Jedermann-Premiere in Salzburg

Ein Mann im gemusterten Anzug liegt zusammengerollt auf einem Tisch zwischen goldenen Stühlen.
© APA/BARBARA GINDL
Am Ende half weder die neue Buhlschaft noch der nackte Jedermann. In ihrem dritten Jahr zeigte sich Robert Carsens "Jedermann"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen sichtlich abgenützt.
OE24 auf Google bevorzugen

Zumindest der Wettergott war gut gestimmt: Die Premiere am Samstagabend konnte bei lauen Temperaturen am Domplatz stattfinden. Ansonsten blieb die Inszenierung des Hofmannsthal-Klassikers das, was sie auch in den vergangenen zwei Jahren schon war: ein gefälliges Antanzen gegen den Tod.

Ein Mann und eine Frau in prunkvollen Kostümen spielen eine emotionale Szene am festlich gedeckten Tisch.
© APA/BARBARA GINDL

"Dance, dance, dance, dance, dance until I die / Medicate myself 'til my head is in the sky", heißt es in dem 2023 erschienenen Song "Don't wanna sleep" der italienischen Rockgruppe Måneskin. Tanzen und koksen stehen auch diesmal wieder im Zentrum von Jedermanns opulenter Gartenparty. Doch anders als in den Vorjahren legt Philipp Hochmair heuer von Anfang an eine gewisse Müdigkeit an den Tag, die sich in Teilen auch auf das Publikum übertrug. Ein Grund dafür könnte durchaus die mangelnde Chemie zwischen dem Schauspieler und seiner neuen Buhlschaft Roxane Duran sein. Während Deleila Piasko Hochmair in den vergangenen zwei Jahren als selbstbewusstes It-Girl herausforderte, mangelt es Duran an Profil.

Zwei Männer steigen bei einer Theateraufführung aus einem goldenen Auto auf einem roten Teppich.
© APA/BARBARA GINDL

Die neuen Frauen bleiben eher blass

Die 33-jährige österreichisch-französische Schauspielerin, die in Michael Hanekes 2009 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnetem Kinofilm "Das weiße Band" ihren Durchbruch feierte, wirkt mehr wie ein Fan- denn ein It-Girl. Ein paar ins Leere laufende tiefe Blicke und mehrmaliges laszives Lippenlecken machen noch keine Liebschaft. Umso unglaubwürdiger ist es, dass Jedermann ihr diesmal ganz offiziell mit einem Ring einen Heiratsantrag macht, nachdem er mit seiner Mutter gesprochen hat. Diese mimt in diesem Jahr in Nachfolge der grandiosen Andrea Jonasson die deutsche Schauspielerin Daniela Ziegler, die es jedoch nicht vermag, eine glaubwürdige emotionale Bindung zu ihrem dem Tod geweihten Sohn zu vermitteln.

Ein Mann und eine Frau in opulenten Kostümen bei einer Theaterszene an einem festlich gedeckten Tisch.
© APA/BARBARA GINDL

Und so entpuppen sich im Laufe des 110-minütigen Abends ausgerechnet die zwei zentralen Neubesetzungen als weniger geglückt. Profilieren konnte sich allerdings die kurzfristig für die Burgschauspielerin Sylvie Rohrer eingesprungene Meike Droste in der Doppelrolle des armen Nachbarn/Werke. Sie erinnert in ihrer Intensität in beiden Rollen an Dörte Lyssewski aus dem Jahr 2024.

Nacktheit als Effekt

Ansonsten blieb die "Jedermann"-Besetzung unverändert: Der 2024 mit einem Nestroy-Preis für die beste Nebenrolle ausgezeichnete Christoph Luser brilliert erneut als Guter Gesell/Teufel, Dominik Dos-Reis lullt seine Schäfchen als zum Priester gewordener Tod ein, Kristof Van Boven gibt als hyperaktiver Mammon einen herrlich überdrehten Jedermann-Klon.

Szene aus "Jedermann" mit einer Frau und einem Mann in festlichen Bühnenkostümen, umgeben von Publikum.
© APA/BARBARA GINDL

Hochmair spult seine Rolle routiniert ab und gewinnt vor allem im zweiten Teil des Abends an gewohnter Dramatik. Warum sich Carsen dazu entschieden hat, ihn kurzfristig nackt auftreten zu lassen - in den vergangenen Jahren gab es trotz der Textzeile "Fährst in die Gruben nackt und bloß" noch eine Unterhose - entzieht sich jeglicher dramaturgischen Notwendigkeit und lässt einen billigen Effekt vermuten.

Ein Mann im karierten Sakko hält lachend ein Smartphone und steht im Freien.
© APA/BARBARA GINDL

Am Ende des Abends spendete das Publikum freundlichen Applaus. Interims-Intendantin Karin Bergmann, die auch noch das Programm der Festspiele 2027 verantwortet, wird sich überlegen müssen, ob sie diese Inszenierung wirklich noch in ein viertes Jahr gehen lässt. Die Hearings für die neue Intendanz ab 1. Oktober 2027 sollen nach Ende des Festspielsommers stattfinden. Gut möglich, dass die Entscheidung über die Zukunft des "Jedermann" erst gemeinsam mit der künftigen Intendanz getroffen wird.

Fehler im Artikel gefunden?Jetzt melden