Mercedes hat WM "in Händen", ist aber vor Ferrari gewarnt
"Wir waren noch weit von perfekt entfernt." Der Satz von Formel-1-Auftaktsieger George Russell könnte für die Konkurrenz wie eine gefährliche Drohung klingen. Tatsächlich spielte Mercedes seine Dominanz nach dem Doppelsieg im ersten Rennen der neuen Regelära am Sonntag in Melbourne herunter. Teamchef Toto Wolff glaubt für den weiteren Saisonverlauf an einen "echten Kampf mit Ferrari". Fest steht aber auch: Der einstige Serienweltmeister ist wieder mittendrin im WM-Rennen.
"Da ist so viel Zufriedenheit in diesem Team", sagte Wolff, nachdem sich die Mercedes-Mitarbeiter nicht nur ein Glas Champagner genehmigt, sondern auch T-Shirts mit der Aufschrift "P1" übergestreift hatten. "Wir haben den Kampf um die WM in unseren Händen, das ist das beherrschende Gefühl." Nach acht Konstrukteurstiteln in Folge von 2014 bis 2021 war das in den vergangenen vier "sehr schwierigen Jahren", wie sie der Wiener bezeichnete, nicht der Fall.
Ferrari überraschend knapp dran
Mercedes scheint das Team, das es nach der Regelrevolution zu schlagen gilt. "Wir haben geglaubt, es wird ein bisschen leichter", gestand Wolff auf Sky. "Aber die Ferraris waren unglaublich schnell am Anfang. Da war nicht viel Unterschied. Ich bin überrascht, wie eng das eigentlich ist." Sein einstiger Schützling Hamilton, der nach einem ersten Seuchenjahr mit Ferrari neue Hoffnung geschöpft hat, formulierte es so: "Wir sind nicht so schnell wie Mercedes. Wir haben Arbeit vor uns, aber wir sind dabei."
Nach einem Raketenstart lieferte sich insbesondere sein Teamkollege Charles Leclerc im ersten Rennviertel ein beachtliches Duell mit Russell. "Es waren viele Überholmanöver, viel hin und her", schilderte der Rennsieger. "Jeder, der gesagt hat, es hat vielleicht zu wenig Show, der wurde am Anfang eines Besseren belehrt", meinte Wolff.
Norris und Verstappen erneuern Reglement-Kritik
Das neue Reglement, in dem eine leistungsstärkere Batterie vor allem das Energiemanagement, also die Aufnahme und Abgabe elektrischer Energie zum neuen Thema macht, hält auch Russell für vorschnell kritisiert. "Man muss ihm eine Chance geben", betonte der Engländer. "Wir sind 22 Fahrer. Als wir die besten Autos hatten und alle glücklich waren, sagte jeder, das Racing wäre Mist. Jetzt sind die Fahrer nicht superglücklich, aber jeder sagt, es war ein großartiges Rennen - man kann nicht alles haben."
Weltmeister Lando Norris und sein "Vize" Max Verstappen waren anderer Meinung, konnten ihre Frustration nach den Rängen fünf und sechs nicht verbergen. "Es ist schade. Es ist alles sehr künstlich", meinte McLaren-Pilot Norris. "Wir wollen alle das Beste für den Sport", betonte Red-Bull-Star Verstappen. "Wir sind nicht zum Spaß kritisch, das hat einen Grund. Wir wollen, dass es Formel 1 ist, richtige Formel 1 auf Steroiden." Vor Saisonstart hatte der Vierfach-Weltmeister die Königsklasse als "Formel E auf Steroiden" diskreditiert.
Mehr Möglichkeiten in Shanghai
Wolff führte die Kurscharakteristiken ins Treffen. Melbourne sei eine jener Strecken, auf der es besonders schwierig sei, Energie zurückzugewinnen. "Die ist sicher eine der schlechtesten, was den Showaspekt betrifft - und es war eigentlich okay im Rennen", befand der langjährige Mercedes-Sportchef und Team-Mitbesitzer. Beim Grand Prix von China kommende Woche gibt es mehr Bremspunkte und damit Möglichkeiten zur Rekuperation. Wolff: "Hoffentlich haben wir dort auch einen guten Entertainmentfaktor."