Neue Ausschreitungen

In Tunesien eskaliert die Gewalt

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Präsident Ben Ali und sein Polizeistaat fürchten um eine weitere Eskalation.

Das Urlauberparadies Tunesien droht im blutigen Chaos zu versinken. Nach den neuen Ausschreitungen bleiben Schulen und Universitäten bis auf weiteres geschlossen. Machthaber Zine el Abidine Ben Ali scheint mehr als je zuvor die Wut der jungen Generation zu fürchten.

Tunesische Nachrichten ignorieren Proteste
Die Hauptnachrichtensendung im staatlichen Fernsehen beginnt mit einem Beitrag über den Kampf gegen Diabetes. Als wenn es nicht wieder Tote und Verletzte bei den schlimmsten sozialen Unruhen seit den achtziger Jahren gegeben hätten, wurde Normalität vorgegaukelt. Lediglich die Nachricht über die sofortige Schließung der Schulen und Universitäten ließ erahnen, wie sehr Präsident Ben Ali und sein Polizeistaat um eine weitere Eskalation der Situation fürchten. Immer mehr Jugendliche und Studenten hatten sich in den letzten Tagen mit den Protesten der jungen Arbeitslosen solidarisiert. Zumindest von den Universitäts- und Schulgeländen sollen nun keine neuen Demonstranten mehr losziehen, um gegen Polizeigewalt und Perspektivlosigkeit zu demonstrieren.

Strenge Zensur
Ob die harte Maßnahme hilft, die Proteste zu stoppen, ist ungewiss. Trotz strenger Zensur finden immer wieder grausame Zeugnisse der Gewalttaten von Sicherheitskräften den Weg ins Internet. Mit Handykameras aufgenommene Videos aus Krankenhäusern zeigen Opfer mit schlimmen Schusswunden und deren verzweifelte Angehörige. Dass die Polizei auf gewalttätige Demonstranten das Feuer eröffnete, hat das Regime mittlerweile zugegeben. Über die Zahl der Opfer schweigt sie allerdings noch. Menschenrechtsorganisationen sprechen von 35 identifizierten Leichen. Vermutlich seien aber wesentlich mehr Menschen ums Leben gekommen. "Ich habe große Angst, dass sich die Unruhen ausbreiten", sagte eine Hausfrau mit drei Kindern aus Tunis. Dies ist nicht unwahrscheinlich.

Protest teilweise über Facebook organisiert
Über Mobiltelefone oder Netzwerke wie Facebook werden Demonstrationen verabredet und Beweise für Polizeigewalt immer weiter verbreitet. Etwa jeder fünfte Tunesier soll bei Facebook angemeldet sein. "Ich habe aus verschiedenen Quellen gehört, dass die Polizei das Feuer auf unschuldige Leute eröffnet hat", berichtet beispielsweise der 22 Jahre alte Student Ahmed. "Das ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit." Etliche junge Tunesier haben bei Facebook blutbesudelte tunesische Flaggen oder schwarze Trauerbänder zu ihrem Profilbild gemacht.

Westliche Beobachter überrascht
Für etliche westliche Beobachter im Land sind die blutigen Unruhen eine Überraschung. Der Frust der oft gut ausgebildeten jungen Arbeitslosen war zwar bekannt. Kaum einer rechnete aber damit, dass es Massenproteste gegen den seit 1987 herrschenden Staatschef Ben Ali geben könnte. "Im nordafrikanischen Vergleich geht es den meisten Tunesiern bestens", sagte ein Diplomat kurz vor den Unruhen in Tunis und verwies auf die breite Mittelschicht, das fortschrittliche Gesundheitssystem und das gute Investitionsklima. "Viele haben viel zu verlieren."

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