Francesco Schettino

Traumschiff-Unglück

Todesschiff-Kapitän drohen jetzt 15 Jahre

Schettino sitzt in Haft, Anwalt spricht von „Selbstmordgefahr“.

Marinetaucher der italienischen Küstenwache versuchen weiter das schier Unmögliche: Mit Unterwassersprengstoff jagen sie mannsgroße Löcher in den Rumpf des Todesschiffes, um besser in die dunklen Schluchten des 17 Stockwerke großen Schiffes abtauchen zu können. Vielleicht gibt es in einzelnen Luftkammern doch noch Überlebende.

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Schweres menschliches Versagen seitens des Kapitäns könnte nach Angaben des Eigners der "Costa Concordia" zur Havarie des Kreuzfahrtschiffes geführt haben.

"Es scheint, dass der Kommandant Beurteilungsfehler gemacht hat, die schwerste Folgen gehabt haben", teilte die in Genua ansässige Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere mit.

Sie ging damit auf Distanz zu Kapitän Francesco Schettino, der das Schiff mit mehr als 4.200 Menschen an Bord am Freitagabend zu dicht an die Insel Giglio vor der toskanischen Küste gesteuert haben soll, wo es auf einen Felsen lief und leckschlug.

Bergungsmannschaften setzten unterdessen am Montag in der Früh die Suche nach den noch vermissten Passagieren und Besatzungsmitgliedern fort.

Mehr als zwei Tage nach dem Kentern des Schiffes wurden immer noch 15 Menschen vermisst.

Unterdessen wurde auch mit den Vorbereitungen für ein Leerpumpen der Öltanks der "Costa Concordia" begonnen.

Die niederländische Bergungsfirma Smit sei vom Eigner und dem Versicherer des Kreuzfahrtschiffs mit den Pumparbeiten beauftragt worden.

Der Kapitän sitzt seit Samstag in Untersuchungshaft.

Es sehe so aus, als seien die Entscheidungen des Kapitäns in der Notsituation nicht den üblichen Regeln von Costa Crociere gefolgt, erklärte die Reederei.

Zugleich wurde der Vorwurf einiger Passagiere zurückgewiesen, dass bei der Evakuierung in der Nacht auf Samstag nicht genügend Schwimmwesten zur Verfügung gestanden hätten. An Bord hatten sich auch 77 Österreicher befunden, die alle unverletzt davonkamen.

Dem Kapitän droht unter anderem ein Verfahren wegen mehrfacher fahrlässiger Tötung. Berichten zufolge soll er das Schiff so dicht an die Insel herangesteuert haben, um Touristen im Hafen mit dem Signalhorn grüßen zu können.

Die Kreuzfahrtgesellschaft ging in ihrer Erklärung nicht weiter auf die Vorwürfe ein.

Einzelheiten zum Hergang des Unglücks erhofft man sich von der Auswertung der Blackbox des Schiffes, die ähnlich wie in Flugzeugen Kommunikation auf der Brücke und Steuerbefehle aufzeichnet.

Die Realität sieht aber anders aus: Dienstagnachmittag entdeckten die Marinetaucher fünf weitere Leichen. Die Toten lagen im überfluteten Heckteil der gekenterten „Costa Concordia“. Damit steigt die Zahl der geborgenen Todesopfer vor der Küste der Toskana auf elf.

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Der Kapitän: egozentrisch, herrisch und schwierig
Kapitän Francesco Schettino wird immer mehr zur Schlüsselfigur der Kata­strophe. Der 52-Jährige aus Sorrento an der Amalfiküste sitzt in Untersuchungshaft. Als „egozentrisch und schwierig“ wird der stets braun gebrannte Schettino von seinen Kollegen beschrieben. Als „hilfsbereit und nett“ bezeichnet ihn das Wiener Crewmitglied Marie Bulgarini.

Schettino begann seine Karriere auf einem Öltanker. 2002 wechselte er als Sicherheitsoffizier zur Genueser Reederei Costa Crociere. Seit 2006 ist er Kapitän. Zum Zeitpunkt der Kollision hatte er das alleinige Kommando an Bord. Das gab die Staatsanwaltschaft inzwischen bekannt. Der Staatsanwalt wirft Schettino fahrlässige Tötung, Havarie und das Verlassen des Schiffes während der Evakuierung vor. Darauf stehen fünfzehn Jahre Haft.

>> Das Anruf-Protokoll: Hafenaufsicht spricht mit dem Kapitän

Bruno Leporatti, Anwalt des Kapitäns, sagte am Dienstag: „Francesco ist bestürzt und erschüttert.“ Die Justizbehörden befürchten, er könnte Selbstmord begehen.

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Inzwischen verschlechterten sich die Wetterbedingungen vor der Insel Giglio. Die Costa Concordia begann, sich sichtbar zu bewegen

Die Costa Concordia begann, sich sichtbar zu bewegen.

Daraufhin wurde aus Sicherheitsgründen beschlossen, die Suche nach Überlebenden im Wrack vorübergehend auszusetzen.

Wenn sich das Schiff weiterhin bewegt, besteht höchste Gefahr für die Taucher", erklärte Umweltminister Corrado Clini.

Die Reederei Costa Crociere, Betreiber der "Costa Concordia", warf dem Kapitän "Fehlentscheidungen" vor. Er habe sich nicht an Bestimmungen gehalten.

