Wie verlässlich Washingtons Sicherheitsgarantien im Ernstfall überhaupt noch?
Donald Trumps Krieg gegen den Iran erschüttert die Beziehungen Washingtons zu seinen Verbündeten weltweit. Auch wenn sich sein Unmut bisher vor allem gegen Europa und die NATO richtet, verfolgen Amerikas Partner in Asien die Entwicklung mit wachsender Nervosität. Sie fragen sich, ob Abfangraketen, Kriegsschiffe und Truppen, die eigentlich zur Abschreckung gegen China und Nordkorea dienen, verstärkt in den Persischen Golf verlegt werden. Zum Teil ist das bereits passiert.
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Noch drängender ist aber die Frage, wie verlässlich Washingtons Sicherheitsgarantien im Ernstfall überhaupt noch sind. Profitieren könnte ausgerechnet der gemeinsame Rivale China: Auf einen Ölpreisschock ist die Volksrepublik dank strategischer Reserven und teils russischer Pipeline-Lieferungen besser vorbereitet als die US-Verbündeten in der Region. Die abgelenkten USA könnten Pekings ohnehin selbstbewusstes Auftreten in der Taiwanstraße und im Südchinesischen Meer weiter befeuern.
Südkorea
Jahrzehntelang galt die Allianz zwischen Seoul und Washington auf beiden Seiten als eisern und unantastbar. Seit Donald Trumps zweiter Amtszeit und besonders seit Beginn des Iran-Kriegs hat sich in Seoul jedoch tiefe Unsicherheit ausgebreitet.
Denn wie vielen NATO-Staaten hat Trump auch Südkorea wiederholt vorgeworfen, zu wenig für den amerikanischen Schutz zu zahlen und das Bündnis auszunutzen. Zugleich drohte er mehrfach, die rund 28.500 in Südkorea stationierten US-Soldaten abzuziehen.
Anfang März berichtete die "Washington Post", die US-Armee würde Teile eines in Südkorea stationierten Raketenabwehrsystems in den Nahen Osten verlegen. "Wir haben zwar unsere Opposition geäußert, aber die Realität ist, dass wir unsere Position nicht vollständig durchsetzen können", sagte Südkoreas Präsident Lee Jae Myung damals - ohne jedoch den Abzug der US-Militärausrüstung offiziell zu bestätigen.
"Ein Verlassen auf die USA ist nach dem Iran-Krieg nicht mehr möglich", übertitelte die linksgerichtete Tageszeitung "Hankyoreh" einen aktuellen Leitartikel. Wie weit die Verunsicherung reicht, hat zuletzt auch die Denkfabrik Asan-Institut mit Sitz in Seoul in einer repräsentativen Umfrage erhoben. Demnach halten nur noch 64 Prozent aller Südkoreaner die USA für den wichtigsten Sicherheitspartner - im Vorjahr waren es noch über 74 Prozent.
"Ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal sagen müsste. Aber ich denke, Korea muss beginnen, seine Zukunft nach eigenen Maßstäben zu gestalten", sagte der mittlerweile 98-jährige James Laney, der in den 90ern als US-Botschafter in Seoul diente, zuletzt über die bilateralen Beziehungen.
Japan
Japan gilt zwar als engster US-Alliierter im Indopazifik, ist jedoch nicht vor Provokationen durch Donald Trump gefeit. Als Ministerpräsidentin Sanae Takaichi im März den US-Präsidenten im Weißen Haus besuchte, irritierte Trump die japanische Regierungschefin mit einem historischen Vergleich zu Pearl Harbor. So sprach der 79-Jährige darüber, dass die USA beim Angriff auf den Iran das Überraschungsmoment genutzt hätten.
"Wer kennt sich mit Überraschungen besser aus als Japan?", fragte Trump und sorgte für Gelächter im Raum. "Warum haben sie mir nichts über Pearl Harbor gesagt?", fragte Trump an die Japaner gerichtet. Japan hatte am 7. Dezember 1941 den US-Stützpunkt Pearl Harbor auf Hawaii bombardiert.
Trump hat die Japaner jedoch nicht nur rhetorisch verunsichert. Japanische Medien berichteten in den vergangenen Wochen, dass mehrere US-Militäreinheiten aus dem ostasiatischen Land in Richtung Naher Osten verlegt wurden. Dazu zählt auch die in Sasebo stationierte "USS Tripoli" mit Marines und weiteren Seeleuten an Bord. Auch zwei in Yokosuka stationierte Lenkwaffenzerstörer operieren inzwischen im Arabischen Meer.
Zugleich zeigt sich eine Lücke bei den US-Flugzeugträgern im Indopazifik: Die "USS Abraham Lincoln" wurde aus dem Südchinesischen Meer abgezogen und ist inzwischen im Nahen Osten im Einsatz. Damit ist die "USS George Washington" der einzige in Asien stationierte US-Flugzeugträger. Sie befindet sich derzeit allerdings in Wartung in Yokosuka.
Taiwan
Der demokratisch regierte Inselstaat, den sich China notfalls auch mit einer Invasion einverleiben will, ist abhängig von US-Waffenlieferungen, mit denen Washington Taiwans Verteidigung unterstützt. Den Einfluss des Iran-Kriegs auf die US-Präsenz im Asien-Pazifik-Raum hält der taiwanische Experte Su Tzu-yun für überschaubar. Insgesamt hätten die USA keinen groß angelegten Abzug von Frontverteidigungssystemen vorgenommen, sagt der Direktor des Forschungsinstituts für Verteidigungsstrategie und -ressourcen.
Mittel- und langfristig könnte der Krieg laut Su Auswirkungen auf US-Waffenverkäufe an Taiwan haben, kurzfristig eher nicht. Der Experte verwies darauf, dass die USA im Iran-Krieg mehr Patriot-Raketen verwendet hätten, als sie jährlich herstellten. Für Taiwan unterstreiche dies, wie wichtig die heimisch produzierten Tien-Kung-Raketen seien.
Taiwan erlebt seit einigen Jahren beinahe täglich Militärübungen der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Durch den Iran-Krieg könnte das Vertrauen der Taiwaner in die USA zwar leicht beeinträchtigt werden, meint Su. Doch die Öffentlichkeit habe mittlerweile auch psychologische Widerstandsfähigkeit entwickelt.