Offener Brief
Radikaler Islam in NÖ: Kritik an Beobachtungsstelle
Religionswissenschaftler und Theologen fordern eine Neuaufstellung des wissenschaftlichen Beirats der Beobachtungsstelle für den radikalen Islam in Niederösterreich. "Mit Befremden" habe man erfahren, dass dieser aus Mitgliedern ohne Expertise im Bereich der Islamwissenschaft zusammengesetzt sei, war laut Kathpress am Dienstag in einem Offenen Brief zu lesen. Vonseiten des Büros von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) wurde die Kritik auf APA-Anfrage zurückgewiesen.
Die von Schwarz-Blau ins Leben gerufene Beobachtungsstelle wurde im Jänner präsentiert. Die wissenschaftliche Basis soll das Institut für Sicherheitsforschung der Fachhochschule Wiener Neustadt bilden. Begleitet wird die Arbeit der Beobachtungsstelle von einem wissenschaftlichen Beirat. Diesem gehören Universitätsprofessor Wolfgang Mazal, Niederösterreichs Bildungsdirektor Karl Fritthum, die Direktorin des "Zentrums für das Studium des Politischen Islam", Eleonore Witt-Dörring, und Christian Klar, Direktor der Mittelschule Jedlesee in Wien, an.
"Eine kritische Auseinandersetzung mit demokratiefeindlichen und extremistischen Strömungen innerhalb des Islam - wie auch in allen Religionen - ist wichtig. Aber sie muss sachlich, differenziert und mit wissenschaftlicher Expertise erfolgen", hielten die Unterzeichner fest. Vor dem Hintergrund der Folgen des modernen Antisemitismus sollten gerade staatliche Einrichtungen "alles dafür tun, dass ein konstruktives gleichberechtigtes Zusammenleben in der religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaft gelingt, und nicht ein gefährliches Glutnest eines pauschalen feindlichen Misstrauens gegen die 'Anderen' geschürt wird", wurde betont.
Radikalisierungstendenzen erkennen
Als Wissenschafter, "aber auch als demokratische BürgerInnen" appelliere man an die Verantwortlichen, "auf der wissenschaftlichen Qualität des Gremiums zu bestehen und damit eine seriöse Tätigkeit zu gewährleisten". Gerade der ÖVP als christlich-sozialer Partei müsse dies ein Anliegen sein, wurde insbesondere an die Landeshauptfrau appelliert. Zu den Unterzeichnern zählen der Islamwissenschafter Rüdiger Lohlker, die Vorstände der Religionswissenschaft-Institute an den Universitäten Wien und Graz, Lukas K. Pokorny und Franz Winter, sowie der Leiter des Zentrums Theologie interkulturell und Studium der Religionen an der Uni Salzburg, Martin Rötting.
"Es geht bei der Beobachtungsstelle Radikaler Islam nicht darum, den Islam zu erforschen, sondern radikale, demokratiefeindliche, freiheitsfeindliche und frauenfeindliche Strömungen frühzeitig zu erkennen und zu bekämpfen. Dafür muss man nicht den Islam studiert haben. Dafür muss man aber wissen, was wir schützen wollen: unsere Demokratie, unsere Freiheit und unsere Werte", hieß es aus dem Büro der Landeshauptfrau auf Anfrage. Für fachliche Diskussionen stehe die Beobachtungsstelle an der Fachhochschule Wiener Neustadt jeder und jedem offen. "Wer Radikalisierung erst dann ernst nimmt, wenn der Staatsschutz eingreifen muss, handelt zu spät", wurde betont.
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