix möglicherweise nicht durchfahren können?
WURZ: Ein alter Sack wie ich kennt dieses Gefühl aus eigener Erfahrung. Bei einem Toyota-Prototyp in Le Mans hatten wir extrem hohe Vibrationen. Da kannst du nach ein paar Runden die Hände plötzlich nicht mehr bewegen. Da machst du dir echt Sorgen, Langzeit-Schäden davonzutragen. Ich kann mir vorstellen, und das ist eine reine Vermutung von mir, dass jetzt (bei Aston Martin, d. Red.) zu viel Gewicht gespart wurde. Leicht möglich, dass auf Vibrationsdämpfer verzichtet worden ist.
oe24: Leider wirft die Nahost-Krise auch einen Schatten auf die F1. Halten Sie es für möglich, dass die April-Rennen in Bahrain und Saudi-Arabien planmäßig über die Bühne gehen?
WURZ: Alles, was da passiert, lässt den Sport zur Nebensache werden. So wie sich die Lage zuspitzt, kann ich mir nicht vorstellen, dass wir diese Grands Prix wie geplant fahren. Dann muss man wie zu Covid-Zeiten abklären: Kann man an diesen Wochenenden z. B. in Portimao Ersatzrennen fahren, oder hängen wir den Bahrain-GP am Ende der Saison an?
Start zum GP von Australien ist Sonntag um 5 Uhr. Die Zusammenfassung im ORF inklusive Wurz-Analyse sehen Sie ab 7.45 Uhr.