Péter Magyar könnte neuer Premier Ungarns werden. Sozialisiert wurde der 45-Jährige aber im Orban-Lager.
Als Kind hängte sich Péter Magyar ein Foto von Viktor Orbán an die Schlafzimmerwand. Damals, rund um die ersten demokratischen Wahlen in Ungarn im Jahr 1990, war Orbán ein antikommunistischer Heißsporn. Jahrzehnte später hofft der heute 45-jährige Magyar, die 16-jährige Amtszeit des Ministerpräsidenten bei der Parlamentswahl am Sonntag endgültig zu beenden.
Die meisten Umfragen sehen Magyars Mitte-Rechts-Partei TISZA, die pro-europäisch ausgerichtet ist, derzeit vor Orbáns nationalistischer Fidesz-Partei. Magyar war beim Zusammenbruch des Kommunismus erst neun Jahre alt. Er habe die Wände seines Elternhauses in Budapest mit Fotos führender Politiker dekoriert, erzählte er im vergangenen Jahr im Podcast "Fókuszcsoport". Orbán, damals ein junger Jurist, war 1989 zu einem Helden der ungarischen Demokratiebewegung geworden, als er öffentlich den Abzug der sowjetischen Truppen forderte. "Es gab eine Energie rund um den Regimewechsel, die mich als Kind mitgerissen hat", sagte Magyar.
Auf Anhieb 30 Prozent
Der Politiker, dessen Nachname wörtlich "Ungar" bedeutet, trat vor zwei Jahren ins Rampenlicht. Seine Ex-Frau, Orbáns ehemalige Justizministerin Judit Varga, war von allen politischen Ämtern zurückgetreten, nachdem ein Begnadigungsfall im Zusammenhang mit der Vertuschung von Kindesmissbrauch öffentliche Empörung ausgelöst hatte. Magyar rückte rasch von Fidesz ab, warf der Regierungspartei Korruption sowie Propaganda vor und erklärte, er sei von der Partei desillusioniert.
Nur vier Monate, nachdem er im Februar 2024 durch ein Interview auf dem YouTube-Kanal Partizan aus der fast völligen Unbekanntheit aufgetaucht war, holte seine neue Partei bei den Europawahlen im Juni 2024 auf Anhieb 30 Prozent der Stimmen. TISZA landete hinter Fidesz auf dem zweiten Platz und deklassierte die restliche Opposition.
Die anstehende Wahl wird nicht nur für Ungarn, sondern auch für Europa und die populistische extreme Rechte weitreichende Folgen haben. Orbán strebt seit 2010 eine "illiberale Demokratie" an, schränkt Medienfreiheiten sowie die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen ein und schwächt die Unabhängigkeit der Justiz. Er pflegt gute Beziehungen zum russischen Präsidenten Wladimir Putin und zu US-Präsident Donald Trump und gerät immer wieder mit der EU aneinander. Die EU-Kommission hat wegen Bedenken hinsichtlich der demokratischen Standards in Ungarn Fördermittel in Milliardenhöhe eingefroren.
Magyar hat dagegen versprochen, die Westbindung Ungarns wiederherzustellen und die Abhängigkeit von russischer Energie bis 2035 zu beenden. Gleichzeitig strebt er "pragmatische Beziehungen" zu Moskau an.
Experten gehen davon aus, dass die Spannungen zwischen Budapest und der EU unter einer TISZA-Regierung abnehmen würden. Zuletzt waren diese durch Orbáns Veto gegen ein 90 Milliarden Euro schweres Hilfspaket für Kiew weiter verschärft worden. "Orbán hat den Glauben an die derzeitige Form und Richtung der europäischen Integration verloren und verfolgt eine Politik der Vetos und der Blockade", erklärt Botond Feledy, geopolitischer Analyst bei Red Snow Consulting. "TISZA hat prinzipiell nichts gegen die Integration einzuwenden und würde ihre Auseinandersetzungen auf einer sachlichen Ebene führen."
Magyar will die von Ungarn blockierten EU-Gelder für die Ukraine freimachen, auch um die stagnierende ungarische Wirtschaft wieder anzukurbeln. Dabei geht er jedoch behutsam vor, um konservative Wähler nicht zu verschrecken. Anders als Orbán lehnt er das Recht der Ukraine auf einen künftigen EU-Beitritt nicht prinzipiell ab, das TISZA-Programm unterstützt jedoch keinen beschleunigten Beitritt Kiews. Wie Fidesz lehnt auch TISZA EU-Quoten für die Aufnahme von Migranten ab und will den unter Orbán errichteten Grenzzaun beibehalten.
"Jetzt zähle ich bis zehn"
Im Wahlkampf nutzt Magyar Orbáns eigene Methoden. Er konzentriert sich auf die Basis, was ihn bis in die ländlichen Fidesz-Hochburgen führt. Auf seinen Kundgebungen wehen stets viele Nationalflaggen – ein Appell an den Patriotismus der ungarischen Wähler ganz im Stil Orbáns. Seine beständigen und klaren Botschaften sowie die geschickte Nutzung der sozialen Medien hätten zu seinem rasanten Aufstieg beigetragen, sagte Gábor Tóka, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Vera and Donald Blinken Open Society Archives.
"Viele Menschen schöpfen auch Vertrauen aus der Geschichte von jemandem, der unwiderruflich mit dem System in Konflikt geraten ist und keinen Weg zurück hat", erklärte Tóka mit Blick auf Magyars Bruch mit Orbán. In den meisten Umfragen führt TISZA bei den entschlossenen Wählern mit acht bis zwölf Prozentpunkten vor Fidesz, auch wenn regierungsnahe Meinungsforscher die Regierungspartei vorn sehen.
Magyar wurde 1981 in eine Juristenfamilie geboren und studierte selbst Jus. Er heiratete Varga im Jahr 2006. Als ihre Karriere sie nach Brüssel führte, trat Magyar in den ungarischen diplomatischen Dienst ein und arbeitete an EU-Gesetzgebungsverfahren. Nach seiner Rückkehr nach Ungarn wechselte er zu einer staatlichen Bank und leitete anschließend eine Agentur für Studienkredite.
Magyar und Varga, die sich 2023 scheiden ließen, haben drei Söhne. Er bezeichnet sich selbst als religiös und kocht nach eigenen Angaben gern oder spielt mit Freunden und seinen Söhnen Fußball. Auf die Frage im Dezember, wie er sich seit seinem Einstieg in die Politik verändert habe, spielte Magyar auf Medienberichte an, die ihn als aufbrausend beschreiben: "Jetzt zähle ich bis zehn."