"Die Route des Schiffs führte offenbar zu nahe an der Küste vorbei, wobei sich die Einschätzung des Kapitäns für einen Notfall nicht mit den von Costa vorgegebenen Standards deckte", heißt es in einer Presseaussendung der Costa Crociere.

Schettino sei 2002 als Sicherheitsoffizier zu Costa gekommen und 2006 zum Kapitän ernannt worden.

Der Eigner des havarierten Kreuzfahrtschiffs "Costa Concordia", Carnival, ist an der Londoner Börse massiv abgestraft worden.

Die Titel fielen am Montag in der Spitze um knapp 29 Prozent auf ein Zweieinhalb-Jahrestief.

Dabei wechselten binnen der ersten Handelsstunde fast viermal so viele Aktien den Besitzer wie an einem gesamten Durchschnittstag.

Carnival bleibt nach eigenen Angaben auf einem Schaden von rund 85 bis 95 Mio. Dollar (bis zu 74,4 Mio. Euro) sitzen, allein schon weil das vor der italienischen Küste gesunkene Schiff voraussichtlich das ganze Jahr nicht einsetzbar sein wird.

Österreicher werden schon bald entschädigt
Die Österreicher, die an Bord der „Costa Concordia“ waren und alles zurücklassen mussten, werden schon bald entschädigt. Das versprach Stefan Bracher, Kommunikationschef von Eurotours: „Wir brauchen von den Gästen bloß eine genaue Auflistung ihres untergegangenen Reisegepäcks“, sagt er.

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Die "Costa Concordia" gehört nach Angaben des Eigners zu den neuesten und größten Kreuzfahrtschiffen, die derzeit auf den Meeren unterwegs sind.

Sie wurde 2006 gebaut und bietet in 1.500 Kabinen Platz für 3780 Passagiere.

Betreiber ist das italienische Kreuzfahrtunternehmen Costa Crociere mit Sitz in Genua.

Das Schiff misst 290 Meter und ist rund 40 Meter breit. Es schafft bei 114.500 Bruttoregistertonnen eine maximale Geschwindigkeit von 23 Knoten (rund 43 Stundenkilometer).

1.100 Besatzungsmitglieder kümmern sich um die Gäste.

An Bord befinden sich auf 17 Decks neben fünf Restaurants auch ein Theater, ein Kino sowie Clubs und Diskotheken.

Jetzt wehrt sich Crew

Der Schock sitzt tief, kam zeitverzögert: „Erst daheim in Wien hab’ ich realisiert, wie knapp es tatsächlich gewesen ist“, sagt Marie Bulgarini, 23, zu ÖSTERREICH. Sie arbeitete seit November 2011 auf dem Katastrophenschiff als „International Hostess“, kann die heftige Kritik an der Crew nicht verstehen: „Ich war doch eine der Letzten, die das Deck verlassen haben.“

ÖSTERREICH: War zu diesem Zeitpunkt der Kapitän schon an Land?
Marie Bulgarini:
Das kann ich nicht genau sagen. Ich habe ihn nur später am Pier gesehen. Er stand da, der Schrecken war ihm anzusehen. Gesprochen habe ich nicht mit ihm, weil ich mit dem Boot wieder zurück aufs Schiff bin.

ÖSTERREICH: Warum?
Bulgarini:
Es waren doch noch Passagiere an Bord. Deshalb bin ich wieder zurückgefahren.

ÖSTERREICH: Normalerweise geht der Kapitän doch als Letzter von Bord?
Bulgarini:
Ich weiß nicht, warum er runter ist. Ich kann aber nichts Schlechtes über ihn sagen. Er war immer nett zu uns, hat sich perfekt um alle gekümmert.

ÖSTERREICH: Sie waren kurz nach der Kollision auf der Brücke. Welchen Eindruck machte er?
Bulgarini:
Zuerst war ich in meinem Büro auf Deck 5. Plötzlich hat das ganze Schiff vibriert. Ich bin sofort rauf zur Brücke. Kapitän Schettino war da, die anderen Offiziere auch. Es war hektisch, aber es ist keine Panik ausgebrochen.

ÖSTERREICH: Danach mussten Sie via Bordlautsprecher die Passagiere ­beruhigen. Herrschte sofort Panik an Bord?
Bulgarini:
Ja, es war dunkel, das Schiff hatte Schräglage. Viele Passagiere haben sich katastrophal verhalten. Sie filmten mit ihren Handys, fotografierten. Andere schrien, tobten, haben sich unseren Anweisungen einfach widersetzt. Manche stürmten an uns vorbei, trampelten über Frauen und Kinder, haben sich rücksichtslos durch die Menge geboxt, um als Erste im Rettungsboot zu sein. Andere verhielten sich rücksichtsvoll. Sicherlich waren auch einige Crewmitglieder schockiert – aber jene, die ich gesehen habe, haben gut zusammengearbeitet. Manche Offiziere sind sogar ins Wasser gesprungen, um Menschen zu retten.

ÖSTERREICH: Sie haben vor dem Unglück auch Sicherheitsübungen abgehalten.
Bulgarini:
Das Training kann man aber nicht mit dem Ernstfall vergleichen. Einige Gäste hören nicht zu, andere schwänzen, kommen nicht.

ÖSTERREICH: Hatten Sie Angst?
Bulgarini:
Nein, da war keine Zeit für Angst.

ÖSTERREICH: Würden Sie wieder anheuern?
Bulgarini:
Ja, jederzeit.

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