Der 68. Wiener Opernball schickt sich an, die ehrwürdigen Mauern der Staatsoper einer Belastungsprobe der besonderen Art zu unterziehen.
Wenn sich am 12. Februar die Pforten der Wiener Staatsoper öffnen, trifft nicht bloß Tradition auf Moderne, sondern bisweilen auch die Hochkultur auf die reine Provokation. Die diesjährige Gästeliste liest sich wie ein fieberhafter Traum eines exzentrischen Regisseurs: Ein Potpourri, das zwischen Hollywood-Glanz und Reality-TV-Abgründen oszilliert und bereits im Vorfeld die Frage aufwirft, ob das Parkett den zu erwartenden Erschütterungen standhalten wird.
Simone Thomalla mit Adi Weiss und Michael Lameraner.
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Von Stoffmangel und verbalen Querschlägern
Die wohl größte modische Ungewissheit betrifft Micaela Schäfer. Die „Nacktschnecke“ pflegt bekanntlich eine innige Feindschaft mit jeder Form von Textil. Es bleibt abzuwarten, ob sie den Dresscode der Staatsoper – Frackzwang und bodenlanges Abendkleid – eher als grobe Empfehlung oder als persönliche Beleidigung auffasst. Flankiert wird sie von Julian FM Stöckl und Evelyn Burdecki, der amtierenden Monarchin des gepflegten verbalen Missverständnisses, und Oliver Pocher, dessen Anwesenheit meist die Vorstufe zu einer neuen juristischen Akte darstellt. Man darf rätseln, ob Pocher den Abend nutzt, um diplomatische Brücken zu bauen oder eher, um die nächste einstweilige Verfügung zu provozieren.
Eine Prise Weltstar-Glanz und dionysische Dramen
Glücklicherweise erfährt das Tableau durch die Anwesenheit von Sharon Stone und Fran Drescher eine dringend benötigte Dosis internationaler Eleganz – auch wenn man sich „Die Nanny“ nur schwer ohne ihr ikonisches Lachen in der gedämpften Akustik einer Loge vorstellen kann. Die beiden bilden den glamourösen Gegenpol zum hiesigen Skandalpotenzial.
Doch wo Licht ist, ist bei der Opern-Diva Anna Netrebko meist auch ein sehr scharf gezogener Schatten. Wir erinnern uns mit morbidem Vergnügen an jenen Abend vor zwei Jahren: Ein Logennachbar berichtete damals süffisant, die Diva habe ihre Abneigung gegen die Kollegin Garanca derart plastisch zum Ausdruck gebracht, dass man um das Wohlbefinden ihres Magens fürchten musste. Ein Fächer als Schutzschild gegen „brechreizerregende“ Gesangskunst – es sind diese pantomimischen Glanzleistungen hinter verschlossenen Logentüren, die den Ball erst zum „Ball der Bälle“ adeln.
Die vornehme Zurückhaltung der Macht
Während das Blitzlichtgewitter die Prominenz in den Fokus rückt, übt sich die Politik in asketischer Abwesenheit. Das Staatsbankett bleibt weitgehend verwaist, sieht man von der Anwesenheit der Herren Babler, Van der Bellen und Ludwig ab. Man scheint in den Ministerien derzeit lieber das politische Parkett zu meiden, um nicht über die rhetorischen Fallstricke der oben genannten Gäste zu stolpern.
Wir werden für Sie natürlich auch in diesem Jahr genau hinhören, wenn der Champagner fließt und die Masken der Etikette langsam fallen.