ÖVP-Klubchef nach erstinstanzlichem Urteil zurückgetreten
August, genannt Gust, Wöginger macht einen Schritt zur Seite. Nach seiner erstinstanzlichen Verurteilung im Linzer Amtsmissbrauch legt er den Vorsitz des ÖVP-Parlamentsklubs zurück. Für einmal hätte der 51-Jährige wohl auf heimatliche Hilfsbereitschaft verzichten sollen. Sein Einsatz für das "Bürgeranliegen" eines oberösterreichischen Parteifreunds, der unbedingt Finanzamtsleiter werden wollte, kommt Wöginger nun teuer zu stehen.
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Wöginger gilt in Österreichs Innenpolitik als Original. Gerne schwingt er seine Reden in Innviertler Klangfarbe, nicht selten ein wenig humoristisch-polemisch in Richtung der jeweiligen Opposition. Was ihn neben Fleiß auszeichnet, ist sein Talent, persönliche Beziehungen unabhängig von der Parteifarbe zu schaffen. Das ist nicht unwesentlich in einer Karriere, in der er als Klubchef Koalitionen seiner ÖVP mit allen derzeit im Nationalrat vertretenen Parteien managen musste.
Karriere-Durchbruch unter Kurz
Dass er seinen Karriere-Durchbruch gerade unter Sebastian Kurz schaffte, überrascht auf den ersten Blick, gilt Wöginger doch als klassischer Vertreter der Sozialpartnerschaft, die dem Altkanzler nicht wirklich am Herzen lag. Doch in seiner neuen Rolle als Klubchef bewies er von Anfang an parlamentarisches Geschick und Loyalität, auch wenn er nicht unbedingt als leidenschaftlicher Fan einer Zusammenarbeit mit den Freiheitlichen beschrieben wird.
Noch besser funktionierten die fünf Jahre an der Seite der Grünen. So unterschiedliche Persönlichkeiten sie sind, so reibungsarm gestalteten Wöginger und die damalige Grünen-Klubobfrau Sigrid Maurer das gemeinsame Arbeitsleben ihrer Parteien. Welche Krise auch immer in der krisenreichen Zeit auftauchte, manövrierten die beiden die Koalition durch alle Nöte. Längst war Wöginger, der als ÖAAB-Obmann ohnehin einer Machtbasis der Volkspartei vorsitzt, zum Mann gereift, ohne den in der ÖVP kaum noch etwas Entscheidendes verhandelt wurde.
Dies wäre wohl auch in der neuen Konstellation mit SPÖ und NEOS noch einige Jahre munter so weiter gegangen, hätte Wöginger dem Wunsch seines Bürgermeister-Parteifreundes, Finanzamtsleiter zu werden, weniger Beachtung geschenkt. Sein Einsatz beim vormaligen Generalsekretär des Finanzministeriums Thomas Schmid mündete in jene Anklage, die die Karriere des Innviertlers gehörig ins Trudeln brachte. Wöginger büßt hier durchaus stellvertretend für eine in Österreich über viele Jahrzehnte gelebte Praxis, dass Parteifarbe in vielen Fällen Eignung vorgezogen wird.
In Deutschland geboren
Wöginger selbst ist in keiner klassischen ÖVP-Familie aufgewachsen, sein Vater war Arbeiter, das auch außerhalb der Landesgrenzen. So ist der Klubchef in Passau, also in Bayern, geboren. Bei der Volkspartei dockte er schon als Schüler an. An die Uni ging Wöginger nie, stattdessen zog es ihn nach der HAK-Matura zum Roten Kreuz, bei dem es der vormalige Zivildiener bis zum oberösterreichischen Betriebsratsvorsitzenden schaffte.
Zu höheren politischen Weihen kam er erstmals Ende 2002 mit einem Mandat im Nationalrat. Dort fiel Wöginger gleich ungewöhnlich auf. Bei der in der damaligen schwarz-blauen Koalition nicht unumstrittenen Pensionsreform fehlte der Arbeitnehmer-Vertreter als einziger Abgeordneter bei der Abstimmung, laut eigenem Bekunden nicht aus Protest, sondern weil ihn im ungünstigsten Moment ein dringender Weg auf die Toilette führte. Wer den schlitzohrigen Wöginger über Jahre beobachtet hat, kann das mehr oder weniger glauben.
Bis 2021 noch in der Gemeindepolitik aktiv
Von da an brauchte es noch 15 Jahre, bis er ganz an der Spitze des Parlamentsklubs angekommen war. Im Jahr davor hatte er den Arbeitnehmer-Bund übernommen, dessen Generalsekretär der heute 51-Jährige davor war. Einen Fuß hielt Wöginger dabei in der Heimat. Bis 2021 war er rund 18 Jahre lang Mitglied im Gemeinderat seiner Wohngemeinde Sigharting. Stellvertretender Landeschef in der oberösterreichischen Volkspartei ist er seit kurzem nicht mehr. Dass das etwas mit seinem Verfahren zu tun hat, wird so nicht bestätigt.
Der Abschied aus der Politik wäre für Wöginger wohl schwierig. Allzu viele Hobbys sind vom emsigen Sozial- und Machtpolitiker nicht überliefert. Das Wandern bereitet dem verheirateten Vater von drei Kindern Freude und der Gesang - aber auch das besonders gerne in politischer Runde. Die steht dem leutseligen Innviertler als "einfachem" Abgeordneten immerhin weiter zur Verfügung.
Zur Person: August Wöginger, geboren am 2.11.1974 in Passau, verheiratet und Vater von drei Kindern. Beruflich beim Roten Kreuz tätig, dabei von 2006 bis 2014 Vorsitzender des Betriebsrats des OÖ Roten Kreuz. Seit 2002 Nationalratsabgeordneter, Generalsekretär des ÖAAB von September 2012 bis zum April 2016, seit September 2016 Obmann des ÖAAB. Seit Dezember 2017 mit kurzen Unterbrechungen Klubobmann der Volkspartei im Parlament.