Mama Circle
Psychotherapeutin Anna Neubrand über ihren neuen Safe Space für frischgebackene Mütter
Früher begleitete sie Kinder in Krisenzentren, heute baut sie einen Safe Space für Frauen auf, die zwischen Windeln und Selbstverwirklichung feststecken. Die Wiener Psychotherapeutin Anna Neubrand im Gespräch über die Gründung von "Mama Circle", die Macht der Selbstfürsorge und warum Mütter die wahren Management-Talente sind.
Anna, du hast gerade deinen "Mama Circle" gestartet. Wie kam es zu der Idee, und was genau erwartet die Frauen dort?
Anna Neubrand: Die Idee entstand aus meiner eigenen Geschichte. Ich bin systemische Familientherapeutin und habe jahrelang mit Kindern in Krisenzentren gearbeitet. Als ich 2022 selbst Mama wurde, hat sich mein Fokus komplett verschoben. Mir ging es am Anfang ehrlich gesagt gar nicht gut. Ich habe mich trotz Fachwissen allein gelassen gefühlt. Der "Mama Circle" soll genau das bieten, was mir gefehlt hat: Ein Ort, der wie ein gemütliches Wohnzimmer wirkt – mit Kaffee und Tee –, an dem sich Frauen austauschen und gleichzeitig therapeutisches Know-how abholen können.
Wie nah ist das heutige Konzept an deiner ursprünglichen Vision? Gab es während der Gründung Kurskorrekturen?
Neubrand: Tatsächlich hatte ich anfangs eine ganz andere Idee: Ich wollte eigentlich mit einem Podcast starten. Ich dachte mir, das wäre ein sicherer Weg – man muss weniger investieren, es kann weniger schiefgehen und die Hemmschwelle ist niedriger. Aber während des Prozesses habe ich mich umentschieden. Ich habe gemerkt, dass ich den Mamis lieber direkt vor Ort helfen will, statt nur über Kopfhörer zu ihnen zu sprechen. Also habe ich meine Praxis komplett adaptiert und in einen "Salon" umgebaut. Das war zwar eine finanzielle Hürde, die ich so nicht geplant hatte, aber ich stehe jetzt zu 100 % dahinter. Der Podcast ist erst mal hintenangestellt, bis das Fundament vor Ort steht.
“Mamas dürfen alle Arten von Gefühlen haben - auch Wut, Angst und Überforderung.”
Anna Neubrand
Es wird oft über "Work-Life-Balance" gesprochen, aber für manche Mütter fühlt sich das wie ein schlechtes Gewissen an beiden Fronten an. Welchen Rat hast du?
Neubrand: Mein Motto ist: Den Kindern kann es nur gut gehen, wenn es den Mamis gut geht. In der Management-Welt würde niemand versuchen, ein Team zu führen, wenn er selbst völlig ausgebrannt ist – aber von Müttern wird genau das erwartet. Es ist kein Egoismus, sich diese 90 Minuten im Circle freizuschaufeln, sondern eine notwendige Wartung des eigenen "Systems". Ich finde es wahnsinnig mutig und klug, wenn eine Frau sagt: "Ich gebe die Verantwortung kurz ab, um meine Batterien aufzuladen." Das ist der erste Schritt, um langfristig sowohl im Job als auch in der Familie eine gesunde, präsente Rolle einzunehmen.
Du arbeitest weiterhin als Therapeutin, baust dein Startup auf und bist selbst Mutter. Wie organisierst du diesen Spagat?
Neubrand: Ich habe mein Arbeitsmodell radikal umgestellt. Ich arbeite am Vormittag in der Praxis und danach gehört meine Zeit fast ausschließlich meiner Tochter. Diese Entscheidung fiel auch nach einer schweren Phase, als mein Vater verstarb und ich zwischen Arbeit, Krankenhaus und Kinderbetreuung zerrissen war. Das hat mir gezeigt, wie wertvoll Zeit ist. Heute gebe ich vormittags als Unternehmerin Vollgas, um nachmittags die Freiheit zu haben, einfach nur Mutter zu sein.
“Mamis entwickeln durch ihre tägliche Verantwortung Management-Fähigkeiten, die für jedes Unternehmen Gold wert sind.”
Anna Neubrand
Gibt es einen Mythos über "Gründermamas", mit dem du aufräumen möchtest?
Neubrand: Ja, das Vorurteil: "Du bist ja nur Mama, du sitzt ja eh nur zu Hause". Wer keine Kinder hat, unterschätzt oft, dass man als Mutter eine 24/7-Verantwortung trägt. Gleichzeitig wird Müttern im Berufsleben oft weniger zugetraut. Dabei sind Mamis die besten Multitasker. Wir bekommen alles unter einen Hut, wir organisieren, wir priorisieren. Das sollte in der Wirtschaft viel mehr Anerkennung finden. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die sieht, dass Mamis durch ihre tägliche Verantwortung Management-Fähigkeiten entwickeln, die für jedes Unternehmen Gold wert sind.
Wenn wir zehn Jahre in die Zukunft blicken: Was soll sich durch deine Arbeit verändert haben?
Neubrand: Mein großes Ziel ist die Enttabuisierung der Schattenseiten des Mutterseins. In unserer jetzigen Leistungsgesellschaft muss oft alles perfekt wirken – man soll das Kind einerseits genießen, andererseits aber bitte auch den Haushalt schmeißen und im Job performen. Ich möchte, dass Frauen keine Angst mehr vor Verurteilung haben, wenn sie sagen: "Ich kann gerade nicht mehr" oder "Ich bin wütend und überfordert". Wenn Mamis in zehn Jahren sagen: "Danke, dass ich im Mama Circle mal nicht funktionieren musste und meine negativen Gefühle genauso Platz hatten wie die positiven", dann hat meine Arbeit etwas bewegt.
Der Mama Circle auf einen Blick
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