ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher bewirbt sich nicht für die Führungsperiode ab 2027.
In einem der APA vorliegenden Schreiben an die ORF-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter begründet sie die Entscheidung damit, dass ihr in der verbleibenden Zeit so mehr Freiheit bleibe, um Missstände aufzuarbeiten, die richtigen Weichen zu stellen und das Vertrauen in den ORF zu stärken. "Ich muss nicht taktieren, ich muss nicht tun, was opportun ist", schreibt Thurnher.
Thurnher ist Mitte März nach dem Rücktritt von Roland Weißmann mit der vorläufigen Führung der Geschäfte des ORF-Generaldirektors betraut worden. Mitte April wurde sie mit 31 von 35 Stimmen im ORF-Stiftungsrat zur regulären ORF-Chefin bestellt. Damals kündigte sie an, in ihren acht Monaten an der Spitze des öffentlich-rechtlichen Medienhauses "die Weichen für einen besseren ORF" stellen zu wollen. Sie wolle diverse Missstände im ORF "klar, konsequent und ohne jedes Ausweichen" aufarbeiten, sagte die 63-jährige gebürtige Vorarlbergerin damals.
Transparenzbeirat-Bericht vor dem Sommer
Sie richtete bereits einen Transparenzbeirat ein, der sich kursierenden Vorwürfen widmet, Fehlverhalten aufdecken und erforderliche Konsequenzen aufzeigen soll. Er werde noch vor dem Sommer seinen Bericht vorlegen. "Dort, wo Entscheidungen in meiner Verantwortung als Generaldirektorin liegen, werde ich diese Empfehlungen auch umsetzen", versichert sie nun und meint, dass manche Entscheidungen "möglicherweise weh tun" und "Widerstand auslösen" werden.
Thurnher räumt ein, dass es für sie reizvoll gewesen wäre, sich zu bewerben. "Es wäre auch ein besonderer Abschluss meiner jahrzehntelangen Karriere im ORF gewesen. Aber jetzt geht es nicht um mich. Es geht um den ORF", so die bekannte Journalistin und Medienmanagerin, die seit 1985 dem ORF verbunden ist und dabei u.a. als "ZiB2"-, "Im Zentrum"- und "Sommergespräche"-Moderatorin breite Bekanntheit erlangte. Später betätigte sie sich als ORF III-Chefredakteurin und ORF-Radiodirektorin.
"ORF nicht Spielball der Politik"
Sie geht davon aus, dass der ORF-Stiftungsrat bei der Wahl am 11. Juni eine Entscheidung treffen wird, "die im Interesse des Publikums und eines starken ORF ist". An die Politik appelliert sie, sich mit Zurufen zurückzuhalten. "Der ORF ist nicht der Spielball der Politik und er gehört auch nicht der Politik", erinnert Thurnher.
"Selbstverständlich werde ich die neue Generaldirektorin oder den neuen Generaldirektor ab 2027 bestmöglich unterstützen. Und ich werde die Amtsübergabe ordentlich vorbereiten", versichert sie. Zudem wolle sie im Sommer mit der künftig an der Spitze des ORF stehenden Person einen "Planungs-Summit" einberufen. Gemeinsam will sie erarbeiten, wie der ORF ab 2027 zusätzlich notwendige Einsparungen erbringen könne. Erst vor wenigen Tagen zeigte sich Thurnher über von der Regierung gewälzte Sparüberlegungen in Höhe von 80 bis 90 Mio. Euro pro Jahr alarmiert. Diese würden an den "Grundfesten" des ORF rütteln.
"Bis 1. Jänner wird nicht auf Pause gedrückt. Im Gegenteil", lässt sie die Tausenden ORF-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter wissen. "Das nächste halbe Jahr wird intensiv, arbeitsreich - und ich werde mich mit aller Kraft dafür einsetzen, dass wir wieder der ORF werden, der wir sein wollen, auf den wir stolz sein können, auf den ich stolz sein kann", so Thurnher.