Neymar vor Rücktritt
Brasilien nach Tränen-Aus am Boden
Altstar Neymar weinte bitterlich. Carlo Ancelotti reichte dem auf dem Rücken liegenden Vinícius Junior die Hand und versuchte nicht nur in diesem Moment, die stolze Fußball-Nation Brasilien nach ihrem schlechtesten WM-Abschneiden seit 36 Jahren direkt wieder aufzurichten. Es waren bewegende Szenen im Final-Stadion von East Rutherford. Dort, wo der Rekordweltmeister am 19. Juli um seinen sechsten Titel spielen wollte, erlebte er den nächsten sportlichen Albtraum.
Highlights: Brasilien vs. Norwegen
© ORF
"Natürlich ist jeder tief enttäuscht", sagte Ancelotti nach dem 1:2 im Achtelfinale gegen Norwegen. Manchmal müsse man eben "mit der Traurigkeit und dem bitteren Geschmack einer Niederlage umgehen", erklärte der 67-Jährige. "Wir müssen nun neue Ideen finden. Es ist nicht das Ende, es ist der Beginn einer neuen Zeit." Die allerdings ohne Neymar anbrechen wird. Für den 34-Jährigen ist Schluss im Nationalteam.
"Ich habe es versucht, ich habe es wirklich versucht. Jetzt ist es zu Ende", sagte Brasiliens Rekordtorschütze. Per Elfmeter hatte er tief in der Nachspielzeit noch seinen 80. Treffer im 130. Länderspiel erzielt. Da hatte Norwegens Superstar Erling Haaland die Südamerikaner mit seinem Doppelpack jedoch schon erledigt.
Offensiv liefert nur Vinicius Junior ab
"Wir haben keine spektakuläre WM gespielt, aber eine gute", resümierte Ancelotti. Der Italiener war als erster ausländischer Trainer in der Geschichte der brasilianischen Nationalmannschaft angetreten, um ihre schon 24 Jahre andauernde Titellosigkeit bei Weltmeisterschaften zu beenden. Ein ambitioniertes Ziel, hat die Selecao doch nicht mehr diese Vielzahl an absoluten Ausnahmespielern in ihren Reihen wie einst. Real-Stürmer Vinicius Junior war mit vier Toren bei diesem Turnier der einzige ihrer Offensivspieler, der wirklich überzeugte.
Für Raphinha vom FC Barcelona war schon nach dem zweiten Gruppenspiel wegen einer Oberschenkelverletzung Schluss. Und Neymar war infolge seiner Wadenprobleme ohnehin keine große Hilfe mehr. Für gerade einmal zwei Kurzeinsätze reichte es beim einstigen Topstürmer, der wieder in der Heimat beim FC Santos spielt. Schon seine Nominierung hatte für Aufsehen gesorgt, ist er doch längst nicht mehr in der Form seiner einstigen Glanzzeit in Barcelona und bei Paris Saint-Germain. Fast schien es, dass bei dieser WM Brasiliens größte Stars - wie etwa die bisher letzten Weltmeister Ronaldo, Ronaldinho, Roberto Carlos oder Kaka - auf der Tribüne saßen.
Für Brasilien hätte es anders laufen können, wäre Bruno Guimaraes in der Anfangsphase per Foulelfmeter nicht an Norwegens überragendem Keeper Örjan Nyland gescheitert. Endrick vergab noch beim Stand von 0:0 in der zweiten Halbzeit eine Topchance. So bedeutete Brasiliens einzige Niederlage bei dieser WM das früheste Aus seit 1990.
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Ancelotti: "Morgen starten wir neu"
Schon nach dem 1:1 gegen Marokko zum Auftakt hatte es in der Heimat Kritik gegeben. Die Selecao präsentierte sich danach zwar verbessert, allerdings zu keinem Zeitpunkt wie ein echter Titelanwärter. Das konnte auch Erfolgscoach Ancelotti mit seiner ruhigen und umsichtigen Art der Führung nicht ändern. Fünfmal hat der Trainer-Routinier die Champions League gewonnen, dazu Meisterschaften in Italien, England, Frankreich, Spanien und Deutschland. Doch seine WM-Premiere als Chefcoach eines Nationalteams endete ernüchternd.
"Morgen starten wir neu", kündigte Ancelotti an. Sein Vertrag wurde vor nicht allzu langer Zeit bis 2030 verlängert. Einige Spieler des aktuellen Kaders sind dann nicht mehr dabei. "Unerklärlich" fand PSG-Kapitän Marquinhos den Auftritt seiner Elf. "Wir müssen die Verantwortung dafür übernehmen, damit künftige Generationen darauf aufbauen können", meinte der 32-Jährige. Tränen vergoss nach Schlusspfiff auch der zwei Jahre ältere Casemiro. Er haderte: "Wir werden für immer jene Generation bleiben, die die WM nicht gewonnen hat."
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