Kino-Highlight
"The Death of Robin Hood": Ein Meister der Fake News
Bei Robin Hood denken die meisten an den fröhlichen Fuchs aus dem Disney-Klassiker oder Kevin Costner. Wer sich dieses Bild bewahren will, sollte sich kein Ticket für die Neuverfilmung des Sagenstoffes um den Helden aus dem Sherwood Forest kaufen - auch wenn mit Hugh Jackman ein Hauptdarsteller auf der Besetzungsliste steht, der unter dem latenten Verdacht steht, der netteste Mann Hollywoods zu sein. Am Donnerstag kommt "The Death of Robin Hood" ins Kino.
Und das Werk ist das genaue Gegenteil von all dem, was im Popkulturgedächtnis hinterlegt ist. Jackman spielt Robin Hood darin als einen Mann, der mit dem Helden vieler Kindheiten ähnlich viel gemein hat wie eine Lichtung im Wald mit einem Schlachtfeld. Alt, vom Leben ermattet, zerzaust - und extrem brutal. Jackmans Robin Hood ist ein mordender Plünderer, der schon in den ersten Minuten des Films eine Minderjährige massakriert.
Das Drama erzählt vom letzten Kapitel im Leben der englischen Legende. Robin Hood lebt als verwilderter Alter einsam irgendwo in den Bergen. Dann taucht einer seiner alten Gefährten auf - Little John (Bill Skarsgård). Er hat versucht, ein neues Leben zu beginnen, ist daran aber gescheitert. Robin soll ihm bei einem letzten grausamen Überfall helfen. Der alte Mann zieht mit, wird dabei aber schwer verwundet. Über Umwege landet er in einem Kloster, in dem eine engelsgleiche Priorin (Jodie Comer) seine Wunden heilt. Im Glanz ihrer alles überstrahlenden Güte wird der gealterte Bandit sichtlich nachdenklich.
Die Macht der Mythen
Hugh Jackman versichert im dpa-Gespräch, dass die Mission des Films nicht gewesen sei, all die Menschen zu enttäuschen, die den netten Robin Hood im Herzen tragen. Er selbst habe die Zeichentrickversion von Disney viele Male gesehen. "Ich habe sie geliebt", sagt Jackman. Robin Hood ist darin ein zuckersüßer Fuchs.
Aber es sei nun um ein anderes Thema gegangen. "Die Macht von Geschichten, von Volkshelden, von Mythologie zu betrachten - und warum sie genutzt wird", sagt Jackman. "Was passiert, wenn sie vielleicht auf eine Weise genutzt wird, die egoistisch oder manipulativ ist?"
Tatsächlich erscheint der Bogenschütze in Jackmans Version wie jemand, der das Spiel mit Fake News beherrscht hat. Er betrieb eine Art mittelalterliches Reputationsmanagement. Aus dem mordenden Banditen wurde durch gut platzierte und lustige Geschichten ein gerechter Rächer - nur haben sich die Erzählungen irgendwann grotesk verselbstständigt. Selbst Robin Hood bekommt sie nicht mehr eingefangen.
Kindersoldaten?
Die Geschichte von genehmen - wie man heute sagen würde - Narrativen und wie sie genutzt werden, um schlimme Dinge zu kaschieren, ragt natürlich weit hinein in unsere Gegenwart. Ausgedacht hat sich die Neuinterpretation Autor und Regisseur Michael Sarnoski, zu dessen Vita unter anderem der Horrorthriller "A Quiet Place: Tag Eins" gehört. Schon vor Jahren soll er mit dem Drehbuch für seine Robin-Hood-Interpretation begonnen haben. Dass er mit dem Stoff einiges vorhat, war rasch absehbar.
"Über Jahre hinweg hat er furchtbare Dinge getan, junge Männer mit romantisierten Abenteuergeschichten gelockt und rekrutiert", erläuterte Sarnoski im Vorabmaterial zum Film. "Letztlich hat er Kindersoldaten, darunter auch Little John, eingesetzt, um für ihn zu morden und zu rauben." Kindersoldaten – das ist ein Wort, das selbst in den kühnsten Disney-Storyboards nie zur Debatte gestanden haben dürfte.
Tatsächlich ist unklar, ob es Robin Hood je gegeben hat. Die Legende vom Gesetzlosen in den Wäldern Nordenglands, der mit seinen Getreuen gegen die Obrigkeit kämpft, stammt aus Balladen, deren Anfänge mehr als 500 Jahre zurückreichen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie immer wieder umgedichtet und interpretiert. Im Grunde führt Regisseur Sarnoski diese Tradition nun fort. Dabei beruft er sich auf eine kurze Ballade über den Tod des Helden.
Vom Schäfer zum Schlächter
Dass Jackman die Hauptrolle spielt, wertet den Film extrem auf. Zuletzt war der 57-Jährige in "Glennkill: Ein Schafskrimi" zu sehen. Dort las er, in warmes Licht getaucht, als Schäfer einigen Schafen Krimis vor. Der Kontrast zu einem zutiefst verstörenden Robin Hood hätte kaum größer sein können, auch optisch. "Ich konnte mich selbst überhaupt nicht erkennen", sagt Jackman der dpa über seinen neuen Film. "Und das ist als Schauspieler aufregend."
Zugleich ist das Motiv des erschöpften Haudraufs am Ende einer Lebensreise auch nicht neu für den Schauspieler. Unglaublich viel in "The Death of Robin Hood" erinnert auf die eine oder andere Weise an den Film "Logan" aus dem Jahr 2017. Damals spielte Jackman seine Paraderolle, den Marvel-Helden Wolverine, als ebenfalls völlig ermattete und depressive Figur, die ihrem Ende entgegen taumelt. Den alten Mann, der sterben will - den kann er.
Vor allem: Ähnlich wie in "Logan" spielt auch bei "The Death of Robin Hood" ein kleines Mädchen eine wichtige Rolle - neben der gütigen Priorin. Es ist womöglich die größte Schwäche des Films: dass bei dem eigentlich gelungenen Versuch, einem auserzählten Stoff etwas ganz Neues abzugewinnen, am Ende doch wieder Frauen dafür zuständig sind, einem strauchelnden Mann zum inneren Frieden zu verhelfen.
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